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Der Israelit · 1889-03-25 · Heft 24 (25.3.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 24 (25.3.1889)
Date
1889-03-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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443 fähig gemacht, die Schlacht war verloren. Der Batterie lag nun die Verpflichtung ob, den Rückzug zu decken, und Hüttner, als rangsältester Unteroffizier übernahm das Commando. Im Kugelregen stand er fest und treu bei seinen Geschützen und jagte die mörderischen Geschosse in die Reihen der nachstürmenden Feinde, welche in ihrem Vormarsche durch Hüttner aufgehalten werden. Dadurch war es auch möglich, daß die Infanterie- und Cavalleriemassen geordnet retirirten. Jetzt erst wendete stch Hüttner gleichfalls zum Rückzuge und kam mit einer leichten Verwundung davon. Se. kaiserliche Hoheit Herr Erzherzog Wilhelm, der Artillerie - Commandant, war Zeuge der Heldenthaten Hüttner's, und als sich die zerstreuten Truppen wieder gesammelt, heftete der kaiserliche Prinz dem tapferen Unteroffizier persönlich die goldene Tapferkeitsmedaille, die höchste Auszeichnung, die ein Unteroffizier erringen kann, an die Brust. „Sie sind mein bravster Unteroffizier!" sagte der Erzherzog zu Hüttner und reichte dem Helden die Hand. Hüttner wollte diese Hand unter Thränen an die Lippen führen, aber der leutselige Prinz wehrte dies ab. Als Hüttner die Uniform auszog, erhielt er mit Rücksicht auf seine Verläßlichkeit und ehrenvolle, belobte Vergangenheit die Concession zum Betriebe eines Branntweinschankes. Nachdem er sich ein kleines Vermögen gesammelt hatte, begann er den Spiritushandel und ging dabei zu Grunde. Der Kanonier von Königgrätz konnte es nicht überleben, seinen Namen auf der schwarzen Tafel des Handelsgerichtes zu sehen, und er gab sich selbst den Tod, unsäglichen Jammer damit über seine Frau und seine Kinder bringend. Heute Vormittags um halb 11 Uhr wird Sigmund Hüttner auf der israelitischen Abtheilung des Centralfriedhofes beerdigt. Wien, 16. März. (Abgeordnetenhaus.) In der heutigen Sitzung sprach Abg. Freiherr v. Pirquet über das Lieferungswesen. Der Herr Abg. Türk hat vorgeschlagen, man könne sich, wenn auch nicht an jeden einzelnen Bauer, so doch an den Bürgermeister wenden. Aber in dem Augenblicke, wo ein Grundbesitzer es auf sich nehme, für die Armee zu liefern, sei er nicht mehr Grundbesitzer, sondern Lieferant. Denn das, was er für die Armee liefere, könne er nicht selbst erzeugen, er müsse es kaufen. Speciell der Preis für Korn, welchen das Aerar zahlt, sei zumeist so niedrig, daß nur ein Händler das zu Stande bringen könne. Aehnlich sei es bei dem Hafer. Das Heu sei ein so heiklicher Artikel, die Qualität so schwer zu bestimmen, und die Schwierigkeiten bei der rechtzeitigen Ablieferung in bestimmten Portionen seien so groß, daß nur ein Lieserant dieselben bewältigen könne. Was würde denn der Türk'sche Bürgermeister machen, wenn er vor den Corporal kommt, der das Heu nicht gut findet, und er nunmehr, nachdem er viele Stunden hin und her gefahren ist, das Heu wieder zurückführen soll? Es sei übrigens nicht einmal der Mühe werth, über diesen Gegenstand so viel zu sprechen. Der Präsenzstand der Armee betrage, hoch gerechnet, ein Pereent der gesammten Bevölkerung, und wir streiten uns darum, den Zwischennutzen, der aus der Differenz der Preise bei der Verpflegung dieses einen Percentes der Bevölkerung gewonnen werden könnte, der Landwirthschaft und dem Kleingewerbe zuzuwenden. Es werde dabei viel über das Agententhum gesprochen, und von der Seite der Herren Antisemiten über Alles, was Jude ist, geredet; wir haben uns schon daran gewöhnt und nehmen es immer hin, obgleich es mich auf das unangenehmste berührt. Ich finde, diese Art Antisemitismus, wie wir da beinahe täglich hören, ist nicht eine Beleidigung für die Juden, sie ist eine Beleidigung für uns Christen, denn eS ist ein zu großes Armuthszeugniß, das uns die Herren immer geben, wenn sie sagen, daß die Juden die Welt regieren, daß sie über Alles verfügen, daß sie die bevorzugten Menschen sind. Ich muß constatiren, daß das nicht der Fall ist. Ich sehe, daß die Juden eigentlich überall noch Anstoß finden und ihnen überall noch Prügel vor die Füße geworfen werden, trotz der Staatsgrundgesetze. Wenn heute Einer beim Militär eintritt, so ist es für ihn keine Recommandation, wenn er Jude ist. Und wenn er bei der politischen Behörde eintreten will, so hat er viele Schwierigkeiten. Es wurde von den Doctoren gesprochen. Auch da ist es kein Vorzug. Niemand ruft deßhalb einen Doctor, weil er Jude ist. Am allermeisten liegt der Beweis dafür, daß die Juden noch heute vor den Kopf gestoßen werden, darin, daß in dieser Weise in öffentlichen Versammlungen, wie hier in diesem Hause, ununterbrochen, ich möchte schon sagen, zum Ekel aller Anderen darüber gesprochen wird. (Beifall links.) Ich glaube, daß man über keine Nation und keine Menschenclaffe in dieser Weise, und wären es auch Zigeuner oder Raftelbinder, fortwährend reden könnte, wie wir es von jener Seite immer wieder hören müssen (Sehr gut! links), und ich wundere mich, daß es nicht möglich ist, dagegen aufzutreten, denn ich finde, daß die Würde des Hauses darunter leidet. (Sehr gut! Bravo! links.)

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