Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 24 (25.3.1889)
- Date
- 1889-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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r?**:.*ge*. habr. Bucbb^nd ann ^s 34. XXX. Jahrgang. Israelit««»Jeschurun MWlfl?ur FSrdemg j8l>. Geistes und W. Kebens ln Dnns. Geweinde und Zlhnie. Kentrak-Hrgan für das orthodoxe IudenIHum. Herausgegeben von Dr. Lehman« in Mainz. Montag, den 25* März 5649 (1889). Da mit dem 1. April 1889 ein neues Quartal beginnt, so erlauben wir uns, die geehrten Abonnenten darauf aufmerksam zu machen, daß bei der Post das Abonnement frühzeitig erneuert werden muß, damit die Versendung keine Unterbrechung erleide. Leitende Artikel. Z>ie Hemeinderathswahken in Wien. Mainz, 22. März. In der Hauptstadt des Oesterreich-Ungarischen Kaiserstaates ist in voriger Woche eine höchst traurige Erscheinung zu Tage getreten. Bei den Ergänzungswahlen zum Gemeinderathe haben die Antisemiten unter dem Namen „Vereinigte Christen" mit erdrückender Majorität den Sieg davongetragen und beinahe dreißig neue Sitze gewonnen. Die Betheiligung war eine überaus rege, und circa 70 Procent der Wahlberechtigten erschienen an der Wahlurne. Bisher hatten die Antisemiten nur sieben Sitze. Sollte sich dieser Vorgang bei den nächsten Wahlen wiederholen, so werden die grimmigsten Hasser unseres Volkes die Majorität im Wiener Gemeinderathe erlangen. Auch in Bezug auf die künftigen Wahlen kür die Volksvertretungen in den Landtagen 2C. geben diese Ereignisse zu den schlimmsten Befürchtungen Anlaß. Wohl sind Haß, Neid und Vorurtheil die Triebfedern unserer Feinde; allein, es ziemt uns, auch an die eigene Brust zu schlagen und Einkehr bei uns selbst zu halten. Das jetzt lebende Geschlecht hat es vielfach vergessen, daß unser einziger Schützer unser Vater im Himmel ist und unsere Sicherheit lediglich darauf beruht, daß wir Seine heiligen Gebote beobachten. Assimilation ist seit Jahrzehnten das Feldgeschrei unserer Freunde, unserer Feinde und leider auch vielfach der Söhne und Töchter unseres Volkes. Und wie haben sich die Juden Wiens assimilirt! Ihre Prachttempel gleichen den Kirchen mehr als j den Synagogen, ihre Rabbinen sind „Geistliche" in Wort, Schrift und Lebensweise, aus dem Gottesdienste sind die Erinnerungen an unsre große Vergangenheit verbannt, unsere Hoffnungen für eine herrliche Zukunft ausgemerzt. Die Feier des Sabbats ist vergessen, die Speisegesetze sind „antiquirt", die ehelichen Reinheitsgesetze werden nicht beobachtet, und für die Kinder von 12,000 jüdischen Familien in Wien gibt es nur eine jüdische Schule, eine Armenschule, die von etwa 300 Kindern besucht wird. Dagegen wird der Sonntag gefeiert und das Weihnachtsfest von sehr vielen Wiener Israeliten mit mehr Ostentation begangen als von den Christen. Die Vornehmen und Reichen verheirathen mit Vorliebe ihre Töchter mit verarmten und nur zu oft verkommenen Sprößlingen altadeliger Geschlechter! — So haben sich die Juden in Wien mit der chr. Bevölkerung assimilirt! — Und nicht allein das. Von Wien aus hat sich der Geist des Abfalls vom positiven Judenthume nach den Hauptstädten der Kronländer, nach Budapest, Prag, Lemberg rc. verpflanzt, und Vereine gibt es in Wien, eigends zu dem Zwecke gegründet, um namentlich die Juden Galiziens für den modernen Zeitgeist zu gewinnen. Auf alle diese Bestrebungen haben die jüngsten Gemeinderathswahlen eine nicht mißzuverstehende Antwort ertheilt. Man haßt und beneidet die reichen Juden, man haßt und verachtet die armen Juden. Man schimpft auf die verschwenderischen Israeliten und schmäht die geizigen, selbst die große Wohlthätigkeit unserer Glaubensgenossen, die keinen Unterschied kennt zwischen Juden und Nichtjuden, wird verdächtigt. Den eingefleischten Judenhassern werden wir es nie recht machen; sie möchten, wie einst Kaiser Hadrian, den Juden hängen, weil er höflich ist und grüßt, oder weil er so ungezogen