Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1889)
- Date
- 1889-03-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXX. Jahrgang. Zweite BeilageM 23 des ^Israelit" L „Ieschurun". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 13. März. Herr Dr. A. Berliner schreibt uns: Eine Trauerbotschaft, die aus Rom an mich so eben gelangt, wird nicht verfehlen, auch in den fernsten Kreisen allgemeine Theilnahme hervorzurufen. Herr Dr. M. Ehrenreich schreibt mir unterm 10. d. M. Folgendes: Ihnen sind die Verhältnisse der hiesigen Gemeinde bekannt, und deßhalb werden Sie es leicht ermessen, mit welch' schmerzlichen Gefühlen ich Ihnen die trauervolle Nachricht von dem allzufrühen Ableben unseres geliebten Commendatore*) Giacomo Alatri mittheile. Nach kurzem Krankenlager ist der Edle am 7. d. M. sanft entschlafen. Stellen Sie sich vor, welch' ein harter Schlag für seinen hochgeehrten greisen Vater, und welch' ein großer Verlust für unsere noch in den schwierigen ersten Zeiten der inneren Organisation befindliche Gemeinde! Und wie Vieles that er da, ohne ein spezielles Mandat dafür übernommen zu haben! Das höchste Interesse für Alles, was das Judenthum betrifft, vereinigte sich in ihm mit der unerschütterlichsten Ueberzeugungstreue für die Unvergänglichkeit unserer heiligen Religion! Seine Beharrlichkeit und geduldige Ausdauer in allen Angelegenheiten für gemeinnützige Unternehmungen waren fast sprüchwörtlich geworden. Unser jüdischer Kindergarten verdankt ihm seine Entstehung; seinem Eifer für die Blüthe und die immer herrlichere Entfaltung desselben ist es zuzuschreiben, daß dieses Institut als eine Musteranstalt nicht nur in Rom, sondern auch in ganz Italien anerkannt worden ist. Er war im edelsten Sinne des Wortes der Vater der armen und der Waisen- Kinder. Erfüllt von dem Glauben an die Zukunft unserer religiösen Einrichtungen, überwand er gern alle Schwierigkeiten mit bewunderungswürdigem Heldenmuthe. Wem verdankt die hiesige Gemeinde ihre Auferstehung aus langer Erstarrung, d. h. ihre Reorganisation, wie sie sich in den letzten fünf Jahren vollzogen hat, mehr als dem Dahingeschiedenen? Giacomo Alatri ist der Verfasser des Statuts für die Gemeinde; ihm und seinem ehrenwürdigen Vater, dem greisen Commendatore 1) Vor einigen Jahren wurde er vom Könige seiner vielfachen Verdienste wegen mit dem Comthur-Orden ansgezeichnet. Samuele Alatri, wird es in den Annalen der jüdischen Gemeinde Roms in erster Reihe gedacht werden, daß es ihren gemeinsamen Bestrebungen gelungen ist, die königliche Sanktion für dieses Statut zu erlangen. Noch in den letzten Wochen war er für die nähere Verwirklichung dieses Grundgesetzes thätig, obgleich er in seiner Eigenschaft als General - Secretair der Lauea Romana vollauf zu thun hatte. In dieser amtlichen Stellung erwarb er sich die ungetheilteste Achtung sowohl der Direction, als der ganzen Bürgerschaft Roms.?) Sie zeigte sich auch in so hohem Grade bei dem gestern stattgehabten Leichenbegängnisse, in dem wohl selten so viele Ehrenbezeugungen bei einem bürgerlichen Begräbnisse entfaltet sein mögen. Auch um das Collegium rabbinicum hat er sich sehr verdient gemacht °); das Ziel, welches er bis jetzt, wenn auch noch ohne Erfolg, angestrebt hat, war, für diese Lehranstalt die Rechte einer juristischen Person zu erlangen. Ausgezeichnet als Bürger des Staates und der Stadt, hochgeschätzt und geliebt als edler Mensch mit der größten Anspruchslosigkeit, vergaß er auch nicht, sich überall als den Juden und zwar den in praktisch - religiöser Uebung lebenden I e h u d i, zu zeigen.2 3 4) (Sott tröste den tiefbetrübten Vater, der im 82. Lebensjahre steht, tröste seine verwaiste Familie und richte unsere Gemeinde wieder auf, die in unbeschreibliche Trauer über den herben Verlust versetzt ist, für den sie einen vollen Ersatz kaum zu erwarten hat. — Stets der Ihrige Dr. M. Ehrenreich. 2) Seine im vorigen Jahre erschienene Schrift: Sul Riordinamento dela banche di Emissione in Italia fand die größte Anerkennung Seitens der Fachmänner. 3) Noch bei meinem vorjährigen Besuche im Collegium konnte ich bei der Gelegenheit einer Semestral-Prnfung, ZU der ich eingeladen war, das warme Interesse bewundern, welches der Verewigte an den rabbinischen Studien nahm und das Verständniß, welches er nicht allein für die Nüancen der hebräischen Sprache, sondern auch, was ebenfalls im Examen behandelt wurde, an verschiedenen Parthien im Tur dea Jore Deah Eben ha Eser sich bewahrt hatte. 4) Wie erhebend war es, diesen hochgestellten Mann zuweilen als ->128 oder als N“np fungiren zu sehen. Mir selbst sagte er einmal bei Gelegenheit, daß er von seinem Vater eine alte Tradition überkommen habe, in seiner Familie wäre bis in die ältesten Zeiten zurück niemals ein Abfall oder Uebertritt vorgekomnten — ein Ruhm, den nicht viele römische jüdische Familien aus jenen Zeiten der traurigen Verfolgungen und Bedrückungen sich haben erhalten können! Br.