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Der Israelit · 1889-03-21 · Heft 23 (21.3.1889) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 23 (21.3.1889)
Date
1889-03-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXX. Jahrgang. Erste Beilage zu M 23 öes „Israelit" & „Ieschurun". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. England. London, (cms), 17. März. Am gestrigen Sabbat ereignete sich eine ungewöhnlich große Aufregung verursachende Scene. Unter den hier eingewanderten Tausenden von Russen und Polen befinden sich naturgemäß viele Arbeitslose und Viele, die zwar Arbeit fanden, aber durch das leider vielfach eingeführte System der Ueberbürdung von Arbeitslast (Schwitz-System) dem schweren Drucke der Meister preisgegeben sind. In Folge dieser traurigen Lage fielen schon gar Manche in die Hände der Missions- Gesellschaft und Andere in die der Sozialisten. Wie bereits früher gemeldet, veranstaltete der delegirte Chief-Rabbi Herr Dr. Hermann Adler '"I, einen Sabbat - Nachmittags - Gottesdienst in der Duke's- Place - Synagoge für die Polen, woselbst Jargon- Predigten abgehalten werden. Die Synagoge ist regelmäßig während dieses Gottesdienstes von ca. 1500—2000 Zuhörern angefüllt, so daß kaum ein Plätzchen frei steht. Diese Gelegenheit wollten die Arbeitslosen, wahrscheinlich von Missionären und Sozialisten dazu aufgestachelt, benützen, um einen öffentlichen Skandal hervorzurufen und so die allgemeine Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich zu lenken und zur Hilfe-Leistung gewissermaßen gewaltsam zu veranlassen. Bedenken wir, daß die aus Rußland und Polen hier Eingewanderten in ihrem Heimathslande der Verfolgung und Bedrückung preisgegeben waren und dadurch jeden moralischen Muth verlieren mußten, so wird es uns in nicht geringes Staunen versetzen, zu erfahren, daß dieselben uneingedenk früherer Verhältnisse, dennoch den unverzeihlich kühnen Entschluß faßten, eine öffentliche Ruhestörung in Scene zu setzen. In den von den „Foreigners" bewohnten östlichen Stadttheilen wurden Freitag an allen Straßen-Ecken jüdisch-deutsche Plakate mit der Einladung „zu einer Versammlung am Sabbat 1121 '0 Mittags 12 Uhr" angezettelt. Viele Tausende von Polen und Russen mit ihren langen Bärten und Peios stellten sich im White chaple auf und zogen mit Trommeln und Blechmusik nach Aldgate, durch Hormdsditch zur Dukes Place - Synagoge. Den Zug eröffnete ein Fahnenträger, der eine große, schwarze Flagge mit folgenden Inschriften vorantrug: Auf der Vorderseite hieß es: „Jewish Unemployed“ „Victims ot the Sweaters“ „Work or Bread“ („Jüdische Arbeitslose," „Opfer des Schwitzsystems," „Arbeit oder Brod,") auf der Rückseite war mit jüdischen Buchstaben geschrieben: — ijny’ bfot Die Prozession sollte dem Programme zufolge in die Synagoge hineinmarschiren, allein die Polizei sperrte sofort alle Straßen ab und die bereits angefüllte Synagoge wurde mit eisernen Gittern verschlossen. Die Menge wurde gewaltsam zerstreut und der Gottesdienst ungestört abgehalten. (Revd. Meisels predigte). Der Vorsicht halber ward derAlmemar mit Gendarmerie umringt, welcher Anblick eine Rückerinnerung an die römische Wache im Tempel hervorrief. Voraussichtlich werden die Sabbat- Nachmittags-Vorträge uun eingestellt, iudem allgemeine Entrüstung über diesen dbtj bibn verursachenden Vorfall herrscht. Deutschland. Frankfurt a. M. Wie ich aus zuverlässiger Quelle höre, wird in Folge der Mittheilung aus Lahr in Ihrem geschätzten Blatte Nr. 4 vom 14. Januar a. c., der betreffende Waisenknabe nunmehr in dem zu Diez befindlichen deutsch-israelitischen Kinderheim Aufnahme finden. Wie ja bekannt, wird daselbst für streng religiöse Erziehung Sorge getragen und wäre es sehr zu wünschen, daß dieser neubegründeten Wohlthätigkeits-Anstalt recht zahlreiche Beiträge zufließen. Kaiserslautern, 19. März. Geehrter Herr Redacteur! Im Interesse der Wahrheit bitte ich Sie ergebenst, folgende faktische Berichtigung in die nächste Nummer Ihres „Israelit" aufnehmen zu wollen: Es ist unwahr, *) was der Corresp. von Kaiserslautern vom 6. d. M. Ihnen mittheilt, daß nämlich in <) Anm. der Red.: Dem ist doch wohl nicht ganz so; der Herr Bezirks-Rabbiner gesteht weiterhin selbst zu, daß häufig kein mtyj? rjD in der Synagoge zusammenzubringen ist. — Red.

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