Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1889)
- Date
- 1889-03-14
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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' 394 ließ er stillschweigend all den Hohn, all diese stichelnden Redensarten über sich ergehen, dem Anscheine nach phlegmatisch und unempfindlich ließ er alles mit sich geschehen, knüpfte nur eine geschäftliche Debatte mit seinen Kunden an, für alles übrige kein Interesse bekundend. Aber nur dem Scheine nach. In seiner Brust tobte es stürmisch, ein stechender Schmerz zehrte in seinem Innern, er preßte aber die Zähne aufeinander, käckpfte seine Erregung nieder und nur seine Augen leuchteten hinter seinen buschigen Braunen phosphorisch auf, aber auch nur für einen Moment. In des Lebens harter Schule hatte er gelernt seine Gefühle zu beherrschen, seine Empfindungen nicht überwallen zu lassen, sondern aalglatt jeder verfänglichen, provocirenden Frage auszuweichen und nur den Zahlenmenschen herauszukehren. Niemand ahnte es, daß hinter diesem schäbigen Kaftan ein warmes Herz schlage, daß dieser, seinen Trödelsack schleppende Mann mehr noch unter seinem moralischen als materiellen Elend leide. Er war wohl ein Proletarier, aber nicht in intellectueller Beziehung. Einst war er wohlsituirter Händler, hatte Ansehen in der Gemeinde gehabt und der Verfall seiner Vermögensverhältnisse vermochte nicht sein Interesse für öffentliche Angelegenheiten abzustumpfen. Seine Stimme gab freilich nicht mehr den Ausschlag, seine Rathschläge wurden nicht mehr eingeholt, aber all diese Widerwärtigkeiten konnten nicht sein warmes Herz abkühlen und nach wie vor brachte er allen Zeirfragen Versiändnih und Interesse entgegen. Jetzt ergreift der bereits 60jährige Leib seinen Stock, verabschiedet sich mit einem „guten Tag" von seiner Familie, küßt die Mesuse an den Thürpfosten und tritt seine Wanderung an. Durch die Gassen der Judenstadt schreitet er beinahe elastischen Schrittes und gehobenen Muthes, denn hier fühlt er sich wie im Schooße seiner Familie. Er ist Jedem bekannt und er kennt ebenfalls die Vorübergehenden. Hier kommt er sich als ebenbürtiges Mitglied der Gemeinde vor, da wechselt er einen „guten Morgen", dort wird er nach seinem Befinden befragt und das thut ihm wohl. Aber in dem Maaße wie er sich der eigentlichen Stadt nähert, wird sein Schritt schleppend, unwillkürlich beugt sich sein Rücken und der Blick seiner Augen wird ausdruckslos. Jetzt beginnt für ihn das geschäftliche Martyrium. Mit dem Sacke auf dem Rücken, auf den Stecken gestützt, beginnt er seine Häuserwanderung und sein, vom Bellen eines Hundes und dem höhnenden Nachäffen der Gassenjugend accompagnirtes Rufen „handele, handele" erschallt im Hofraume. Hie und da öffnet sich ein Fenster, ein Kopf kommt zum Vorschein und der Trödler wird gerufen. Leib steigt treppauf, treppab, besichtigt die ihm angebotenen Gegenstände, bietet seine Preise, aber der heutige Tag scheint für ihn ohne jedes Geschäft verlaufen zu wollen, denn er kann nirgends Handels einig werden. Müde und abgehetzt will er schon seinen Heimweg antreten, denn der Freitag geht bereits zur Rüste. Noch einen Abstecher, vielleicht ist ihm das Glück doch noch günstig. Dort wird die imponirende Fa^ade des gräflichen Palais sichtbar, hier hat er schon so Manches gekauft, vielleicht gelingt es ihm auch heute hier die Woche gut zu beschließen. Durch ein Nebenpförtchen betritt er den der Dienerschaft als Wohnung dienenden Pavillon und siehe da, der Lakai offerirt ibm einen vom Grafen kaum getragenen Rock. Nach kurzem Feilschen wird der Handel perfect und Leib mit diesem eingehandelten, guten Gewinn versprechenden Garderobestück belastet, begibt sich, nun die Plackereien der Woche vorüber, leichteren Herzens nach seinem Heim, winkt ihm doch die Ruhe des Sabbats entgegen. Purpurn gebt die Sonne im Westen unter und ihre scheidenden Strahlen spielen auf den hohen Schindeldächern des Judenviertels. Die Kaufläden werden geschlossen, das rege Treiben verstummt, die Straßenphysignvmie gewinnt rin feierliches Aussehen und in den Behausungen werden die Kerzen angesteckt. In Leibs Wohnung sieht es schon sabbatlich aus, der Tisch ist gedeckt und seine Frau zündet eben die Lichter an, den Segen über dieselben sprechend und die Augen mit ihrer Handfläche verhüllend. Noch einmal breitet sie ihre Arme wie segnend über den Tisch, Malke, die Tochter schaut andächtig der Mutter zu und die Beiden beobachten ein beinahe weihevolles Schweigen. Ja, Malke ist nicht mehr in der ersten Jugend, war auch nie besonders schön und als Mädchen schaut sie bereits verblüht aus. Das ist auch der größte Kummer ihrer Ettern, daß ihre einzige Tochter noch nicht in Hymens Hafen einlaufen konnte, obwohl sie schon jahrelang verlobt ist. Ihr Bräutigam, ein weitläufiger Anverwandter, der „Belfer" — Schuldiener — Berel, ist eine phlegmatische, schläfrige Natur. Der süße Brautstand währt wie gesagt, bereits mehrere Jahre, aber noch immer ist für die jungen Leute keine Aussicht vorhanden, einen eigenen Herd gründen zu können, denn er ist arm wie ein türkischer Heiliger und sie hat auch nichts zur Mitgift. Aber Gottvertrauen haben beide, für ihn ist es zwar eine Sache der Unmöglichkeit, was ersparen zu können, sie hat ebenfalls wenig Aussicht zu Geld kommen zu können, dennoch sind Beide von jugendlicher Hoffnung beseelt und ihre eüdgiltige Verbindung ist nur eine Frage der Zeit. Es ist natürlich der heißeste Wunsch der Eltern, das Paar endlich vereint zu sehen, aber ihre sehnlichsten Wünsche scheiterten bisher an der pecuniären Hilflosigkeit. — Für heute aber ruhen die Sorgen, in der Stube herrscht eine feierliche Stimmung und momentan den Widerwärtigkeiten der Werkwoche entrückt, läßt man sich die Sabbatruhe behagen. An diesem Tage ist Berel, der Belfer, der Gast am Tische seines Schwiegervaters in spe, und Malke, die Braut, trotzdem sie bereits über die Jahre der Romantik hinaus, schlägt fortwährend die Augen nieder. — Aber unerbittlich, unaufhaltsam ist die Zeit und dahin ist der Ruhetag. Wiederum werden die Lichter angczündet, aber in der Gasse beginnt auch schon das geschäftliche Gewühl. Berel verabschiedet sich von seiner „Kalle" und der nächste Samstag winkt ihm wie eine Oase in seiner sechstägigen Sandwüste. Beim Weggehen vertraut er ihr, daß er in die Lotterie gesetzt habe, vielleicht ist uns das Glück hold, schließt er mit einem Seufzer. Sie erröthet und ein „ach" entzittert ihren Lippen. Leib, der Trödler, hält über seine eingehandelten Kleidungsstücke Revue, setzt in seinem Geiste für jedes Stück den Verkaufspreis und langt nach dem letzten, im gräflichen Palais erstandenen Rocke. Er betrachtet den beinahe noch neuen Stoff, wendet ihn wohlgefällig nach allen Seiten und aus der Brusttasche fällt ein harter Gegenstand auf den Fußboden. Ueberrascht hebt er ihn auf und gewahrt eine feine Brieftasche. Er betastet sie von allen Seiten, sie scheint nicht leer zu sein, ein Druck, das Stahlschloß springt auf und — nagelneue Banknoten starren ihm entgegen. Mit einem leichten Aufschrei sinkt er auf einen Stuhl, wie geistesabwesend um sich schauend, fährt mit der Handfläche über die Stirne und die geöffnete Brieftasche zittert in seiner Rechten. Eine Weile sitzt er sprachlos, seine Pulse hämmern, wirre Gedanken durchkreuzen sein Gehirn, und er wagt nicht genauer den Fund zu untersuchen. Endlich raflt er sich empor, zieht die knisternden Bankbillets heraus und zählt 10 Stück n fl. 50. Ein fröstelndes Beben überfällt seine Glieder, wie betäubt schließt er die Augen und seine Lippen bewegen sich: „500 Gulden! Ach, was für schöne Mitgift für meine