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Der Israelit · 1889-03-11 · Heft 20 (11.3.1889) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 20 (11.3.1889)
Date
1889-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXX. Jahrgang. M SO. ht"b" ßuchha: Jüun? Israelit «ndZeschmun. ,3cif rdivift W FSrdMW D. Geistes unt> ifiö. Gebens in laus, Genleiniie and KGle. KenLrat-Zrgan für das orthodore ZudenIHum. Herausgegeben von Dr. Lehman» in Mainz. Montag, den 11. März 5649 (1889)« Leitende Artikel. I>er „Isalk Wernsteiu" vom psychiatrischen Standpunkt. Es war nur allzusehr vorauszusehen, daß der „Fall Bernstein" in ebensoviel Lesarten aller Zeitungen, mit und ohne Commcntare dem Publikum liuLLi als Erfrischung dargereicht werden würde. Blätter, von denen man, nach ihrem bisherigen Verhalten, hätte erwarten dürfen, daß sie diese häßliche Affaire wenigstens mit einem Hinweis auf eine rein menschliche Verirrung beleuchtet hätten, haben nicht nur dieses unterlassen, sondern den mysteriösen Vorfall sogar häufig so mysteriös gefaßt, wiedergegeben, daß den nicht durchaus unbefangenen Leser der weiteste Spielraum zu den bedenklichsten Combinationen gegen das ganze Judenthum belassen wird. Wer sich der Illusion hingegeben hätte, daß das antisemitische Treiben der letzten Jahre spurlos in den Sand verlaufen wäre, der könnte sich von dieser Täuschung leicht überzeugen, wenn er einen Blick in die zahllosen Winkelblättchen, sowie in jene größere Provinzialblätter geworfen hätte, die, wenngleich sie auch nicht über das Weichbild ihres Geburtsorts hinauskommen, doch einen ansehnlichen Leserkreis besitzen, dessen Anschauung über den sogen. „Fall Bernstein" uns Juden nicht gleichgiltig sein kann. Ist doch die Absicht, den Mythus vom „Christenblut zum Passahfest" nicht ganz vergessen zu machen, nur allzu offenbar, um übersehen werden zu können! Doch erheischt das Billigkeitsgefühl, daß wir auch in vielen Fällen, nicht nur offene oder versteckte Gehässigkeit als leitendes Motiv erkennen, sondern auch absichtslose Reproduktion aus anderen Zeitnngell. Man darf daher billigerweise erwarten, daß solche Tagesblätter auch nachstehende Erörterungen des „Falles Bernstein" und wenn auch in kürzerer Form vor das Urtheil eines gebildeten Leserkreises bringen werden. Ist es doch bekannt, daß auch Nichtjuden jüdische Zeitschriften sehr fleißig lesen, wenn auch aus sehr verschiedenen Absichten, leider aber selten aus Sympathie für die Regungen jüdischen Geistes- und Culturlebens. Gleichwohl darf man erwarten, daß durchaus objektive, von keinem konfessionellen Motiv geleitete und in Berufung auf die ersten wissenschaftlichen Autoritäten dargelegte, strengwissenschaftliche Erwägungen auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden. Hoffen wir, daß sie bis in jene Kreise dringen, die in dem „Falle Bernstein" berufen waren, das Strafmaß für dessen Vergehen mitzubeftimmen, in dem Verbrecher dürfte dann vielleicht auch leicht der Kranke Bernstein erkannt werden. Der „Israelit" sprach gleich bei Mittheilung des „Falles B." die Vermuthung aus, daß wir in dem Verbrechen B.'s die That eines Wahnsinnigen zu erblicken hätten. Und in der That ist der „Israelit" wie man mit größter Wahrscheinlichkeit, ja sogar mit Gewißheit annehmen darf, der Wahrheit zunächst gekommen. Um diese Ansicht zu begründen, wollen wir zum Nutz und Frommen auch derjenigen nichtjüdischen Leser, die an der Sache ein ernstes Interesse nehmen, ein möglichst großes literarisches Material anführen, aus dem sie sich die Bestätigung und Ergänzung unserer Darlegungen selbst holen mögen. Die verehrten Leser werden aber in Anbetracht des furchtbaren Ernstes der ganzen Sache, es entschuldigen, wenn wir hin und wieder etwas mehr wiedergeben, als in Anbetracht des vielseitig gearteten Leserkreises einer für das große Publikum

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