Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1889)
- Date
- 1889-03-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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327 Austrag zu bringen. An der Heerstraße, am Eingang des Waldes lag eine Schänke, dort wollten sie würfeln um Leben und Tod, dorthin richteten sie ihre Schritte. Das Wirthshaus war Eigenthnm des Majors, der es dem Wirth verpachtet hatte. Das Schankmädchen kam dem Gutsherrn mit achtungsvollem Gruße entgegen und fragte nach seinem Begehren. Er trat in das Gastzimmer, es war leer. Er bestellte eine Erfrischung und einen Becher nebst Würfeln. Bald war das Verlangte zur Stelle, und das Mädchen ließ die Herren allein. Orloffski griff nach dem schäumenden Bier und leerte das volle Glas in einem Zuge, dann fuhr er sich mit dem Tuche über die schweißbedeckte Stirn und athmete tief auf. Das Verwerfliche seines Vorschlages trat ihm klar vor die Seele, er hätte sein halbes Vermögen drum gegeben, ihn nicht gemacht zu haben. Doch Nadimskow schien zu crrathen, was in dem Innern seines Gegners vorging. Die unheimlich funkelnden Augen fest auf das Antlitz des Andern gerichtet, griff er hastig nach den Würfeln, warf sie in den Becher, den er mit höhnischer Verneigung seinem Gegenüber darreichte. „Der Herr Major haben den Vorrang — U;it jedoch die Bedingungen unseres Duells endgiltig zu bestinimen, widerhole ich, daß derjenige, der die kleinste Zahl wirft, sich verpflichtet, binnen Jahresfrist seinem Leben ein Ende zu machen. — Einverstanden?" Der Major verneigte sich zustimmend, ergriff den Becher und warf die Würfel auf den Tisch. „Eins und Eins ist Zwei!" rief Radimskow frohlockend, indem er die Würfel wieder zurück in den Becher schob, diesen hastig schüttelte und ihn dann auf den Tisch umstülpte. Dann hob er ihn wie triumphirend hoch empor und neigte sich vor, um die schwarzen Punkte zu Zählen, denn er hielt es undenkbar, daß er nicht eine hohe Zahl geworfen. Doch der letzte Blutstropfen wich aus seinem Angesicht, als von dem einen Würfel eine leere Fläche ihm entgegenstarrte und er auf dem andern nur einen schwarzen Punkt erblickte. Er hatte verloren! — Sein Leben war verwirkt. Einige Augenblicke herrschte Schweigen in dem weiten Raum; man vernahm deutlich die tiefen, lauten Athemzüge der beiden erregten Männer. Nicht ohne Theilnahme blickte der Major auf den geisterbleichen jungen Mann, dessen Aehnlichkeit mit seiner Schwester, die er noch immer nicht vergessen konnte, ihm nie auffallender war. „Wir haben ein frevelhaftes Spiel getrieben", sprach er mit leicht vibrirender Stimme, „lassen Sie es uns beide vergessen." Mit ausgeftreckter Hand trat-er auf den Andern zu, dieser jedoch schleuderte mit wildem Fluch die dargebotene Hand zurück, drückte seinen Hut tiefer in die Stirn und stürzte fort. In der geöffneten Thür hielt er einen Augenblick an und wandte das Antlitz zur Hälfte dem Zurückbleibenden zu. „Heute über'n Jahr!" stieß er zischend hervor, warf die Thür in's Schloß und war verschwunden. Orloffski blickte ihm schmerzlich seufzend nach. O, diese heillosen Begriffe von Pflicht und Ehre! — Dieser verblendete junge Mann betrachtete es als Ehrenpflicht binnen Jahresfrist einen Selbstmord zu voll führen, und er — Doch hatte er's ändern können? III. Er strich sich abermals mit der Hand über die Stirn, rief dann das Schankmädchen, beglich seine Zeche und entfernte sich. Langsam schritt er dahin längs der Fronte des zwar nur stockhohen, aber doch recht stattlichen Gebäudes, an dem wilde Neben sich emporrankten. Da vernahm er plötzlich in unmittelbarer Nähe ein lautes silberhelles Lachen. Unwillkürlich wandte er sich um und richtete seinen Blick dorthin, von woher er das Lachen vernommen. In dem letzten Fenster des Wirthshauses, dort wo dasselbe an den Wald sich ''anzulehnen schien, lehnte ein junger Mann und ihm gegenüber gestikulirte noch immer lachend ein junges Mädchen, das sich über den Jüngling zu moquiren schien. Das Mädchen, sie mochte kaum fünfzehn Jahre zählen, war von seltener Schönheit. Dunkelglühende Augen und hellblonde, leich gewellte Haare, heller, von zartestem Rosa überhauchter Teint und ein Zug von Selbstständigkeit um die feingehaltenen Lippen, der in diesem Kinderantlitz geradezu überraschte. Der Blick des Majors war dem ihren begegnet, unwillkürlich griff er an seinen Hut, sie erwiderte erröthend seinen Gruß, und er ging langsam weiter. „Wer ist denn der stattliche Herr, der Dich da gegrüßt hat?" fragte der junge Mann. „Das ist der Gutsherr, Major Orloffski", erwiderte das'Mädchen. „Man sieht's an seiner Haltung, daß er Offizier ist; ein schöner Mann." „Er soll ein sehr braver Mann sein", versicherte das junge Mädchen eifrig, „der Vater spricht immer mit großer Achtung von ihm."