Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1889)
- Date
- 1889-02-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX. Jahrgang. (&tf tC KeUllgeM^Ll7ües„Israelit"L„IeschurM". Leitender Artikel. Kin offenes Wort an die „Leipziger Zeitung". Die königliche „Leipziger Zeitung" brachte in der jüngsten FreitagSnummer eine eingehende Betrachtung über „die Judenfrage". Dieser Artikel hat jedenfalls vieles bisher dagewesene antisemitische Geschreibsel übertroffen. Unser Mund hat ja bereits gelernt zu lächeln, wenn unser Herz bebt und zuckt — und es ist daher kein Wunder, wenn man angesichts der ausgearteten Sprache der „Leipziger Zeitung" oft in eine humoristische Stimmung versetzt wird. Jedweder Versuch, die Sprache dieser Zeitung zu mäßigen, dürste seine Gefahren mit sich bringen, allein Behauptungen, wie sie die königliche Zeitnng in der jüngsten Freitagsnummer mit Bestimmtheit feststellt, sollen nicht so unbeachtet verhallen. Alles in den Staub zu treten, was eine Konfession an Sitten und Gebräuchen ehrenvoll erhalten, alles zu verlästern und zu verunglimpfen, was von Seiten der deutschen Juden geleistet wurde, dazu gehört eben der ganze Haß einer „Leipziger Zeitung". Wir gehen nicht auf in deutsche Sitten und Gewohnheiten, wir sind international, wir fördern die Socialdemokratie, wir entsittlichen das Volk, wir verrathen das Vaterland, — das sind die Vorwürfe, die uns tagtäglich das genannte Blatt vorhält. Die Betrachtungen aber, welche in der jüngsten Freitagsnummer über die Judenfrage in der „Leipziger Zeitung" angestellt sind, übertreffen denn doch an wahrheitsvoller und anständiger Form alles bisher dagewesene antisemitische Geschreibsel. Bei diesen fortwährenden Hetzereien verpfänden wir nur abermals unser Wort: unser Leben der Erhaltung des Judenthums zu weihen. Wir brauchen auch gar nicht in deutsche Sitten und Gewohnheiten aufzugehen, Cultus haben die deutschen Katholiken und Protestanten gleichfalls, — in Noth und Gefahr versammeln wir uns aber als deutsche Juden um das Banner der deutschen Fahne, um mit Herz und mit Hand, mit Leben und Seele, mit Verachtung des Todes zu kämpfen, selbst ohne Hoffnung auf Anerkennung, — zu widerstehen den Waffen der Feinde, die uns feig, verräterisch und vaterlandslos nennen. Das ist ein jüdisch-deutsches Bekenntniß! — Dann sei der „Leipziger Zeitung" noch ausdrücklich gesagt, daß das religiöse Judenthum, der Kern Israels, rein von allen Ausschweifungen und bewahrt von der Eifersucht der Parteien geblieben, daß es stets bestrebt gewesen, die Neigung und Achtung Aller auf sich zu ziehen und daß es durch seine gute Führung das Vertrauen der Staatslenker auch wirklich gewonnen. Die Vorwürfe der „Leipziger Zeitung", daß das Judenthum ganz und gar an seinen väterlichen, abergläubischen Lehren hing, klingen so thöricht, wie wenn man sagen wollte, das Christenthum hält an veralteten Lehren fest. Die Vergangenheit kann für uns, für keine Religionsgemeinschaft — untergehen. Es ist nicht werth zu wissen, was wir gewesen sind, wenn sich damit nicht der Wunsch verbindet, zu wissen, was wir werden sollen! Unsere Väter sind nur Staub und Asche, wenn sie nicht zu uns, ihren Nachkommen reden. Mag die „Leipziger Zeitung" das Festhalten unserer Vergangenheit immer für veraltet und gefährlich finden, das Judenthum kann mit Stolz und Beredtsamkeit, der Erinnerung, die eine Amme der Hoffnung ist, sich hingeben! Ja, etwas Heiliges ist unsere Vergangenheit, weil sie zurück zur Basis der Gesittung führt. Die Redaction der „Leipziger Zeitung" besteht aus Theologen — und die wissen nicht einmal die Geschichte des Sinai! — Mag die „Leipziger Zeitung" nur getrost immer fort hetzen, sie besitzt einmal die Elemente des echten Hetz-Charakters, aber im übertriebensten Maßstab; das Tiefste und Ernsteste in ihren Spalten ist gemischt mit großem Leichtsinn und die ganze Tendenz wird einer nichtswürdigen Versuchung aufgeopfert, — mit dem Antisemitismus vorwärts zu kommen. Glühender Judenhaß, unversöhnliche Feindschaft lodern aus den Spalten dieser Zeitung unS entgegen und es kann mit Bestimmtheit gesagt werden, in dieser Form kann der Antisemitismus auch selten gefallen; der Haß verdunstet mit dem Worte! Der Kampf gegen das Judenthum in Sachsen ist aus, das Schlimmste wissen wir längst, unsere Gegner sind nur noch Beleidiger und Beobachter — und das Oberhaupt der antffemitifchen Bewegung in Sachsen: die königliche „Leipziger Zeitung", gilt in Volkskreisen als fanatisch. Das genügt! Karl Wiesenthal.