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Der Israelit · 1889-02-18 · Heft 14 (18.2.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 14 (18.2.1889)
Date
1889-02-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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VMS GMliziphe KDÄHwinkrl. Eine Humoreske von S. M. Lewm. (Schluß.) Lautlose Stille herrschte im „Saale", als der Gabbe, selbstgewählter Präsident des Gerichtshofes, mit feierlicher Stimme das Urtheil verkündete: „Nach Besichtigung des Angeklagten und nach Anhörung seines unverschämten Geschreies einerseits, nach Vernehmung des Herrn Gemeindevorstehers andererseits, nach Erwägung der erbrachten, als durchaus stichhaltig erkannten Beweise, hat der Gerichtshof den Angeklagten zum Tode verurtheilt. Der Vollzug dieses Urtheils soll derart geschehen, daß der verurtheilte Vogel, seinen Tod von dem Dache des Kulikower Badehauses auf dem Wege zur Straße zu finden habe. Weil aber die Möglichkeit vorliegt, daß Deliquent den Raum zwischen Dach und Straße zu einem Fluchtversuche benutzen könnte, hat der Gerichtshof Reb Eisik, den Schammes von Kulikow, dazu ausersehen, daß derselbe mit dem Vogel um die achte Frühstunde des morgigen Tages das Dach besteige, den Vogel fest in die Hand nehmen und sich mit ihm gemeinschaftlich herabstürzen soll." — Die Versammlung war höchlich erstaunt ob der tiefen Weisheit, die diesem Urtheilsspruche zu Grunde lag und die Herren vom Gerichtshöfe warfen sich stolz in die Brust. Man wird Reb Eisik nicht zumuthen, daß er ein Weiser in diesem Reiche der Dummheit war, der sofort die Konsequenzen des Ausspruches in ihrem vollen Umfange hätte erfassen können. Die Wortstellung des Urtheils war übrigens so schwülstig und verdreht, daß man durchaus nicht so dumm wie Reb Eisik zu sein brauchte, um den Erfolg herauszufinden. Der Schammes war überhaupt während der ganzen Zeit in einem Zustande tiefen Nachsinnens. Er dachte an die so schnell wieder aus seinem Besitz geschwundenen dreißig Kreuzer, an das verlorene Huhn, an die unbestellten Ein- J ladungskarten, an die erhaltenen Prügel, an seine , neuerstandenen Ventilations-Löcher in seinem färbengesegneten Kaftan, er dachte, daß es spät am Abend und Zeit sei, seinen alten Gliedern Ruhe zu gönnen und seiner Frau den elenden Verdienst des Tages zu übergeben. Der „Gabbe" mochte wohl die Geistesverirrung bemerkt haben, weshalb er bei Uebergabe des Deliquenten Reb Eisik in populären Worten seine Mitwirkung bei dem morgigen Justificirungs-Acte auseinandersetzte. Reb Eisik, der eben zu begreifen anfing, ward stutzig. „Reb Salmon", sprach er in einem Tone, der eine Mischung war, zwischen Verzweiflung und Bescheidenheit, „Reb Salmon, wie heißt, ich soll vom Dach herunterspringen? Gedenkt an Gott! Ich bin Familienvater." „Du bist ein Narr", erwiederte voll Gravität der Angesprochene, „du bist nicht verurtheilt worden. Es ist durchaus nicht nöthig, daß du dich beim Herunterspringen verletztest, nöthig ist nur, daß der Vogel den Tod erleide." Sprach's, putzte sich die Nase und verschwand. — Diese Erklärung hatte beruhigend auf Reb Eisik gewirkt. — Er löschte das Licht aus und — der Spitzbube — steckte es ein, er wischte die Federn ab und nahm sie zu sich., er holte ein Fläschchen hervor und goß dreiviertel des Tintenvorraths hinein und da er schon an der Schwelle war, erinnerte er sich, daß die Zeiten schlecht, der Winter streng und das Holz theuer, weshalb er einige Stücke unter seinem langen Rocke verbarg. Selbstredend vergaß er, um nicht aus der Uebung zu kommen, den Vogel mitzunehmen, vergaß das Zimmer abzusperren, vergaß auf dem Heimwege, daß er Holz unter dem Arme trug, welches denn auch unbemerkt in den Schnee rutschte, vergaß, daß die Federn spitz und und seine Taschen zerrissen waren, bis er zu Hause angekommen, durch ein prickelndes Gefühl daran gemahnt wurde, und als er die besagten Federn herausziehen wollte, vergaß er endlich die Tintenflasche, die beim Hinabbücken auf den Fußboden fiel, zerschellte und ihren Inhalt auf die frisch gewaschenen Diele ergoß. Jetzt erschien die Frau dazn und überschüttete ihn nach zwölfstündiger Abwesenheit mit Flüchen von stärkstem Kaliber. Er ließ, gewöhnt an solche Scenen, das Gewitter ruhig über sich ergehen und schüttelte, nachdem das Unwetter sich gelegt, das spärliche Resultat seines Verdienstes aus, in Summa 24 Kreuzer ö. W., worauf ihm die Frau sein bescheidenes Mahl reichte und die Kinder ihn fragend umsprangen. Während der Mahlzeit erinnerte er sich, daß er den Deliquenten mitzunehmeu vergessen und kaum, daß er den letzten Bissen heruntergewürgt, eilte er fort ihn herbeizuholen. O Himmel! der Kasten war

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