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Der Israelit · 1889-02-11 · Heft 12 (11.2.1889) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 12 (11.2.1889)
Date
1889-02-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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220 Wiederum hielt jede Aufklärung des verhängnißvollen Jrrthums fern. — Die Zeit rückte vor. Die Ungeduld steigerte sich. Endlich kommt Reb Eisik, der Schlimmes, abgehetzt, schweißtriefend, fast athemlos dahergerannt, eilt, gefolgt von einer Anzahl von Personen. die dem „Verstorbenen" im Leben nahe standen, ferner von seinem bei solchen Anlässen unfehlbarem Stabe von Büchsenklappern, Minjanmännern, Bettelvolk u. s. w., in das Wohnhaus des „Verewigten", um die letzten Anordnungen behufs Ueberführung desselben, in jenes Reich, von wannen keine Wiederkehr, zu treffen. Mittlerweile hatte der „Todte" seine Mahlzeit mit bewundernswerthem Appetit vollendet und schickte sich nun in aller Seelenruhe zum Heimgange an. Mit einer Miene glücklicher Selbstzufriedenheit nahm er aus seinem Lederbeutel jene Sorte von österreichischem Rauch-Tabak, dessen Geruch das Tabaks- Msnopol in den übelsten Geruch gebracht hat, stopfte sich damit seine Pfeife, auf deren Reinlichkeit der Besitzer keine allzugroße Sorgfalt verwendete, steckte sie in den Mund, während er die linke Hand in die rückwärtige Tasche seines Kaftans placirte. Langsamen Schrittes ging er, wie ein Weiser aus dem Morgenlande, aus der Schenke, durch einen Hof, zufällig unbemerkt, in den gegenüberliegenden, allwo er sein Domizil hatte. Zu seinem nicht geringen Staunen hörte er vor demselben ein wüstes Getöse, und da er sich nähert, gewahrt er, so entsetzt, otz des Anblicks, daß seine Pfeife aus dem Munde fiel und der Thonkopf zerschellte, einen Menschenhaufen, einen Leichenwagen, klagende Weiber, mit der Sammelbüchse klirrende „Unter-Schammoßim" u. s. w. Nun hatte Reb Jekeles, als ein geborener Kulikower, das Recht, ein Esel mit vollendeter Begriffsstutzigkeit zu sein; — und unter uns gesagt wäre er einer ehrenden Auszeichnung in einer Maftviehausstellung würdig gewesen — so vernagelt war er indeß nicht, daß er einen Augenblick daran gezweifelt hätte, es hier mit einem Leichen-Conducte zu thun zu haben. Aber wer konnte, ohne sein Wissen, im Hause gestorben sein? Sich Gewißheit darüber zu verschaffen, eilte er auf Reb Eisik Schammes zu, der gerade leichenähnlich dreinschauend, Entsetzen auf jeder Muskel seines todtblassen Gesichtes, aus dem Portal des Hauses unter allen Zeichen einer rasenden Verzweiflung herausgestürzt kommt, und der mit offenem Munde gaffenden Menge die Schauerbotschaft verkündet, daß „„das Meß"" gestohlen und die ganze Mischpochsh verschwunden ist."! Ein brüllendes Geheul ist die Antwort darauf. Die Männer krampfen die Hände, raufen sich die Haare, rufen Beschwörungsformeln. Die Frauen benutzen die feierliche Gelegenheit, von Ohnmächten befallen zu werden. Reb Eisik, der Schammes, steht rathlos, bleich: ein Bild der Versteinerung. In der tollen Verwirrung bemerkte Niemand, daß der „Todte" die zerbrochene Pfeife krampfhaft im Munde haltend, dem Schammes Reb Eisik bis auf Ochsenlänge näher gerückt ist. „Wer ist gestorben?" frägt er den Schammes. Das Geschrei, das aus der Kehle des Schammes drang, war übermenschlich. Ein „Schedd" brüllte er, „ein Schedd"! „Er war todt und lebt. Er ist gestorben und redet. Eine Leiche, die eine Pfeife raucht. Ein Hingeschiedener, der seinen I Leichenzug persönlich begleitet, Gott im Himmel! Gott im Himmel!" „Bist du verrückt? Bist du toll? Wer? Was? Wo? Wie?", frug Reb Jekeles. Reb Eisik, der Schammes von Kulikow, kam nach und nach zur Besinnung. Vielleicht daß er sich geirrt, daß er Reb Jekeles für ein Kind des Todes hielt und dieser sich erholt hatte. Wie konnte es anders sein? Seine Lage war entsetzlich. Seine Stellung stand auf dem Spiele. Was thun? Wie sich aus der Schlinge ziehen? Während er uachdachte, hatten die Gesticulationen und das tolle Gebrüll die besessene Menge immer näher an die Gruppe gebracht, die da bestand aus Reb Eisik, dem Schammes von Kulikow, und Reb Jekeles, der Leiche auf Urlaub. Gerade, als die Gesellschaft bei dem Anblicke des Letzteren in Scenen wahnsinniger Kopflosigkeit auseinanderftieben wollte, begann Reb Eisik zu rennen, was seine Füße vermochten. Zu spät, aber. Man bemerkte es, es begann in dem Geiste der Leute zu dämmern, daß vielleicht er der Urheber dieser Täuschung war. Die gekürzten Minjanmänner stürzten sich in Verein mit den als Leichenträger bestellten Männern, zu denen sich noch Bettelleute und Straßenjungen gesellten, wühtend auf ihn los, kräftige Hände bearbeiteten ohne Barmherzigkeit den Rücken, der alle Lasten der Kulikower Gemeinde zu tragen hatte; sein Kaftan mit den vielen Einsätzen verschiedenartigen Stoffes und einer großen Anzahl kleinerer und größerer Ventilations-Löcher, wurde mitleidslos gezerrt, daß er stöhnte und ächzte unter den Mißhandlungen der wüthenden Menschenkinder. Endlich riß Reb Eisik sich los. (Fortsetzung folgt.)

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