Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1889)
- Date
- 1889-02-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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179 ihr gesprochen, war nie über die Grenzen der Achtung hinausgegangen, welches er der Tochter seines Vorgesetzten schuldig zu sein glaubte. Mochte der Director Nordheims merkbare Verwirrung anders deuten, oder schien ihm die Erreichung seines Zieles unzweifelhaft, — er fuhr mit größerer Sicherheit fort: „Flatterhaft, wie Ihr jungen Herren Alle seid, haben Sie bald darauf meine Martha auffallend vernachlässigt; eine steife, kalte Höflichkeit trat an die Stelle des früheren herzlichen Tones, — und so haben Sie das Unglück des Kindes gemacht." In jeder anderen Stimmung wäre Nordheim durch diese Behauptung vielleicht zum Lächeln gezwungen worden, denn Martha hatte ihn bei jedem Zusammentreffen gar zu deutlich fühlen lassen, daß sie des reichen, hochgestellten Landgerichtsdirectors Tochter, er der arme, bürgerliche, jüdische Referendar sei. „Wie hätte ich es jemals gewagt, meine Augen zu dem Fräulein von Werden zu erheben!" sprach Nordheim; „weder meine Stellung noch meine Vermögensverhältnisse —" „Was frägt das von Leidenschaft erfüllte Herz eines jungen Mädchens nach Stellung und Lebensverhältnissen!" unterbrach ihn der Director. „Sie ein liebenswürdiger, junger Mann, Martha hat ein leicht empfängliches Herz, — sie ist unglücklich geworden und hätte Grund Ihnen zu zürnen. — Dennoch hat sie sich auf das Lebhafteste für Ihren Vater verwendet; mit aller Beredsamkeit eines Herzens^voll Mitgefühl, schilderte sie mir die furchtbaren Folgen, das traurige Schicksal Ihres Vaters, wenn ich Strenge walten lassen wollte, — und bei dieser Gelegenheit entdeckte sie mir zugleich ihr Herz." „Und Sie Herr Director?" fragte Nordheim bebend. „Ich bin Vater — vielleicht ein allzuschwacher Vater — ich versprach die Sache in Erwägung zu ziehen. — Hätten Sie da das Freudeleuchten ihrer Augen, den Dankesblick gesehen, mit welchem sie mir die Hand küßte!" Der Director hielt einige Augenblicke inne, dann räusperte er sich abermals und hob wieder cm: „Ich komme zum Schluß. — Ich bin in der ungewöhnlichsten Situation, in welche ein Vater kommen kann, doch denke ich, Sie werden dies um so mehr fühlen und zu ehren wissen, als auch Sie eben für Jemand handeln, der Ihrem Herzen am nächsten steht. Was Sie jetzt thun, geschieht für Ihren Vater, was ich beginne, geschieht für mein Kind; Sie wollen die Ehre,. Ihres Vaters gerettet, ich will das Glück meines Kindes hergestellt sehen, so ist unser Streben also ziemlich ein gleiches, und damit dasselbe für uns Beide mit Erfolg gekrönt werde, will ich den Weg ebnen, welcher zum Ziele führt, indem ich Ihnen andeute, daß ich nicht nach der Stellung und dem Vermögen des Mannes fragen werde, der sich um die Hand meines Kindes bewirbt, sofern er der Mann ist, der Martha's Herz besitzt. — Allein, Sie sind Jude, Sie müssen, mein verehrter Freund, zum Ehristenthume übertreten. — Ich habe nun deutlich genug gesprochen, mein junger Freund, und habe nur noch hinzuzufügen, daß die Stellung jenes Mannes für die nächste Zukunft meine Sorge sein würde, und daß Martha ein Vermögen besitzt, mittelst dessen sich ein sehr anständiges Haus führen läßt." Nordheim war todtenbleich geworden: eine furchtbare Beklemmung schnürte ihm die Brust zusammen, er vermochte nicht zu antworten. „Und nun guten Morgen, mein lieber, junger Freund!" sagte der Director lächelnd, indem er aufstand. „Ich hoffe, Sie bringen Ihrem Vater mit meinem Gruße eine gute Botschaft nach Hause." Damit stand er schnell auf, nickte dem jungen Manne noch einmal freundlich zu und verließ das Zimmer. Wie ein zum Tode Verurtheilter, kaum seiner Sinne mächtig, taumelte Nordheim von dannen. Er war, ohne zu wissen, was er beginne, an das Ende der Straße gelangt; mechanisch war er immer gerade ausgegangen, wohin er eigentlich gehe, wußte er nicht. Da stand er plötzlich still, sah rings um sich und dann, langsam, einen furchtbaren Kampf in der Brust, schlug er eine Seitenstraße ein. „Rasch sei es entschieden!" sprach er dumpf vor sich hin, indem er seine Schritte beschleunigte; bald aber «fühlte er seinen Fuß wieder gelähmt, es war, als ob die entsetzliche Last, welche seine Seele drückte, auch den Körper mit eiserner Gewalt niederbeugte, der Laus wurde immer langsamer, bis er sich zu einem mühseligen Schleichen verkehrte. Durch mehrere Straßen hatte Nordheim sich so fortgeschleppt; vor einem Hause stillstehend, trocknete er den kalten Schweiß von der Stirn, welcher diese bedeckte; dann ging er in das Haus und stieg ein paar Treppen hinaus. Auf sein Klopfen wurde eine Thür geöffnet. „Arthur! Du? — und zu so ungewöhnlicher Stunde?" fragte die Stimme eines Mädchens, welches bei Nordheim's Eintritt diesen erstaunt ansah. „Ungewöhnlich! — ja wohl!" cntgegnete Nordheim; o, es ist Alles ungewöhnlich, was jetzt mit mir vorgeht!"