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Der Israelit · 1889-01-31 · Heft 9 (31.1.1889) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 9 (31.1.1889)
Date
1889-01-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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^’r'Tv;.'^^ . gegrinst von allen Seiten, nimmer hätte ich einen Pfennig des mir Anvertrauten angerührt; aber konnte ich den Unglücklichen sich morden, ihn den Seinigen sich auf so entsetzenvolle Weise entreißen lassen? — Ich übte ein Verbrechen, doch rechnete ich auf des Himmels Barmherzigkeit, wähnend, er werde nicht auf die That allein, er werde auch auf den Grund sehen, der sie hervorgerufen. — Und nun!"- „Laß Dich nicht Hinreißen zu allzurascher That, mein Vater", sprach der junge Nordheim; „ich beschwöre Dich, keinen vorschnellen Schritt der Verzweiflung! — Auch für Dich wird sich Barmherzigkeit finden, wie Du Barmherzigkeit geübt. Noch heute will ich versuchen, die Summe aufzutreiben, tvelche Dich retten kann; es wird, es muß gelingen!" Wenngleich in des jungen Nordheim's Herzen die Hoffnung des Gelingens nicht so fest stand, wie er sie dem Vater gegenüber aussprach, so verzweifelte er doch nicht gänzlich daran. Bald aber sollte sein Muth niedergeschlagen werden; er ging zu allen Freunden, die er vermögend kannte — und Keiner half; die es vielleicht gethan haben würden, vermochten es im Augenblicke nicht, die es thun konnten, hatten Bedenken, denn welche Sicherheit konnten Nordheim's, deren bescheidene Verhältnisse Jedermann bekannt waren, gewähren? Niedergeschlagen kehrte der trauernde Sohn von all den vergebens gemachten Gängen zurück; es war ihm, als solle er in den Tod gehen, als er sich sagen mußte: „Du wirst vor den gebeugten Greis treten und ihm verkündigen, daß Alles umsonst gewesen, daß er sich das Leben nehmen müsse, wolle er der Schande entfliehn!" — Langsam, ein unendliches Wehgefühl im Herzen, schlich Nordheim dem väterlichen Hause zu; vor der Thür angekommen, zögerte er hinaufzugehen und dem zwischen Hoffen und Zagen harrenden Vater die Unglückspost zu bringen. — Da fuhr ein Gedanke ihm durch den Kopf. — „Habe ich den Vater nicht getröstet, er werde Barmherzigkeit finden, wie er Barmherzigkeit geübt?" sprach er vor sich hin. „Wohlan! es ist ein gewagter Schritt, aber er kann Rettung bringen!" Rasch wandte er sich um, er schlug den Weg zu dem Hause des damaligen Landgerichtsdirectors von Werden, der des alten Nordheim's Chef war, ein. — Er wurde vorgelassen; in der nächsten Minute lag er dem Director zu Füßen, bekannte die Schuld seines Vaters und flehte um Erbarmen und Schonung für den alten Mann. Der Director tobte und 155 wüthete, er wollte nichts hören, nur strenge Gerechtigkeit sollte walten. — Nordheim erkannte mit Entsetzen, daß sein Vater verloren sei. — Umsonst berief er sich auf die vieljährige, treue und untadelhafte Dienstführung seines Vaters, umsonst wieS er auf das in Ehren ergraute Haar des alten Mannes hin, versprach die gewissenhafte Erstattung des Fehlenden und rief bei der Gnade des Höchsten das Mitleid des strengen Vorgesetzten an: o, er mußte viel ertragen, der arme, junge Nordheim; nicht nur, daß er kein Erbarmen fand, — der Director von Werden hatte es verstanden des alten Nordheim's Vergehen mit allen Vorurtheilen aufzufassen und zu beleuchten. Erschöpft stand der junge Nordheim auf und wankte hinaus. Die Gewißheit, daß sein Vater jetzt unwiderruflich verloren sei, brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Mehrere Stunden irrte er umher; er wagte nicht, nach Hause zu gehen mit der Schreckensbotschaft. Erft spät in der Nacht schlich er wie ein Dieb auf sein Zimmer, als alle Anderenlängst zur Ruhe gegangen waren. Als er Licht angezündet, sah er einen Brief auf seinem Tische liegen; ungeachtet seiner Gemüthsstimmung fiel das Siegel ihm auf, er erbrach hastig das Schreiben, es war von dem Director. Derselbe schrieb in wenigen Zeilen, Nordheim möge noch einmal zu ihm kommen, man wolle versuchen, ob sich in Betreff der Angelegenheit feines Vaters ein Arrangement treffen lasse. Es war wohl die längste Nacht in dem Leben Nordheim's. An Schlaf war nicht zu denken; würde vorher der ungeheure Schmerz ihm die Ruhe geraubt haben, so waren es jetzt Hoffnungsfreudigkeit und Erwartung, welche ihn wach erhielten. Früher, als die Schicklichkeit es eigentlich gestattete, war Nordheim bei dem Landgerichtsdirector: doch ließ dieser ihn ohne Schwierigkeit vor- „Ich mag Sie gestern im Zorne des Amtseifers hart angelassen haben", so etwa ließ Herr v. Werden sich vernehmen, — „doch werden Sie selbst zugeben, daß es sich bei dem Vergehen Ihres Vaters nicht um eine Kleinigkeit handelt. Eben, weil er als Jude ausnahmsweise in's Amt kam; zu der damaligen Zeit war das eine Seltenheit; — eben, weil er so viele Jahre hindurch keinen Tadel auf sich geladen, eben weil er die ganze Achtung und das volle Vertrauen seiner Vorgesetzten genoffen, deßhalb fällt seine verbrecherische Handlung um so schwerer in's Gewicht und macht die unnachsichtlichste Strenge fast nothwendig. — Dennoch, ich bin ein Mensch, mein junger Freund, habe ich mich bestimmen

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