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Der Israelit · 1889-01-28 · Heft 8 (28.1.1889) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
30 (1889)
Issue
Heft 8 (28.1.1889)
Date
1889-01-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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143 neu des Persischen und Russischen fehlen uns. Wir sind daher den Russen gegenüber, die Bildung besitzen und alle Sprachen'Central-Asiens geläufig sprechen, wie die Heuschrecken, was die Juden unseres Landes sehr verächtlich macht und sie dem allgenieinen Spotte und einer steten Erniedrigung aussetzt. Wir brauchen daher vor Allem europäisch gebildete Lehrer und Lehrerinnen. Wo sollen wir aber die Mittel hernehmen, uns dieselben aus dem fernen Abendlande kommen zu lassen, da uns doch die Mittel, die Gelegenheit und die Erfahrung dazu fehlen? Wir sind nun bereit, Deine an uns gerichtete Anfragen gehörig zu beantworten. Hier in Samarkand und Umgegend gibt es ungefähr 1700 jüdische Familien, zusammen also 60Ö0 Seelen. Die meisten von ihnen ernähren sich recht und schlecht durch den Hausirhandel. Jüdische Handwerker gibt es bei uns gar keine. Auch die Neichen sind nicht sehr zahlreich unter uns, und die Wenigen, die sich vorfinden, müssen ihre Habe mit ihren zahlreichen armen Brüdern theilen. Besitzt Jemand zweitausend Rubel, so sagt man schon, er sei reich. Wir dürfen daher gar nicht hoffen, daß unsere Reichen uns Schulen für Bildung und Handwerke errichten werden. Wir sind gefetzestreue Juden (i^nas" ’jiön und leben wir streng nach den Vorschriften des Talniud und des vom Beth-Josef zusammengestellten Schulchan Aruch. In Samarkand gibt es drei Synagogen und zwar eine große, die tausend Andächtige außer den Frauen fassen kann und zwei kleinere, von denen eine jede drei- bis vierhundert Beter anfnimmt. Unsere Gebetordnung ist die alte sephardische ftp» vrao nou-1) wie sie Rabbi Josef Karo festgestellt hat. Unsere Gebete werden nicht gewürzt (-siru' rH) mit Gesang und Klang, wie bei Euch im Abendlande, sondern wir beten leise und stille. Drei Mal des Tages wird bei uns Gottesdienst gehalten. Möge der Allmächtige unser Flehen stets erhören! Genaues über unsere Abstammung, können wir Dir nicht mittheilen. Nach unseren Ueberlieferungen gehören wir noch zu den bei der ersten Tempelzerstörung Verbannten (pjwnn rrnn Unsere Voreltern sagten uns, daß wir den Stämmen Juda und Benjamin angehören, die vom Könige Nebuchad- 4) Wenn die Juden Samarkands auch den alten sephardifchen Ritus angenommen haben, so haben sie doch ihre eigenen Minhagim (Gebräuche), welche Minhage Buchara heißen und von allen Juden Mittelasien angenommen wurden. nezar nach Babylonien und Persien verbannt wurden niw). Jndeß finden sich auch Koi hanim und Leviten unter uns. Unsere Muttersprache ist schon seither das Persische und zwar zuerst das Alt- und jetzt das Neupersische. In dieser Sprache wird bei uns anch gepredigt und der Talmud erklärt. Wann wir aber aus Persien nach Samarkand kamen, darüber besitzen wir gar keine Aufzeichnungen. 5 6) Unser Muley (Rabbiner), Abraham Ben Aharon Kohen Zedek, ist ein Sohn unserer Gemeinde, und ist er auch hier in Samarkand seinen heiligen Studien obgelegen. Er ist unser einziger Lehrer und unser einziger Imam (Prediger). Eine Jeschibah oder Bothe-Midraschim gibt es jetzt seit der Ankunft der Russen keine mehr unter uns. Wer noch dem Thorastudium obliegen will, der thut es in der Stille in seinem Hause. Unsere Talmide Chachamim sind zugleich auch die Lehrer unserer Kinder. Es fehlt ihnen daher die Muße, tief in das Studium des Talmud einzudringen. Schon aus dieser Ursache würde uns die Gründung einer Kinderschule mit eigenen Lehrern sehr willkommen sein. Entschuldige nun, wenn wir Dich gar zu lange auf unsere Antwort haben warten lassen; es geschah dies durchaus nicht aus Trägheit, sondern weil wir vorher wichtige und authentische Nachrichten für Dich aus Bokhara, KhokandjH und Khiwa einziehen wollten. Wir erhielten jedoch Briefe aus Bokhara und Khokaud, in denen man uns meldete, daß die Rabbiner dieser zwei Städte Dir schon längst geschrieben haben. Was die jüdische Gemeinde in Khiwa anbelangt, so müssen wir Dir zu unserer Herzensbetrübniß (m^ rax“6) mittheilen, daß dieselbe jetzt fast auf ein Nichts zusammengeschrumpft ist, da fast die meisten ihrer Mitglieder in Folge des Elends und des Jammers, der über sie hereingebrochen ist, zum Islam übergetreten sind und sich mit der übrigen Bevölkerung vermengt haben, (psn ojn lbVianro am ns rran vm njn Tsnyo in) Im vorigen Jahrhundert gab es dort noch mehr als hundert jüdische Familien.7) 5) Unerklärlich bleibt es nur, wie diese Juden, als sie über Persien nach Samarkand kamen, die turkomenische Wüste, die mehrere Tagereisen lang und breit ist — heute wird diese Wüste von der Transkaspibahn durchschnitten — passirt haben. Eine kleine Karawane kann leicht diese Wüste passiren. Wie aber ein paar Tausend oder wenigstens ein paar Hundert Juden dieselbe mit ihren Frauen uud Kindern durchschritten haben, das ist noch heute ein Räthsel. Der Uebersetzer. 6) Der „Israelit" hat bekanntlich seinerzeit die Briefe aus Bokhara und Khokand veröffentlicht. Der Uebersetzer. 7) Wir werden auf dieses traurige Ereigniß später ausführlicher zurückkommen. Ich werde in den nächsten Tagen direkt

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