Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXX. Jahrgang. M S ( jc nn- -T < s ’ I "> * 1 '• Israelit «„> Ieschurun. Zeitschrift pr FSrderW jiid. ieiftes unö pd. ßeveN in Ws. Gemeinde «nd Kchnle. Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudentßum. Herausgegeben von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 17. Januar 5649 (1889). Leitende Artikel. Israels NnsterökichKeit. Eine Winterbetrachtung von Jsaac Hirsch. Todesstarre umfängt Wald und Flur. Die Wipfel der Bäume sind entblättert, welk ist der Blumen Pracht. Zum sonnigen Mittag sind der Vögel Schaaren entflohen, in Grabesstille ruht die Natur. Und der Winter hat des Herbstes grause Arbeit vollendet. Sein kalter Hauch hat jegliches Leben ertödtet, hat zu Stein die Erdschollen verhärtet und Bach und Fluß zu Eis verwandelt. Ist es wirklich der Tod, der herrscht in Wald und Flur? Ist wirklich erstorben jeder Leben in sich bergende Keim? Wird nimmer wieder zu neuem Dasein erwachen, was vom Leichentuche des Winters cingehüllt im ewigen Todesschlaf zu ruhen scheint? Wird niemals wieder im frischen Grün der Bäume Krone prangen, niemals wieder der Blüthe duftiger Odem die Luft erfüllen, niemals wieder die Aehre sich wiegen in dem kosenden Säuseln des lauen Zephirs?! Unter des Eises Decke vollendet der Fluß dennoch seinen Lauf, entwickeln der Bäume Wurzel dennoch ihre Säfte, sammelt der Keim dennoch Kraft zu neuem Sprießen. Nur wenige Monde noch, und es schmilzt der Schnee, und es zerfließt das Eis, und es schmücket sich wieder die Au, und es beleben sich wieder Wald und Flur. Was dem Tode bereits wirklich verfallen gewesen, das allein ist zum Tode eingegangen. Nur abgestorbene Aeste hat der Herbststurm knicken können; der lebenskräftige Stamm ist unberührt geblieben von des Winters Dräuen und erzeugt neue Blüthen und Knospen und zeitigt neues Leben spendende Früchte. I So bewahrt des Winters Frost die sich verjüngende Lebenskraft der Natur — und in der Menschen Bereich sollte Tod und Vernichtung herrschen? „Der Mensch, vom Weib geboren, kurzlebig und mühesatt, der wie die Blume aufgeht und welkt — er sollte wie ein Schatten dahinfliehen und nimmer bestehen?"*) Er allein sollte wirklich dem Moder verfallen, sollte nichts hinterlassen, was sein Dasein kündet? Er sollte nur ein flüchtiger Schatten sein, von dem keine Spur bleibt? „Der Baum habe noch Hoffnung; wenn er gefällt wird, so treibt er aufs Neue und seine Kräftesammlung endet nicht. Wenn auch in der Erde Schooß seine Wurzel altert und sein Stamm im Staube stirbt, so blüht er unter des Wassers Hauch wieder empor und treibt Schößlinge als wäre er frisch gepflanzt. Und der Mensch solltesterben, so er schwach geworden, verscheiden und nimmer sein? Das Meer müßte seine Fluthen verloren haben, wenn ein Strom versiegen und austrockenen sollte, und der Mensch sollte sich niederlegen, um nimmer zu erstehen, bis die Himmel vergehen, erwachten sie nimmer, würden nimmer erweckt aus ihrem Schlafe??"**) Wohl hört auch das edelste Herz auf zu schlagen, wohl bricht auch das Geist sprühendste Auge, wohl verstummt auch der Weisheit erfülltefte Mund für immer, aber nicht Herz, Auge und Mund bedeuten den eigentlichen Menschen, nicht in ihnen erschöpft sich das Wesen des Mannes. Sie sind irdisch und gehen in die Vergänglichkeit ein, der Geist aber, die Seele in deren Dienst sie zeitweilig gestanden, ist ewig undunvergänglich und lebt nicht nur in dem jenseitigen Gefilde unsterblich fort, sondern auch im Kreise der Menschen auf Erden. Kein *) Ijob Kap. 14, V. l, 2. **) Daselbst V. 7—12.