Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1889)
- Date
- 1889-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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43 „Indessen glauben Sie mir, daß ich Sie nicht hasse, und daß^ich niemals ein Rachegefühl gegen Sie genährt. „Ich werde^bald wiederkommen und Ihnen berichten, wie ich handeln werde, wie ich handeln muß. Leben Sie wohl — und begehen Sie nichts Uebereiltes, thun Sie nichts in dieser Sache, bis ich zurück bin, es könnte Sie sonst schwer gereuen. Adieu!" „Ich bin verloren", stöhnte sie. „Fahr' hin du schöne Welt!" Ich ließ die schier Verzweifelnde allein zurück und eilte von dannen. Ich sprang die Treppe hinab und über die Straße, bald befand ich mich im Hause derer von Zorren. Unangemeldet begab ich mich in das Speisezimmer. Die ganze Familie war hier um den runden Tisch gelagert, und Cilli, das Töchterchen, las die Zeitung vor. „Gelagert", sagte ich, denn der Ministerialrath hatte sich auf das Sopha gestreckt, die Hausfrau ruhte zu seiner Rechten auf der Chaiselongue, und Karl, der Studio, hatte seine ganze, nicht unbeträchtliche Länge, auf drei Strohstühlen ausgebreitet. Es war ein idyllisches Familienbild; ich glaubte den Engel des Glückes und der Zufriedenheit über diesem Tische schweben zu sehen. Als ich eintrat,^sprang Karl empor. „Donnerwetter, alter Junge", rief er fröhlich, „seit wann hast Du Dich wieder ausgrabeu lassen? Zweimal war ich auf Deiner Bude, aber fleißige Leute find natürlich nie zu Hause." Die Hausfrau bewillkommte mich in ihrer herzlichen Weise, und ich sagte: „Um Vergebung, daß ich hier so hereingeschneit komme." „Ganz brav," lachte der Ministerialrath. „Sie sollten nur öfters schneien." „Es muß Ihnen bei uns recht schlecht gefallen haben, daß Sie gar nicht mehr Kommen", sagte Cillichen in schmollendem Tone. „Meine Herrschaften, die Schuld ist so groß, daß ich gar keine Rechtfertigung wage, zumal da ich auch heute nicht gekommen bin, mich Ihrer lieben Gesellschaft zu erfreuen, sondern um Excellenz in einer mir wichtigen Angelegenheit um Rath zu fragen." Der Ministerialrath stand sofort auf. „Etwas Amtliches?" fragte er. „In der That, beinahe." „Du krasser Fuchs, bist doch nicht am Ende Reichskanzler geworden?" spottete Karl. „Vielleicht königlich kaiserlich deutscher Reichschemikus?" neckte Cilli weiter. „Kommen Sie!" sagte der Ministerialrath und geleitete mich in sein Arbeitszimmer. „Excellenz", begann ich, „ich muß Sie zuerst bitten, daß Sie mir Ihr Wort geben, von allem dem, was ich Ihnen nun erzählen werde, Nichts verlauten zu lassen, als was Ihre Pflicht und das Wohl des Vaterlands verlangen." Er besann sich kurze Zeit, dann reichte er mir die Hand. „Das kann ich Ihnen ohne Bedenken versprechen", sagte er. „Ich komme in einer Angelegenheit gegen den Regierungsrath von Bronnfeld", begann ich nun, da ich nicht gleich das rechte Wort zur Einleitung fand. Die freundlichen Züge meines Gegenübers verdunkelten sich. „Ich habe gehört", sagte er, „wie übel man Ihnen dort mitgespielt hat. Trösten Sie sich, diese Leute stehen nicht hoch genug, als daß man sich ihretwegen erregen sollte. Lassen Sie die Geschichte, ich bitte sehr, auf sich beruhen." „Um Vergebung, Excellenz, Herr von Bronnfeld ist tobt", erwiederte ich, und erzählte nunLin möglichst wenigen Worten die jüngsten Begebenheiten. Der Ministerialrath war tief erschüttert. „Ich Hab' es stets geahnt, daß es noch so kommen werde", sprach er seufzend,§„und^habe mich deshalb ganz von ihnen zurückgezogen. "Die Verschwendungssucht dieser Dame hat ihn zu Grunde gerichtet; er ist das Opfer seines Weibes. „Und was werden Sie nun thun? Wollen Sie dem Staatsanwalt die Anzeige machen?" „Damit Sie bestimmen, was ich thun soll, bin ich hierhergekommen. Die Briefe werde ich in jedem Falle verbrennen, wie ich geschworen. Ihre Sache wird es sein, zu vermeiden, daß der Staat Schaden erleide. Eine Anzeige aber, hoffe ich, wird unnöthig sein, auch zwecklos, denn der Uebelthäter ist gestorben, und die Papiere -sind in Ihrer Hand." Herr von Zorren prüfte nochmals aufmerksam die Schriftstücke, respective die Uebersetzung derselben. „Er hat erst einen Akt weggesandt," sagte er endlich, „und zum Glück enthält er keine allzuwichtige Staatsgeheimnisse. Ich weiß, daß die Regierung sogar Absicht hat, in einiger Zeit diesen Vertrag der Oeffentlichkeit zu übergeben. Allerdings, die zwei Stücke, die hier Leiliegen, dürften keinem Unbefugten in die Hände fallen. Nun, dem Herrn sei Dank, der Tod