Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1889)
- Date
- 1889-01-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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40 Brünn, 31. Dezember 1846. Sie haben den rechten Mann gewählt, die sie, überzeugt von seiner Rechtgläubigkeit, ungeheuchelten Frömmigkeit und Gesinnungstüchtigkeit, gern als ihr Oberhaupt anerkennen wollen. Proßnitz, 6. Januar 1847. Biel Enthusiasmus erregte hier die Nachricht, daß Hirsch xrimo loco zum mährischen Landrabbiner gewählt wurde. Aus Mähren, 7. Januar. Mit freudiger Sehnsucht wird Hirsch in Mähren erwartet. Selten wird einem Rabbiner das Glück zn Theil, von 30,000 Juden eines ganzen Landes mit offenen Armen ausgenommen zu werden. Dem Verdienste seine Krone. Hirsch wurde in Deutschland hart angegriffen, und doch hat er das Vertrauen eines ganzen Landes und einer mächtigen Regierung gewonnen. Emden, 18. Januar. Daß doch immer das Bittere ans Süße, der Schmerz an die Freude sich so gern ansetzt, so daß der Mensch immer weinen muß in der Freude vor Schrnerz oder vor beiden zugleich. . . Glauben Sie ja nicht, daß unsere Gemeinde diesen Verlust allein empfindet; unsere christlichen Mitbrüder hier, die unserem Rabbiner nicht minder Hochachtung und Ehrfurcht zollen, nehmen auch jetzt den aufrichtigsten Antheil an unseren wehmüthigen Empfindungen. Ja, die christliche Kaufmannschaft sandte eine Deputation an ihn, um ihn zum Hierbleiben zu bewegen. Der Edle mußte es zurückweisen! Und doch wie schwer wird ihm der Entschluß! Er soll seine eigene herrliche Schöpfung, worauf er so lange all' seine Geistes- und Körperkrast verwandt, nunmehr in ihrem Aufblühen verlassen! Unser Rabbiner verbesserte die Knaben-, begründete eine Mädchenschule. An letztere hatte feine geistreiche und wohlthätige Frau auch ihre ganze Thatkraft verwendet. Auch den Gottesdienst hat er gesetzlich geregelt und billigte die von der Gemeinde gewünschte Ehoreinführung, weil er weder Finsterling noch Heuchler ist. Dieser Aufsatz, welcher auch eine gedrängte Lebensskizze von Hirsch bringt, schließt mit den Worten: „Tie Stunde des Scheidens wird uns herbe, sehr herbe werden, aber er lebt hier fort bei uns durch die Früchte seiner Pflanzung, und auch von dort aus, wohin er sich begibt, werden wir durch ihn Trost und Belehruug finden. Geh' hin, Du Hoherpriester des ewigen wah ren G la u b e ns! Geh' hin in das Land, das Dir Gott gezeigt und Du sollst ein Segen werden, und sie werden gesegnet werden, die Dich segnen!" (Orient 1847, Nr. 4.) Die Bitten aus Mähren, daß Hirsch bald erscheinen möge, werden immer dringender; in einer Zuschrift heißt es: „Große Hoffnungen erfüllen die Herzen der mährischen Gemeinden. Alles ist hoffnungstrunken, alles sieht in Hirsch den Gründer einer neuen Periode." In Poesie und Prosa feiert man den neuen Landrabbiner und ersehnt seine baldige Ankunft. Der „Orient" (Nr. 17) bringt einen Dithyrambus in 31 Strophen von Wassertrilling in Boskowitz; eine der Strophen möge hier folgen: 'oy ro ptr lynn;h^7\ '!5' V? NH’ “p^D PUH ,D’JS NHM! (PT 31 DJ PNI ,0’Jdj?j ’vdj nibira omrra!rrjyn hdd ms vd Am 15. Mai hielt Hirsch „in Thränenausbrüchen erstickt" seine Abschiedsrede in Emden. „Durch sein Scheiden", so heißt es in einer Correspondenz (Orient Nr. 26), „verliert der gebildete Kreis einen ausgezeichneten Gelehrten, die Gesellschaft ein humanes Mitglied, das zu jedem wohlthätigen Zwecke gern hilfreiche Bruderhand bot; die jüdischen Gemeinden aber erleiden einen der herbsten Verluste, denn selten findet sich wohl ein Mann, der mit den ausgezeichnetsten Talenten, vorurtheilssreien religiösen Gesinnungen solche rastlose Thatkraft und solchen regen Eifer zur Förderung alles Segensreichen und Heilbringenden in sich vereinigt." Hirsch verließ auf vier Jahre Deutschland und als Scheidegruß geleitete ihn das Widmungswort, welches Dr. Hirsch Grätz an die Spitze seiner soeben in Krotoschin erschienenen Schrift „Gnosticismus und Judenthum" setzte: „Dem Herrn Landrabbiner Samson Raphael Hirsch, dem geistvollen Kämpfer für das geschichtliche Judenthum, dem unvergeßlichen Lehrer, dem väterlichen Freunde in Liebe und Dankbarkeit zugeeignet." Jene zeitgenössischen Citate, welche sich leicht verdutzendfachen ließen, sie werden genügen, um die grenzenlose Verehrung erkennen zu lassen, welche dem Verewigten im Jünglings- und Mannesalter gezollt wurde; er hatte die Hälfte seiner Lebensjahre vollendet! Lobescitate über sein gottbegnadetes Wirken in der zweiten Hälfte seines Lebens sind mehr als überflüssig: Wie köstlich, nach einem solchen Leben zu sterben! Wer riefe mit dem heidnischen Seher nicht aus: „Es sterbe meine Seele den Tod des Gerechten, und mein Ende gleiche dem seinigen!" „Im Lichte seiner Zeitgenossen" hat der nun Verklärte gar herrlich gestrahlt, und die späten Enkel werden sich dieses lichtumflossene Bild nicht trüben lassen. Und wie einst in der Wüste die Lade, welche die Gebeine Josephs barg, mit der Lade der Gesetzestafeln den Israeliten voranzog auf allen ihren Zügenj, so wird auch heut der Todte das lebendeGeschlecht begeistern, und sein Andenken wird uns mahnen an das Zeugniß des Sinai, uns Hinweisen sauf die Tafeln des Gesetzes. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 5. Januar. Als der Verfasser der vielbemerkten Brochüre über die innere Politik Kaiser Wilhelm II. wird jetzt der