Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1882)
- Date
- 1882-12-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1273 fehle, hatte er angenommen, der oder die Räuber wären etwa durch das Geräusch eines sich auf der Straße nähernden Wagens verscheucht worden; allein bei längerem Bedenken mußte er diese Ansicht aufgeben. Wäre ein nächtlicher Einbruch beabsichtigt gewesen; so hätten die Diebe und Räuber dies gewiß nicht von der Straßenseite, sondern von der Rückseite des Hauses, welches an einen öden, fast nur von Bewohnern des Hofes benützten Fußweg stößt, versucht. Es scheine ihm jetzt, daß ein böser Mensch die grause That aus Rachsucht verübt habe " „Vermochte Elaudy Rodler Jemanden zu bezeichnen, der in feindlichen Beziehungen zu seiner Frau gestanden, und von dem man sich auch einer solchen That versehen mochte?" frug Sonnenfeld, mit seiner Frage dem Berichterstatter vorgreifend. „Der Lucker Jud Abraham Duppau war ihr Feind. Die Ermordete war in den letzten Jahren habsüchtig und geizig geworden. Sie halte ihm einige Wochen früher für sein Fuhrwerk ein Pferd als fehlerfrei verkauft, von dem es sich, wie Duppau behauptete, später herausstellte, daß es mit allen möglichen Fehlern behaftet war. Als Duppau dann zu der Bäuerin kam, ihr Vorstellungen wegen der Uebervortheilung macht und den Kauf rückgängig machen wollte, hetzte sie ihren Hund auf ihn, der ihn in den Schenkel biß. Diese Thatsache ist auch durch die Aussage des Chirurgen, welcher Duppau behandelt hatte, bestätigt." „Entschuldigen Sie die Unterbrechung!" sprach Sonnenfeld. „Gelangte es zur Kenntniß des Gerichtes, daß der Jude in Gegenwart von Zeugen davon gesprochen, sich an der Bäuerin zu rächen? Und ist der Berurtheilte ein Mensch, der in seinem Vorleben einen hohen Grad von Bosheit, Rachsucht, Grausamkeit, mit einem Worte einen Charakter gezeigt, der eine solche schauderhafte Unthat bei ihm wahrscheinlich oder auch nur möglich erscheinen läßt?" Der Bürgermeister streichelte sich — wie er zu thun pflegte, wenn er verlegen war — langsam, sanft, die feiste Wange und sprach nach kurzem Bedenken: „Herr Regierungsrath! Sie werden sich wohl die Prozeßakten vorlegen lassen: ich erlaube mir ergebenst, Sie aus diese zu verweisen, sie verbreiten sich ausführlich über alle Einzelheiten." Die ausweichende Antwort schien Sonnenfels nicht zu beftiedigen; auch schien er von derVortrefflichkeit der ihm angewiesenen Quelle nicht überzeugt; aber er sagte. „Ich bitte Sie, fortzufahren!" „Dem Untersuchungsrichter, Kriminalrath Eusebius, schien diese Mittheilung genügende Veranlassung, nachzuforschen, ob sich nicht noch weitere Veroachtsgründe gegen Duppau auffinden ließen» Das Gericht ließ durch Trommelschlag und von den Kanzeln in allen Kirchen unseres Gerichtsfprengels verkünden: Jedermann, der in der Lage sei, etwas über den an Barbara Rodler begangenen Mord oder etwas, was zur Entdeckung des Mörders führen könnte, mittutheilen, oder wer auch nur in der Nacht, in welcher das Verbrechen verübt wurde, sich in der Nähe des Thatortes befunden, werde hiermit aufgefordert, vor Gericht zu erscheinen. Es meldeten sich nur zwei Personen: der Medicinan Doctor Carolus Wallbruck und der Lucker Schutzjude Abraham Duppau. Der Erstere hatte, als er von einem Krankenbesuche heimritt, zu seiner Verwunderung auf einem Hügel in der Nähe des Rodlerhofes eine Gestalt gesehen, die er der herrschenden Dunkelheit wegen, zuerst nicht erkannt hatte; aber plötzlich sei die Mondscheibe, wenn auch nur auf kurze Zeit aus ihrer Wolkenumhüllung hervorgetreten, und da hätte er den ihm wohlbekannten Lucker Juden Abraham Duppau erkannt. „Er erinnere sich noch, daß er überrascht war und eine kurze Zeit darüber nachgedacht habe, was der Jude zur nachtschlafender Zeit auf dem Hügel da oben zu thun habe; aber später habe er, da er wichtige Sachen im Kopfe habe, an diesen, ihm unbedeutenden Vorfälle auch dann nicht mehr gedacht, als er am nächsten Tage erfuhr, daß die Barbara Rodler in dieser Nacht ermordet worden sei und wurde erst durch die Enunciation der Behörde wieder daran erinnert." „Und was hatte Abraham Duppau angegeben?" „Seine Aussage stimmte so ziemlich mit jener des Dr. Wallbruck überein. Er befand sich, wie er sagte, in dieser Rächt auf einem Hügel in der Nähe des Rodlerhofes und bemerkte auf der etwa 30 bis 40 Schritte von seinem Standpunkte gelegenen Straße einen Reiter, den er zuerst in der Dunkelheit nicht erkannte; da aber der Mond, wenn auch nur für kurze Zeit aus der ihn verhüllenden Wolkenschichte schlüpfte, erkannte er Dr. Wallbruck, der auf seinem Grauschimmel des Weges daherritt." „Die beiden Aussagen stimmen in Bezug auf die Thatsachen vollkommen überein," meinte Sonneufeld. „aber Sie sagten, daß die Aussagen „ziemlich" übereinstimmen; das läßt voraussetzen, daß sie doch nicht vollständig gleich lauten, in welchem Punkte wichen Sie von einander ab?" „In Bezug auf die Zeit. Der Jude gab an, es wäre um Mitternacht, der Dottor, es wäre zwei Stunden später gewesen." (Fortsetzung folgt.)