Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1882)
- Date
- 1882-12-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1248 daß wenn der Fremde schwieg, er den Mund fest geschlossen hielt, etwas schmäler als sie waren. Wenn Lavaters Behauptung, daß ein kräftiges Kinn Energie und Geistesstärke verrathe, richtig war, so mußte der Ankömmling diese beiden Eigenschaften in hohem Grade besitzen, und sein ganzes Auftreten ließ einem Menschenkenner keinen Zweifel darüber, daß er mit diesen Vorzügen auch Besonnenheit und j Ruhe verbinde. Der Eindruck, den der Fremde bei den beiden Anwesenden hervorrief, war ebenso verschieden als deren Individualität. Globner fühlte sich von der Erscheinung des Fremden sympathisch angezogen, während Purkhammer sich von dem unerwarteten Besuche unangenehm berührt fühlte. Er mochte in seinem Bureau Niemanden gerne leiden, der ihm erhobenen Hauptes und offenen Blickes entgegentrat. Im ersten Augenblicke vermochte er sich über die Lebensstellung des Fremden kein Urtheil zu bilden, er mußte annehmen, daß er gar nicht seinem Gerichtssprengel angehöre, eine solche Persönlichkeit in diesem, konnte ihm während der langen Dauer seiner Amtsthätigkeit unmöglich unbekannt geblieben sein. Purkhammer war ein Mann, der wie fast alle Beamten seiner Zeit, der äußern Form einen hohen Werth beilegte, und schon, daß er nicht wußte, welchem Stande sein Besucher angehöre, machte ihn verlegen und befangen. Er mochte eine hochgestellte, einflußreiche Persönlichkeit nicht durch ein zu geringes Maß von Unterwürfigkeit verletzen, fast weniger noch, durch allzufreundliches Entgegenkommen, einem Niedrigstehenden gegenüber — wie er glaubte — seiner Würde etwas vergeben; er drückte daher um Zeit zu gewinnen, seine goldene Brille etwas fester hinter die Ohren, warf noch einen Blick auf das zufällig vor ihm liegende Aktenstück, als wäre er eben in ernster amtlicher Beschäftigung unterbrochen worden, und meditirte dabei fortwährend in raschem Gedankenfluge über eine Ansprache, mit welcher er die beiden gefürchteten Klippen glücklich umschiffen konnte; aber der Fremde ließ ihm zu dieser nicht Zeit und begann mit einer wohltönenden Stimme. „Herr Bürgermeister! ich habe die Ehre mich Ihnen als Josef Sonnenfeld, niederösterreichischer Regierungsrath und Professor der Staatswissenschaften an der Wiener Universität vorzustellen. Ich befinde mich eben auf einer Jnstruktionsreise. Ich beabsichtige das Gefängnißwesen, das peinliche Gerichtsverfahren praktisch näher kennen zu lernen, um Material für ein großes Werk, das ich möglichst bald zu beenden wünsche, zu sammeln. Seine Excellenz, der Herr Oberstburggraf*), hatte die Gnade *) So wurde bis zum Jahre 1818 der Landes-Chesi der Präsident des böhmischen Landesgubernium bezeichnet. mir ein Dekret mitzugeben, in welchem sämmtliche Behörden des Königsreiches ersucht werden, mich dienstfreundlichst zu unterstützen, mich in den Protokollen und sonstigen Gerichtsakten Einsicht nehmen zu lassen, die Gefangenen, sowohl jene, welche sich noch in Untersuchungshaft befinden, als die schon Verurtheilten zu sprechen, im Kerker zu besuchen." — Hierbei überreichte Sonnenfels dem Bürgermeister ein breites Couvert. Purkhammer übernahm dies mit einer tiefen Verbeugung, von der es unentschieden bleiben konnte, ob sie dem Gaste oder der schriftlichen Enunciation des Oberstburggrafen, des Stellvertreters des Kaisers, des höchsten Herrn im Lande, galt. Er las das Schreiben mit großer Aufmerksamkeit, dann gab er dasselbe zurück und svrach förmlich: „Herr Regierungsrath! Es gereicht mir zur Ehre, Sie hier in meinem Bureau zu sehen, und es bedarf wohl nicht der Versicherung, daß ich den Befehlen Sr. Excellenz, des Herrn Landes-Chefs, in gewohnter Obedienz gehorsamen werde." Purkhammer schob nun dem angesehenen Gaste einen Stuhl hin. Mit Globner aber war, als er den Namen des Besuchers hörte, eine eigentümliche Veränderung vorgegangen; eine glühende Purpurröthe der Ueberraschung überflog seine edlen Züge, sein ganzer Körper schien unter dem Eindruck einer freudigen Aufregung zu vibriren; unwillkürlich trat er einen Schritt näher an Sonnenfeld heran; und nachdem Pnrkhammer seine Ansprache abgeleiert, konnte sich der junge, feurige Mann nicht mehr halten, ergriff leidenschaftlich Sonnenfeld's Hand und hätte diese in überftröinender Bewegung an seine Lippen gedrückt, wenn nicht Sonnenfeld 'dessen Rechte mit beiden Händen festgehalten und kräftig geschüttelt hätte. „Welch Glück!" rief Globner, „Sonnenfeld, den edlen Vorkämpfer der leidenden Menschheit, den ersten Wortführer für die Aufhebung der Tortur, von Angesicht zu Angesicht sehen! Diese Stunde wird mir ewig unvergeßlich bleiben! — Bei Gott! Herr Regierungsrath, so hatte ich mir Sie vorgestellt, so . . . Purkhammer schnitt seinem Untergebenen das Wort ab. „Sie vergessen Ihre Stellung, Aktuar! — die Kluft, welche einen an der untersten Sprosse der Beamtenhierarchie stehenden unbedeutenden jungen Mann von einem Rathe der niederösterreichischen Regierung trennt! Mäßigen Sie sich in Ihrer kriecherischen Schmeichelei und vermeiden Sie auch ein vertrauliches Benehmen, das sich wohl gegen Personen, mit denen Sie mit Vorliebe verkehren: Kleinbürgern, Handwerkern, Bauern und dergleichen Volk; nicht aber einem hohen Beamten gegenüber ziemt!"