Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1882)
- Date
- 1882-11-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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1124 Dame die Reise nach Wien, um von ihrem Bruder die Freilassung der unschuldig Eingekerkerten zu erlangen." „Das ist erstaunlich!" rief der Primator, „und die drei Männer kamen mir zu danken, und nicht ich, Ihr, Reb Löb Munitz, hattet sie durch ein schweres Opfer gerettet! Ihr seid geradezu der merkwürdigste Mensch, der mir je vorgekoinmen. Ich zermartere mein Gehirn, wie es uns möglich werden wird, einen durch Frömmigkeit, Selbstlosigkeit, Wohlthätigkeit. Hellen Verstand und machtvollen Einfluß so hochhervorragenden Mann all die Unbill vergessen zu machen, die Ihr — allerdings ohne unser Verschulden, nur durch eigenes Wollen in unserer Gemeinde erduldet habt." „Roch Eins möchte ich Euch fragen, Feisch Jchenhausen!" sprach Oppenheim, „welches Verhältnis bestand während dieser langen Zeit zwischen Vater und Sohn?" „Das sonderbarste, das man sich denken kann. Mein Herr liebt seinen Sohn mit endlos tiefer Liebe, und doch verhielt er sich kalt und abweisend gegen ihn. Benjamin wollte sich schon als Knabe innig an seinen Lebensretter anschließen, aber nur mit schwerer Mühe konnte er es erlangen, daß er ihn einmal in der Woche, am Sabbat nämlich, besuchen durfte, und wenn Benjamin zu uns kam, sprach mein Herr zu ihm, als wenn er ein Fremder wäre, und hätte ihn doch am Liebsten an seine Brust drücken, ihn nie mehr aus seinen Armen lassen mögen. Um seine Gefühle nicht zu verrathen, lenkte er das Gespräch auf Dinge von allgemeinem Interesse. Als Benjamin ein Knabe war, frag er ihn über das, was er im Laufe der Woche gelernt, und auch bis in die letzte Zeit bildete ausschließlich Diwre Thoro den Stoff zur Unterhaltung. Wodnian war gewissermassen sein Apotropos l) und es versteht sich von selbst, daß mein Herr über den Lebensgang, den er einschlagen sollte, ohne daß es Benjamin wußte, entschied. „Mein Herr hatte auch hier in Prag unter dem Adel einen großen Kundenkreis, der ihn in lohnender und ehrenvoller Weise beschäftigte, und er wollte seinem Sohne, der wenigstens nach seinem Ableben seinen Vater, vielleicht auch die Ursachen kennen lernen sollte, die ihn veranlaßt hatten, sich ihm im Leben fern zu stellen, sein Geschäft, seinen Kundenkreis überlassen, und Wodnian redete Benjamin zu, das Jouwelier- und Goldwaarengeschäst zu erlernen. Es war bei dieser Gelegenheit das Erstemal, wo Benjamin den Herrn um Rath frug, und dieser sagte ihm: Als Wildfremder könne er ihm nichts in seine Verhältnisse drein reden; doch glaube er, 1) ibvmuitb. daß er sich unbedenklich den Rathschlägen Wodnian's anvertrauen könne. Die Kälte, welche mein Herr, seinem Sohne bei dieser wichtigen Gelegenheit bewies, machte auf Benjamin einen so nachhaltigen Eindruck, daß er sich nie mehr eine ähnliche, vertrauliche Frage gestattete, und so konnte es geschehen, daß mein Herr erst durch mich erfuhr, daß Benjamin ein Mädchen liebe und sich seiner Verbindung mit ihr Hindernisse entgegenstellen." „Wer ist das Mädchen, und welches waren die Hindernisse?" frug der Primator, der alle Bewohner des Ghetto kannte. „Ester, Reb Sabel Ulschitz einzige Tochter; Ester hängt an Benjamin, und würde Alles opfern, sein Glück zu befördern, aber sie ist stolz, sie wollte nicht, daß der Mann ihres Herzens, an einem Menschen hänge, der allgemein gehaßt und verachte! wird, das Mädchen, das in dem Hause ihres Vaters nur Armuth, Qual und Bedrückung kennt, wollte trotzdem, dem Liebling ihrer Seele, dem reichen Manne, der ihr ein glückliches, ruhiges Heim, eine sorgenfreie Zukunft bietet, nur dann folgen, wenn er erklärte, von feinein Lebensretter zu lassen, jeden Verkehr mit ihm abzubrechen; — das aber hatte unser Benjamin verweigert; die Liebenden haben sich getrennt!" „Wackerer junger Mann!" rief der Primator, an Benjamin herantretend und ihm die Hand drückend. „Dieser Umstand führte ihn, meine Herren, auch in Sabel Ulschitz' Haus, er wollte dem Sohne das Mädchen, das er liebte, retten, im äußersten Falle erklären, Prag für immer zu verlassen, seinen Aufenthaltsort vor Benjamin geheim zu halten und so das Band, das Benjamin an ihn fessele, zu vernichten!" „Noch Eins möchte ich fragen," sprach Oppenheim, „wieso kam es, daß Euer Herr dort st schwer erkrankte? man sprach von einem unglücklichen Falle, vielleicht wißt Ihr es besser, richtiger." Feisch erzählte den wahren Sachverhalt, wie er ihn aus dem Munde seines Herrn vernommen. Nun trat eine lange Pause ein, es hatte sick aller Anwesenden eine weihevolle Stimmung bemächtigt. Rabbi David Oppenheim dachte lange nach, plötzlich erhob er sich — und mit ihm unwillkürlich auch der Frankfurter Naw und der Primator, — und sprach mit seiner vollen, wohltönenden Stimme, mit der er das Volk so mächtig Hinzureißen wußte: „Reb Löb Munitz! Nun liegt Euer ganzes Leben vor unserm geistigen Auge aufgerollt, und ich bewundere Euch! — Aber nicht makellos wm Euer Leben, Ihr habt auch schwer gefehlt, und ich Euer Raw will Euch eine Buße auferlegen!" Einen Moment verbreitete sich Bestürzung >u