Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1882)
- Date
- 1882-11-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1118 Grafen Albert Avpanyi sehr genau bekannt sei, und forderte die Preßburger königliche Staatsanwaltschaft auf, den Vorfall zur dienstlichen Kenntniß zu nehmen und die Untersuchung einzuleiten. In Folge deffen wurde Windisch gestern Morgens, als er eben im Begriffe war, nach Wien abzureisen, daran verhindert und vor den Untersuchungsrichter gebracht, welcher nach einem längeren Verhöre dessen Jnhaftirung veranlagte. Die Vorgeschichte der säubern Angelegenheit ist folgende: Windisch hatte, um mit Simony in Kompagnie treten zu können, einen Wechsel mit zehntausend Gulden auf den Grafen Albert Apponyi gefälscht und der hiesigen Sparkasse präsentirt. Mit diesem Gelde wurde der frühere Eigenthümer des „Grenzboten", Dr. Deutsch, .ausbezahlt. Kürzlich fälschte Windisch einen zweiten Wechsel auf 20,000 fl. mit dem Giro des Grafen Apponyi und löste damit den ersten Wechsel ein. Weiter fälschte er das Giro der Raaber Firmen Brettenhofer und Jerey. Auch die hiesige Gewerbebank erscheint durch Windisch geschädigt. Windisch war seinerzeit in Raab ein geachteter Kaufmann, verspielte das Vermögen seiner Frau, eine Summe von 60,000 fl. im Jahre 1873 auf der Börse. Nach stattgehabtem Ausgleich siedelte er sich in Preßburg als Kaufmann an, wurde später Kassier der Sparkasse und zuletzt Mitherausgeber des „Grenzboten". Windisch besitzt fünf unmündige Kinder und hat ein großes Haus geführt. Simonyi erfuhr aus Apponyi's eigenem Munde, daß dieser dem Windisch niemals ein Giro gegeben, worauf Simonyi bei der Sparkasse die Anzeige erstattete. — Eine aufregend peinliche Szene — so wird dem „R. W. T." unter dem Heutigen von hier telegraphirt — fand heute 12 Uhr Mittags in der Venturgasse unter großem Zusammenlaufe statt. Der hiesige geachtete Arzt, Doktor Rupprecht, ein bejahrter Mann, wurde vom Abgeordneten und Redakteur des eben in Folge der Affaire Windisch vielgenanten antisemitischen „Grenzboten", Ivan von Simonyi, mit den Worten: „Elender Verleumder" und „Schuft" angehalten, worauf ihn Simonyi derart heftig ohrfeigte, daß Dr. Rupprecht aus Mund und Nase blutete. Die Affaire bildet das Tagesgespräch. Die Motive der brutalen That sind unbekannt; Rupprecht weiß keinen denkbaren Beweggrund dafür anzugeben. PreHburg. 1. Novbr. In der verflossenen Nacht kam es der „N. Fr. Pr." zu Folge in Gols bei Neusiedl am See, wo die antisemitische Agitation schon seit einiger Zeit ihr Unwesen trieb, zu einem sehr argen Exceß. Mehrere Bauern drangen in den Laden des Gemischtwaarenhändlers Moriz Steiner und plünderten denselben. Steiner war abwesend, feine hochschwangere Frau versuchte es aber, Widerstand zu leisten, und wurde in Folge dessen durch einen Revolverschuß getödtet. Ferner wurden Häuser demolirt und auch Petarden gelegt. Zur Wiederherstellung der Ordnung wurde nun Militär requirirt. Eine Deputation aus Gols, welche sich nach Pesth zum Ministerpräsidenten begibt, ist hier durchgereist. — Heute wurde der Obergespan Graf Eszterhazy durch einen vom 30. Oktober datirten Mimsterial- Erlaß seiner Stellung als Regierungs-Kommissär enthoben. Im Erlasse ist nur vom Komitate Preßburg die Rede; derselbe erstreckt sich aber wahrscheinlich auch auf die Stadt Preßburg. Lemberg, 30. October. Nach einer Petersburger Depesche wird in Folge eines gestern veröffentlichten Ukases den im Chersoner und Jekatcrynoslawer Gouvernement ansässigen Juden fortan unter der Bedingung, daß sie die Landwirthschaft selbst betreiben, gestattet, Grundstücke die unmittelbar an ihre Ansiedlungsplätze grenzen, in Pacht zn nehmen. Rußland. Petersburg Der „Woschod" veröffentlicht in seiner letzten Nummer das Abschiedsgesuch eines Militärarztes mosaischer Konfession, welches folgen dermaßen motivirt ist: „Das Circulär des Kriegs Ministers, betreffend die Militärärzte mosaischer Kon fession, hat diese sowohl in Bezug auf ihre unmittelbaren Vorgesetzten und Kollegen, als auch auf die ganze Gesellschaft in eine äußerst schwierige und falsche Lage versetzt. Das genannte Circulär hat einer Korporation, die bisher die Achtung und Sympathie der Gesellschaft genoß, eine tiefe Beleidigung zugefügt. Es hat ihre Menschenwürde erniedrigt, indem es sie ohne Grund der gewissenlosen Vernachlässigung ihrer Pflichten beschuldigt und auf diese Weise ihr das einem jeden intelligenten Menschen ohne Unterschied der Nationalität, innewohnende Pflichtgefühl abspricht. Der Arzt mosaischer Konfession ist doppelt beleidigt als Arzt wie als Mensch und Jude. Natürlich ist nach diesem für jeden, der sich selbst nur einigermaßen achtet, ein weiteres Verbleiben im Militärressort undenkbar. Wo die Menschenwürde erniedrigt, wo an der sittlichen Kraft eines Mannes gezweifelt wird, da ist auch sein längeres Verweilen nichts anderes, als eine entsetzliche Folter. Nach reiflicher Ueberlegung und nach schwerem inneren Kampfe bin ich als einer von den vielen, deren Haupt jene Beschuldigung des Kriegsressorts getroffen hat, und die doch weder ihre Gesundheit noch ihr Leben geschont haben, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, zu dem Entschluß ge-' langt, um meine Entlassung zu bitten."