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Der Israelit · 1882-10-11 · Heft 41 (11.10.1882) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 41 (11.10.1882)
Date
1882-10-11
Page
– (sequence 22)
Language
German
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tere getreten, nämlich die Verhetzung auf religiösem Gebiete. Man sollte es nicht glauben, daß es auch jetzt noch, im neunzehnten Jahrhundert, Männer von Bildung geben könnte, welche das niedere Volk aufhetzen und gegen einzelne Religion erbittern." Nachdem der Staatsanwalt dann die verhetzende Thätigkeit des hiesigen antisemitischen Reformvereins geschildert hatte, schloß er mit folgendem Appell an die Geschworenen: „Sie werden im Interesse der öffentlichen Ruhe und des Friedens es niemals zu bedauern haben, wenn Sie heute, berufen hiezu als Richter aus dem Volke, erklären: Wir sind mit diesen Verhetzungen, mit dieser künstlich erzeugten und genährten Antisemitenhetze nicht einverstanden, wir treten diesen Ausschreitungen an der Hand des Gesetzes entgegen und wir sprechen ein Schuldig dort, wo wir glauben, daß wir es mit unserem Gewissen und unserem Eide vereinbaren können." Auch der Vorsitzende des Gerichts verurtheilte in schärfster Weise den Antisemitismus. Nichtsdestoweniger verneinten die Geschworenen sämmtliche Schuldfragen, die Hauptfrage wegen Zerboni allerdings nur mit 6 gegen 6 Stimmen. Zum Triumphiren haben unsere Antisemiten aber trotzdem keine Ursache. Trat doch im Verlauf der Verhandlungen klar zu Tage, daß hier für confessionelle Hetzereien kein günstiger Boden ist. Wien, 8. Okt. Im niederösterreichischen Landtage überreichte Schönerer gestern die Petition auf Regelung der Judenfrage in Niederösterreich. Weitlos beantragte, diese Petition sofort durch Uebergang zur Tagesordnung zu erledigen. Schönerer verlangte eingehende Prüfung und drohte, wenn dies nicht geschehe, werde die Bevölkerung die Lösung selbst in gewaltthätiger Weise in die Hand nehmen. Weitlof antwortete, ein sofortiger Protest sei nothwendig, da es sich um einen Versuch zur Störung des Hausfriedens handle. Das parlamentarische Standrecht müsse geübt werden, da ein Angriff auf die Gleichberechtigung aller Staatsbürger vorliege. Weitlof's Antrag wurde mit allen Stimmengegen die Schönerer's und Fürnkranz's angenommen. Preßburg, 8. Oktbr. Der Vicegespan von Preßburg erließ ein Rundschreiben an die Stuhlrichter und Komitatsstädte, worin er erklärt, daß die Excesse solche Elemente der Bevölkerung begingen, mit welchen man auch ohne außerordentliche Mittel fertig werden kann. Jedoch müsse jede Ausschreitung im Keim erstickt werden. Die Heilung welches sozialen Uebels sei immer einzig und allein im gesetzlichen Wege erreichbar. Der Vicegespan ersucht um Mittheilung, ob die Anwendung des Standrechtes schon jetzt nothwendig sei. Im Neutraer Komitat sollq ebenfalls Judenexcesse stattgefunden haben. Rußland. Petersburg In Anbetracht der neulich J der russischen Regierung publizirten Verfügung jj züglich der Einschränkung der Zahl der in bd russischen Armee dienenden Aerzte mosaischenGlaubens bekenntnisses haben, wie das Kiewer Blatt „SariaJ („Die Morgenröthe") meldet, sämmtliche jül Militär-Aerzte in Moskau um ihre Entlassung dem Militärverband nachgesucht und diesen ihr« Entschluß damit motivirt, daß es ihnen in f" tracht der bezüglich der jüdischen Militärärzte iii Rußland erlassenen Verfügung der russischen gierung unangenehm und schmachvoll sei, mit eine solchen Reputation länger unter deren christlich« Kollegen zu bleiben, und daß sie daher vorziehen lieber gar nicht zu dienen, als sich unverdienten leidigungen und schmählichen Einschränkungen aus zusetzen. Ueber diese Massen-Demiffion der jübtfd Militär-Aerzte in Moskau wurde von Seite bei kompetenten Militär-Behörde noch nicht entschieden! es ist aber niehr als zweifellos, daß die angesuchtei» Massenaustritte der jüdischen Aerzte von Moskau! aus der russischen Armee bewilligt werden, umsomehrs als die Nachricht hierüber bereits auch zu den Ohmi des Kaisers Alexander III. gelangt ist, welcher sich! über die Angelegenheit eingehenden Bericht erstatten! ließ, um 'den eigentlichen^Ursachen dieser traurigen! und Rußland beschämenden Thatsachen nachzuforscheii.1 Was den famosen Regierungserlaß bezüglich bei] Einschränkung der Zahl der in der russischen Arm! dienenden jüdischen Aerzte betrifft, theilt der Peters-! burger „Golos" folgende geradezu unglaubliche Thalsache mit: die jüdischen Militärärzte des Wilnaei Kreises waren mit ihrem Chef in Geldgeschäfte verwickelt. Von diesen letzteren erfuhr der Oberkonimandant des Wilnaer Kreises und entließ den Chef seiner Aerzte des Dienstes. Der entlassene Chef wollte sich nun an seinen untergebenen Aerzten „rächen" und denunzirte dieselben beim Kriegsministerium als Geldspekulanten und Sozialisten. Die tJo^e dieser schändlichen Denunziation war, daß sämmtuchL jüdischen Aerzte der russischen Armee für „unzuverlässig" (nie blagonadeschnyje) erklärt und Mit dem er-' wähnten Erlasse bestraft wurden. Es ist Hoffnung vorhanden, daß der Kaiser, welcher sich über die! ganze Angelegenheit unterrichten ließ, sich der st ungerecht gekränkten jüdischen Aerzte seiner Armee annehmen und den famosen Erlaß des Kriegsministers > rückgängig machen wird.

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