Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1882)
- Date
- 1882-09-13
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXIII. Jahrgang. Zweite Beilage m tlr. 37 des Israelit. Leitender Artikel. Pie Hemeinde der ersten hebr. Kolonie im heil. Lande an das Iudenthum. Die Verfolgungen gegen die Hebräer in Rußland wurden immer stärker und stärker, und dem herzzerreißenden Jammer mußte abgeholfen werden. Das Wort „Emigration" flog von Mund zu Munde und die Frage, und zwar die, die am schwierigsten zu lösen, war nur das „Wohin?" Viele haben ihr Augenmerk nach Amerika gerichtet, nach dem Lande der Freiheit, und glaubten dort vor Verfolgungen sicher zu sein; aber sie kannten nicht die amerikanischen Verhältnisse. Amerika fordert von den Einwanderern eine vollständige Assimilatian. In Amerika muß man Amerikaner mit Leib und Seele werden, und das Mißlingen der hebräischen Colonien in Amerika hängt von keinen anderen Ursachen ab, als nur von der Unmöglichkeit, daß das Iudenthum sich gänzlich auflösen soll, um sich vollständiger zu assimiliren. Schon fast seit 2000 Jahren sind wir Verfolgungen ausgesetzt und von Ort zu Ort gejagt. Völker und Mächte stiegen und gingen unter und das auserwählte Volk Gottes hielt allein an seinem historischen Posten fest und verblieb bei der Fahne und Stütze des Judenthums, bei der heil. Thora und ihren Gesetzen. Ein anderer und zwar ein kleiner Theil der russischen Hebräer hat den Entschluß gefaßt, nachdem heil. Lande zu gehen. In der Ueberzeugung, daß es wirklich das gesegnete Land sei, wie es die Thora sagt, und nur im Laufe vieler Jahre durch Vernachlässigung in schlechten Zustand versetzt wurde, in der Ueberzeugung, daß die Worte des Propheten wirklich einst m Erfüllung gehen werden, und daß der Tag der Erlösung nahe sei, hat sich auch unsre kleine Gemeinde entschlossen, nach dem heil. Lande zu emigriren und dort eine Agricultur - Colonie zu gründen und den heil. Boden zu bearbeiten. Es wurden Fachmänner herausgeschickt, um die Colonisationsfähigkeit des Landes festzustellen, und der Bericht lautete: „das Land ist fruchtbar, das Klima gesund, dieColonisation ist möglich, aber nur mit einer strengen Organisation". Nach diesem Ausspruch haben wir uns denn untschlossen, dorthin zu emigriren. Nach vielen Leiden end Kämpfen mit den örtlichen Verhältnissen und Parteien und der Masse von Armen, die ohne Organisation und Unterstützung gekommen sind, ist es uns endlich mit Hilfe des Allmächtigen gelungen, ein Grundstück zu kaufen und den ersten Stein zu legen für die erste hebräische Colonie im heil. Lande, die den Namen „Rischon le Zion" (v'L? juew-i) bekommen hat. Das Terrain liegt 1 Stunde 20 Minuten von der Hafenstadt Jaffa entfernt und grenzt nahe an die Jaffa-Jerusalemer und dieJaffa- Gaaser Straße. Der Flächengehalt des Grundstücks beträgt 3340 Dounames (1 Douname — 40 lH Ellen), außer den nicht mit einberechneten Hügeln. Der Kaufpreis beläuft sich auf 45,000 Frs. und ist baar von den Mitgliedern der Gemeinde „Rischon le Zion" bezahlt worden. Die Häuser sind jetzt im Bauen begriffen, 3 Brunnen sind fertig, 2 von ihnen sind eigenhändig von den Coloniften ausgesührt worden, und eine Fahrstraße, eine halbe Stunde lang gelegt. Dazu reichten unsre Mittel genügend aus. Die Bevölkerung der Colonie besteht aus 22 Familien mit beinahe 50 Arbeitskräften, die der Landarbeit gewöhnt sind. Unter der Zahl der 22 Familien befinden sich 6 arme Familien, die von der Gemeinde Terrain erhalten haben. Dieselben haben sich schriftlich verpflichtet, die Kosten im Laufe mehrerer Jahre zurückzuzahlen. Eben diese Zurückerstattungen werden für gemeinnützige Zwecke verwendet werden. Außer Terrain besitzen die 6 armen Familien Nichts und fehlt es ihnen an Ackergeräthschaften, an Einrichtung zur Erbauung von Wohnhäusern. Die regnerische Jahreszeit naht, das Jahr der Schemitta geht zu Ende und die Leute müssen, wenn keine Hilfe eintreffen sollte, ohne Obdach bleiben und werden nicht im Stande sein, das Land zu bearbeiten. Einstweilen fallen die 6 Familien der Gemeinde zur Last. Wir müssen sie unterstützen, wir müssen für sie die Gemeindesteuern an die Gemeindekasse zahlen. Lange können wir das nicht aushalten. Unsre materiellen Mittel sind im Anfänge genügend gewesen, ja selbst, um die 6 armen Familien einzurlchten. Aber die Masse von Armen, die nach Jaffa kamen, mußten unterstützt werden, um nicht dem gräßlichen Hungertode anheimzufallen. Unterstützungen von andrer Seite kamen nur von Sr. Ehrwürden Herrn Rabbiner Di*. Lehmann und zwar 1500 Frs., von Herrn Baron v. Rothschild 605 Frs., denen wir unfern innigsten Dank aussprechen. Ueber die erhaltenen Gelder wird Rechenschaft in den Zeitungen abgelegt