Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1882)
- Date
- 1882-08-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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888 Sympathien finden, und sollen sich, die ihn begleitenden Truppen durch Zuzüge wesentlich vermehrt haben. Der Marschall Ney, General der Kürassire und Dragoner, Chef der 6. Militär-Division, wurde ihm mit dieser entgegengeschickt. Am 10. März: Napoleon drmgt unaufhaltsam mit seinen Truppen in das Innere des Landes vor. Am 12. März: Der Marschall Ney begegnete mit seiner Division dem Kaiser am 10. in Auxerre, die beiderseitigen Truppen fraternisirten, und der Marschall schloß sich mit seiner Division den kaiserlichen Truppen an. Am 14. März: Unser Kaiser Napoleon wird überall mit endlosem Jubel begrüßt, er steht nur noch zwei Tagreisen von seiner Residenz. Am 18. März: Uebermorgen wird Seine Majestät unser ruhmreicher allergnädigster Herr und Kaiser seinen Einzug in Paris halten. Alle Herzen fliegen ihm entgegen, ganz Frankreich schwimmt in einem Meere von Wonne!. Wenn es gestattet ist, Kleines mit Großem zu vergleichen, hatte sich in der kurzen Zeit von 24 Stunden in dem Prager Ghetto ein ähnlicher Umschwung der öffentlichen Meinung vollzogen; der meistgehaßte, verachtetste Mann, war plötzlich der geliebteste und verehrteste geworden; aber allerdings war diesmal der Umschwung der öffentlichen Meinung begründbar gewesen: Die Hausleute des Oberrabbiners und einige Bachurim, die an seinem Freitagabendtische die interessante Erzählung des Frankfurter Rabbiners angehört, hatten mit unglaublicher Raschheit die wundersamsten Gerüchte über Löb Munitz, der in Frankfurt unter dem Namen Reb Löb Prager bekannt gewesen, in den engen Grenzen des Prager Ghettos verbreitet, und einige Balebattim, die vor etwa 20 Jahren in Frankfurt oder an anderen süddeutschen Jeschiwos gelernt hatten, bezeichneten den Namen, als den eines in ganz Aschkenas*) hoch gefeierten Mannes. — Plötzlich fiel es Allen, wie eine Binde vor den Augen, und Niemand konnte es begreifen, daß man nicht schon früher aus dem Zusammenhänge der Thatsachen, den langjährigen Wohlthäter erkannt habe. Mit einem Male waren eine Zahl von Auffälligkeiten erklärt, eine große Zahl von Räthsel gelöst! Mit einem Male begriff man, weshalb seit drei Wochen die unentgeltliche Verkeilung des Fleisches und Weißbrodes auf Samstag sistirt worden war, der große Menschenfreund und Wohlthäter, Reb Löb Munitz, lag ja krank danieder. Die Armen, Blinden, Wittwen, Waisen, die alten Lomdim, die seit einiger Zeit des namhaften Sippuks5 6) entbehrten, den sie allwöchentlich durch David Wodnian von einem ungekannten Wohlthäter erhalten hatten, begriffen nun, weshalb diese Quelle plötzlich zu fließen aufgehört hatte; und nach und nach war die Bermuthung anfgestiegen, daß Munitz ein großer Wohlthäter war, eine Anschauung, die sich bald zur vollen Überzeugung verstärkte, als David Wodnian eine diesbezüglich an ihn auf offener Straße gerichtete Jnterpelation coram populo beantwortete. Samstags auf dem Wege zur Synagoge, von einem großen Hausen neugieriger Leute ebenso stürmisch als hartnäckig aufgefordert, den Namen des großmüthigen Mannes zn nennen, dessen Almosenier er gewesen; hatte Wodnian mit einem glücklichen Lachen geantwortet; nachdem der Frankfurter Raw das Geheimniß gelüftet, hieb er sich nicht mehr an das Reb Löb Munitz gegebene Versprechen gebunden, und erklärte nun vor Jedermann offen, daß es seines Wissens außer Mordechai Meisel noch keinen Mann in der Prager Kehilla gegeben habe, der so außerordentlich große Summen — stets insgeheim — gespendet habe. Die weiters an ihn gerichtete Frage, weshalb denn Reb Löb stets die Maske eines hartherzigen Menschen getragen, versicherte Wodnian, nicht beantworten zu können; doch hoffe er, wenn Gott boruch hu den großen Zadik^) genesen lassen werde, werde sich auch diese harbe Kaschje in zufriedenstellendster Weise lösen. — Ein eigenthümlicher Taumel hatte das ganze Ghetto ergriffen. Es waren nur wenige in der Gemeinde, die Munitz nicht, entweder ihre unverdiente Verachtung tatsächlich bewiesen, oder Böses von ihm gesprochen!, allermindestens Uebles von ihm gedacht hatten, und fast die ganze Prager Judenschaft fühlte sich von dem bittern Unrechte, das sie ihrem ausgezeichneten Gemeindegenossen zugefügt, um so bedrückter, als dieser jetzt schwer krank daniederlag, zwischen Leben und Tod schwebte. Dem peinigenden Gedanken, den vorzüglichen Mann verlieren zu können, gesellte sich noch jener schwer quälend hinzu, Munitz vielleicht aus dem Leben scheiden zu sehen, ohne das an ihm verübte Unrecht gut gemacht, ihn versöhnt zu haben; und einer spontanen Eingebung folgend, war das Volk massenhaft in alle Synagogen geströmt und hatte nochmals „Tillim" für ihn gesagt. (Fortsetzung folgt.) 5) Bestimmte regelmäßige Unterstützung. 6) Frommer, Gerechter. 4) Süddeutschland.