Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1882)
- Date
- 1882-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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883 Feuilleton. per Sohn der Wiüwe. v. Von nun an und weiter verkehrte Adolph viel in dem Hause des Comerzienraths Silberstein. Auch Frau Marbach wurde manchmal eingeladen. Frau Silberstein lernte bald das edle Herz und den wackeren Charakter der Mutter des Lebensretters ihres einzigen Kindes schätzen, und die beiden Frauen schlossen bald ein inniges Freundschaftsbündniß, während der Herr Comerzienrath sich der Mutter und dem Sohne gegenüber kühl 'und ablehnend verhielt. Umsomehr schwärmte Helene, nach junger Mädchen Art, für Denjenigen, der sie mit Lebensgefahr aus den Fluchen gezogen, und für die edle Frau, die einen solchen Sohn geboren und erzogen hatte. Auch Adolph fühlte bald, daß er für Helene mehr als Freundschaft empfand. „Mutter," sagte er eines Tages, „ich werde den Verkehr im Silberstein'schen Haus aufgeben müssen. Der geldstolze Comerzienrath wird sein einziges Kind nicht einem Proletarier, wie ich es bin, der nur von der Hand zum Munde lebt, zum Weibe geben wollen; deshalb will ich das Gefühl, das sich meiner bemächtigt, unterdrücken, so lange es noch Zeit ist." „„Mein geliebter Sohn,"" antwortete Frau Marbach, „„ich könnte kein besseres Mädchen für Dich aussnchen als die liebenswürdige, fromme, gute Helene Silberstein, und ich würde mich glücklich j schätzen, wenn sie die Deine würde. Aber Du hast Recht; man darf das Unerreichbare nicht erstreben wollen. Ich will mit Frau Silberstein sprechen und I durch sie die Gedanken ihres Gatten erforschen."" Am andern Tage kam Adolph in großer Aufregung nach Hause. „Mutter," sagte er, „ein großes Glück steht Mir in Aussicht. Cin neues Bankinstitut mit behütendem Capital soll gegründet werden. Die ersten Firmen sind dabei betheiligt. Die neue Bank, Arbi- Mgebank wird sie heißen, soll, wie es schon ihr Wme besagt, die Arbitrage zum Hauptfelde ihrer ^hätigkeit machen. Sie wird gewiß reüssiren, denn ks fehlt hier an einem solchen Institute. Man kennt »n den hiesigen Geschäftskreisen meine specielle Be- Mgung für dieses Fach. Du weißt ja, liebe Mutter, daß ich in kürzester Zerr die verschiedenartigsten Course umzurechnen verstehe, s. sch sofort anzugeben weiß, wie sich Berlin in Wien feber Wien in London oder Amsterdam in Paris Mellt. Man hat mir die Directorstelle mit überaus glänzendem Gehalt und einer voraussichtlich sehr einträglichen Tantieme angetragen. Ich werde annehmen und dann sicherlich dem Herrn Comerzienrath ein willkommener Schwiegersohn sein." „„Und am Sabbat?"" fragte die Mutter besorgt. „Auch davon ist schon die Rede gewesen. Ich werde am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen mich durch den ersten Disponenten vertreten lassen können." „„So wünsche ich Dir zwiefach Glück, mein Sohn; mehr noch zu Deiner künftigen Braut als zu der glänzenden Stellung."" Auch Herr Comerzienrath Silberstein kam in großer Aufregung von der Börse nach Hause. „Lisette," sagte er zu seiner Frau, „es kann sich machen." „„Was kann sich machen, Abraham?"" fragte die Angeredete. „Nun, ich meine, der Wunsch Deines Herzens kann in Erfüllung gehen. Die Disconto-Gesellschaft, Rothschild, Bleichröder und noch einige andere erste Firmen wollen mit großem Capital am hiesigen Platze eine Arbitrage-Bank gründen, und was meinst Du, wer Director werden soll?" „„Adolph Marbach!"" „Was Du so gut rathen kannst! Es wird eine glänzende Stellung werden. Zehntausend Thaler Gehalt, freie Wohnung im Bankgebäude, Repräsentations-Gelder, Tantieme — Herz, was begehrst Du! Wenn sich die Sache realisirt, so kann er meinetwegen das Mädchen heirathen. Zwar hätte ich Besseres und Größeres für unser Goldkind erwartet. Allein, es ist nun einmal Euer Wunsch so. Und die ehrenvolle Stellung eines Bankdirectors ist auch nicht zu verachten, zumal, wenn solche Häuser dabei betheiligt sind. Es kann ja kommen, daß er, wenn er mit seiner Frau nach Berlin reist, von Herrn von Bleichröder zu Tische geladen wird, und in Frankfurt kann unserm Kinde eine gleiche Ehre bei Freiherr von Rothschild zu Theil werden. Aber, das sage ich Dir, reißen wollen wir uns doch nicht um ihn; wenn sich die Sache realisirt und er kömmt, um mein Kind anzuhalten, so fordere ich Bedenkzeit. Er muß es als besondere Gnade empfinden, daß ich ihm meine Tochter gebe." Die Verhandlungen wegen der neu zu gründenden Bank gingen ihrem Ende entgegen. Schon hatte sich der Verwaltungsrath constituirt. Um die Directorenstelle hatten sich viele, tüchtige und bewährte Männer beworben. Adolph wurde Allen vorgezogen. Anderer, verstand es, die Arbitrage zu I