Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1882)
- Date
- 1882-08-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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881 allgemeinen Satze müßten wir uns begnügen, wenn wir hier z. B. das im Mittelalter viel geglaubte Märchen von der Brunnen- und Quellenvergiftung ru widerlegen hätten. Das Aufkommen des auf Christentödtung zu rituellen Zwecken bezüglichen Aberglaubens läßt sich aber in noch anderer Weise wenn nicht entschuldigen, so doch begreiflich machen. Die große Masse der Christen des Mittelalters wußte vom jüdischen Glauben und von jüdischen Gebräuchen so gut wie nichts. Geheimniß und Zauberei waren damals schier unzertrennliche Begriffe. Blut nun „ist ein ganz besonderer Saft", über dessen Verwendung zu Heilungen u. s. w. während des Alterthums und des Mittelalters, ja auch der Gegenwart (Orient!) sich ein ganzes Buch schreiben ließe. Nach alter jüdischer Legende (Midrasch Rabba zu Exod. 2, 23 Thargum Pseudo-Jonathan das.) badete sich der schwer erkrankte Pharao von Egypten, um gesund zu werden, auf den Rath seiner Weisen täglich in dem Blute israelitischer Kinder. Dieser Kleinen und auch der anderen gemordeten Juden gedachte man bei der Osterfeier und wählte deshalb zu den „vier Bechern" (Arba koßoth), welche am Anfangsabend zu trinken geboten war, gern rothen Wein. Daß Unwissende daraus in der That Blutgenuß gemacht haben, bezeugt der polnische Rabbiner David halevi ben Samuel (geb. etwa 1600) in seinem hochgeschätzten Commentare Ture sahab zum Schulchan aruch, Orach Chajim, Kap. 472, §. 8, und fordert, daß man diesen Gebrauch wegen der Lügen, die an ihn geknüpft worden seien, aufgebe. Auch dasNichtkennen des zur Heilung der Beschneidungswunde gebrauchten Drachenblutes*) hat zur Bildung der verkehrten Ansicht, daß die Juden des Christenblutes bedürften, Anlaß gegeben. Eine ernste Warnung vor dem leichtfertigen Aussprechen so schwerer Anklagen liegt für die Christenheit auch in ihrer eigenen ältesten Geschichte. Die Christen des zweiten und dritten Jahrhunderts haben unter derselben Beschuldigung schwer gelitten. Justinus Martyr muß in der sog. zweiten Apologie Kapitel 12 seine Glaubensgenossen also vertheidigen: „Welcher Vergnügungssüchtige oder Unmäßige und am Essen von Menschenfleisch Gefallen Findende hieße wohl den Tod willkommen und böte nicht Alles auf, um unbemerkt und möglichst lange seine gewohnte Lebensweise fortzusetzend Wenn ihr durch Martern von unseren Sclaven, Frauen und Kindern Meine Geständnisse erpreßt, so sind dies keine Beweise unserer Schuld. Nicht wir thun das, was uns zur Last gelegt wird, sondern ihr thut es und *) Drachenblut ist das dunkelblutrothe Har; derB. in Hinterindien heimischen Palme Calamus Oraeo ^Willd.), ferner des kttzrooarxus vraco (L.) in Westindien, der Dracaena Draco u. s. rv. noch Schlimmeres thut ihr. Darum brauchten wir, wenn wir dergleichen thäten, es gar nicht zu leugnen. Wir könnten unsere Zusammenkünfte Mysterien des Kronos nennen: wir könnten, wenn wir uns, wie die Rede geht, mit Blut füllten, das für eine Verehrung nach Art der eures Juppiter Latiaris erklären und wären in euren Augen gerechtfertigt." Athenagoras (177) schreibt in seiner an Marcus Aurelius gerichteten Fürbitte für die Christen Kap. 3: „Drei Hauptvorwürfe macht man uns: Gottlosigkeit, Thyesteische Mahle und Oedipodische Vermischungen ..... Und doch rühren nicht einmal Thiere Thiere derselben Art an" und widerlegt dann diese Vorwürfe ausführlich (den zweiten in Kap. 35, 36). In dem von Eusebius (Kirchengesch. V. 1) erhaltenen Briefe der Christen zu Lyon und Vienne werden dieselben Beschuldigungen erwähnt. Besonders ausführlich wird über das Thema verhandelt in dem Octavius des Minucius Felix (der Heide Cäcilius. Kapitel 9, 30). Vgl. auch Carl Semisch, Justin der Märtyrer, 2. Theil, Breslau 1842, S. 105—113, und Kortholt, De calumniis paganorum in veteres Christianos sparsis, c. 18, p. 157 ff. (Kiel 1668)." Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Berlin, 18. August. Der Stöcker'sche „Reichsbote" schreibt: Die antisemitischen Versammlungen und Reden haben nachgerade einen Charakter angenommen, gegen den wir uns gedrungen fühlen, öffentlich zu protestiren; nachgerade haben wir es hier nicht mehr blos mit einer aus jugendlichem Eifer erklärbaren Leidenschaftlichkeit zu thun, die leicht die Volksmassen zu Ausbrüchen fortreißen kann, welche nicht blos die Juden, sondern diese Volksmassen selbst in's Unglück stürzen und eine Blutschuld auf unser Volk wälzen kann. Dem muß mit aller Energie entgegen getreten werden. Wo soll es hinführen, wenn Herr Di-. Henrici in einer solchen Volksversammlung in die durch seine Worte aufgeregte Menge hineinruft: „In der Judenfrage gibt es kein zuviel" und die Masse dann unter seiner Billigung schreit: „Juden raus," oder wenn er selbst ruft: „Wir werden nicht eher ruhen als bis der letzte Jude mit seinem Bündel über die deutsche Grenze ist d" Ueber die Judenfrage selbst und ein Abwägen der Mittel zu ihrer Lösung enthält der ganze Vortrag nichts. Ein Zank zwischen einem jüdischen Zeitungsverleger und einem Zeitungsverkäufer wird benutzt zu einer aufregenden fanatischen Judenhetze; denn anders kann