Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-07-26 · Heft 30 (26.7.1882) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 30 (26.7.1882)
Date
1882-07-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447927--18950-2475009
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

758 der konfessionellen Gesetzgebung nur den Schluß ziehen kann, sie habe der römischen Kirche auch nicht Eine Seele entfremdet. Auffälliger ist nur die Vermehrung der Israeliten um 185,194 Personen, was einen Percenffatz von 4.5 gegen 4.06 Percent der 1869er Zählung ergibt. Aber auch diese verhältnißmäßige Zunahme erklärt sich ohne Zuhilfenahme meritorischer Ursachen. Zwar mag die bekanntlich große Propagations-Fähigkeit jüdischer Familien ttt den Nordostländern daran ihren Antheil haben, und auch die Einwanderung in Galizien, wo die größte Vermehrung stattfand, mag mit dazu beigetragen baben, dort zum Beispiel die Zahl der Jsraelitien von 575,918 auf 686,596 gebracht zu haben. Ein sehr relevanter Umstand liegt unseres Erachtens aber in der erst während des abgelausenen Decenniums zum vollen Durchbruche gekommenen socialen und politischen Gleichberechtigung der Juden; denn in Folge derselben haben gewiß viele Familien ihr Glaubensbekenntniß unumwunden angegeben, die es noch im Jahre 1869 zu verdecken bemüssigt waren. Auch die nicht unbedeutende Zahl der zu „anderen" durch die Grundrechte und interkonfessionellen Gesetze anerkannten Kirchen sich bekennenden Personen und der „Consessionslosen" verdient Beachtung, da sie im Census des Jahres 1880 zum erstenmal klar nachgewiesen wird. Das höchste Interesse beanspruchen jedoch unter allen Daten der letzten Volkszählung die Nationalitäts-Verhältnisse. Wir werden auf dieselben meinem besonder» Artikel zurückkommen und können nur im Allgemeinen schon heute versichern, daß sie nicht zu Ungunsten des deutschen Volksstammes lauten. (N. Fr. Pr.) Budapest, 12. Juli. Mit welch' unerhörter Frechheit für den Anti-Semitismus agitirt wird, beweist nachstehender Fall: „In der vorigen Woche brachten mehrere Blätter die Nachricht, in Stuhlweißenburg sei der reformirte Geistliche Tatay auf offener Straße von zwei polnischen Juden angeschoffen worden." Wie ich erfahre, ergab die amtliche Untersuchung, daß die ganze Mär erlogen sei; wahr ist nur so viel, daß Tatay unlängst von zwei des Weges kommenden Wanderburschen, nota bene Christen, befragt wurde, welche Straße nach Agram führe. P»pa, 7. Juli. Die Gährung in der hiesigen Bevölkerung scheint sich noch immer nicht legen zu wollen. In der Nacht auf den 5. d. sind abermals zahlreiche Fenster eingeschlagen worden, ungeachtet der aus städtischen Hajduken zusammengesetzten Patrouillen, die die ganze Nacht hindurch die Gassen durchstreiften. Die Aufregung hat einen hohen Grad erreicht, da die untersten Schichten der Bevölkerung sich überaus bedrohlich äußern und es notorisch ist, daß sie zu solchem Verhalten aufgestachelt werden. Am Mittwoch erschienen drei Studenten der Theologie mit Knütteln bewaffnet, im Weinberge des Ober-Rabbiners Dr. Breuer, der seit vier Wochen draußen wohnt, um denselbeln zu mißhandeln. Dr. Breuer war glücklicher Weise nicht zu Hause und die tapferen Helden wurden von seiner Gemahlin abgewiesen. Die Einvernahme der Unruhestifter, sowie der Mißhandelten und Beschädigten dauert seit vier Tage noch fort. Zur Hintanhaltung weiterer Unruhen hat der Bürgermeister sehr strenge Maßregeln angeordnet. Um 10 Uhr Abends müssen sämmtliche öffentlichen Locale gesperrt werden; auch dürfen nach 10 Uhr sich nicht mehr als drei Personen in einem Haufen auf der Gasse zeigen. Dem zuwider Handelnde werden zu hohen Geld-, wie auch zu Arreststrafen verurtheilt. Die verflossene Nacht war ruhig, da die Stadt durch zahlreiche Militär- und städtische Patrouillen unter persönlicher Aufsicht des Herrn Vicegespans Vsghelyi und des Stadthauptmanns durchstreift wurde. Daß der Geschäftsverkehr durch solche Zustände gelähmt wird, ist wohl selbstverständlich, die Gassen find sozusagen menschenleer und auch das Theater wird trotz des Gastspiels des Herrn Ujhazi vom Nationaltheater nur sehr spärlich besucht. Die Spannung und Verstimmung ist eben eine so allgemeine, daß im ganzen öffentlichen Leben nothwendiger Weise eine Stockung eintreten mußte. Rußland. Nikolajew, 4. Juli. Die Prozesse wegen der Judenunruhen neigen sich ihrem Ende zu, uno man sieht, daß das Gericht sich endlich zu energischen Thaten aufrafft und strenge Strafen über die Urheber dieser Exceffe ausspricht. Doch eine eigenthümliche Thatsache ist nicht zu übersehen. Wo strenge Strafen ausgesprochen wurden, wie in Alexandrowo, Tiraspol und Balta, waren es nur ernannte Richter wo dagegen, wie in Odessa, Geschworne zum Verbiete berufen wurden, erfolgte stets ein freisprechendes Urtheil, sogar bei Eingeständniß der Angeklagten. Dies ist ein Zeichen, daß die Gemüther noch nicht beruhigt sind und der Funke noch unter der Asche glimmt; die geringste Gelegenheit genügt, um ihn zur Flamme zu stärken. Und leider wird auch diese Ansicht durch die Ereignisse bestätigt. In Okna, einem Städtchen im podolischen Gouvernement, Baltaer Kreis, überfiel ein Pöbelhaufe die jüdischen Häuser, zerstörte deren fünf, stürmte die Handlungen und plünderte die Maaren. Erst dem rasch herbeieilenden Fürsten Gagarin gelang es, die Ruhe wieder herzustellen und die Rädelsführer zu verhaften. Nun

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.