Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-07-19 · Heft 29 (19.7.1882) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 29 (19.7.1882)
Date
1882-07-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447926--18931-2474989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

732 inneruncz an ihn nur unklar vor, jetzt aber wird sie deutlicher. Ich hörte seinen Namen das Erstemal vor 27 Jahren in meiner Vaterstadt Worms 2) nennen. Es war damals als ich von Nikolsburg nach Prag, dieser Ir we-em bejisroel^) berufen wurde. Ich wollte, bevor ich den neuen hohen Posten antrat, nochmals die Heimath besuchen. Als ich dort anwesend war, wurde einem Glaubensgenossen ein grausliches Verbrechen angedichtet, es stand zu befürchten, das; man den Unglücklichen peinlich befragen, dw'ch die Folter Geständnisse erpressen würde, welche nicht nur ihn, sondern die ganze Gemeinde :n's Unglück hätte stürzen können. Ich erbot mich sofort, nach Wien an meinen vielvrwmögenden Oheim, dem kaiserlichen Hofsaktor, zu schreiben, wollte einen eigenen Courier mit der Depesche senden, aber man befürchtete, das; bei der weiten Entfernung, die Intervention meines Oheims zu spät kommen würde, und die Gemeinde wandte sich in ihrer höchsten Noth an Ncb Löb Prager in dem nahegelegenen Frankfurt, der als Jonwelier an vielen süddeutschen Höfen beliebt und wohlgelitten war. Er traf sofort in Worms ein, und bewies sich eben so opferwillig als einflußreich. Vor Allem leistete er mit einem großen Theile seines Vermögens, einer sehr namhaften Summe, Bürgschaft für den Verhafteten, so daß dieser zn dem großen Jubel seiner Familie und der ganzen Gemeinde ans freien Fuß gesetzt wurde; — dann gelang es ihm durch seine Bekanntschaft in den höchsten Kreisen die elenden Verlänmder des unschuldigen Mannes zn entlarven, die volle Grundlosigkeit ihrer Anklagen zn erweisen, den Unschuldigen und vielleicht auch die ganze Gemeinde vor einem entsetzlichen Schicksale zn bewahren! Er wurde mir schon damals als ein geborener Prager bezeichnet. Ich hörte schon damals viel von seinen Großthaten, die er zn Gnnstell unserer gedrückten Glaubensgenossen ansgeübt hatte. Schon 10 Jahre zuvor war es ihm gelungen in Snlzbach großes Unheil abzuwenden. Dort hatten böse Menschen, Feinde unseres Glaubens, lügenhafte Anschuldigungen gegen die Inden ansgesprengt. Durch Pragers Einfluß , noch unterstützt von dem edlen Knorr von Rosenroth, sah sich der weise Fürst Christian August von Pfalz-Sulzbach 1692 veranlaßt ein Mandat zn pnbliciren % wonach cs bei schwerer Strafe untersagt wurde, den ansgestrenten, erdichteten, lügenhaften Anschuldigungen gegen die Inden Glauben bei- 2) David Oppenheim datirt eine der in Berlin 1703 gedruckten Durim ertheilte von was 1702 entspricht. 3) Großstadt und Mutter in Israel. 4) Dieser gütige Fürst hatte schon 10 Jahre zuvor 1682 ein ähnliches Edict erlassen. Er wurde 1632 geboren und starb 1708, er war zum Katholicisinus übergetreten. znmessen, noch viel weniger diese darum anznfechten. Als ich später in einem Briefe an meinen verewigten Oheim in Wien, Reb Löb Pragers Erwähnung that, schrieb er mir, daß ihm der Mann nicht unbekannt sei, daß ihn dieser ans das Erscheinen einer Brandschrift „das entdeckte Jndenthnm" von dem nichtswürdigen Lügner Johann Andreas Eisenmenger rechtzeitig aufmerksam, und daher meinem Onkel möglich gemacht, großes Unheil zn verhüten^). Ich hatte mir damals vorgenommen, mich gleich bei meiner Ankunft in Prag über Reb Löb Prager zu erkundigen; aber ich konnte mein Amt in Mährer, nicht so rasch verlassen, ich hatte dort vor meiner Abreise noch wichtige, die Allgemeinheit betreffender Angelegenheiten in Ordnung zu setzen; als ich hier anlangte, war ich in anstrengendster Weise beschäftigt, und als ich endlich zur Ruhe kam, mich Reb Löb Pragers erinnerte und mich Über diesen und fein Vorleben in Prag erkundigen wollte, war er unter diesem Namen hier ganz unbekannt. — Der Lebensgang dieses Mannes muß ein ganz ^igenthümlicher gewesen sein." „Sein schönes Leben liegt klar vor mir bis zu dem Momente, wo er nach neunjähriger Haft ans seinem Kerker entlassen wurde;" meinte Rabbi Jakob, „von da ab erscheint sein Lebensweg dunkel, sein Behoben unerklärlich." „Darf ich Euch bitten, uns sein: Lebensgeschichte zu erzählen," sprach der Primator. „Ich will, wenn es mein geliebterund gelehrter Freund, der Prager Oberrabbiner, gestattet, gern: Eurem Wunsche entsprechen. Ich habe meine Mit' theilnngen aus bester Quelle geschöpft. Sein Schwager Reb Efrajim Kannstadt hat mir seine ganze Vergangenheit anfgcrollt. Reb Löb Munitz entstammt einer alten, angesehenen Prager Fainilie. Sein Großvater war Rieb 5) Eisenmenger ließ sein berüchtigtes Lügcnwerk im Iah'.: 1700 in Frankfurt drucken. Samuel Oppenheim in Wien übe: reichte dem Kaiser ein Erposv, in welchem er mit vollem Rech:.' behauptete, daß die Veröffentlichung dieses Buches zum Mc:- und Todtschlag gegen die Juden reizen würde. Der Kaiser ver bot die Verbreitung desselben und die ganze Auflage voll 20l>» Eremplareu mil Ausnahme weniger, die der Verkäster beseitigt wurde confiscirt und lag in Frankfurt unter schloß und Riegel. Der nichtswürdige Schelm trat mit den Juden in Unterhand lung» für 30,000 Dhaler erklärte er, wolle er sein Werk ve: Nichten. Die Juden inochteu eine so ungeheure Summe nick: fast ganz nutzlos hiuauswerfen, doch boten sie ihm einen nan:- haften Betrag, nahezu die Hälsce seiner Forderung. Eisenmenger schlug diese Anerbietung ans, er hoffte noch immer die Eonnscation rückgängig zu machen. Da er seine Hoffnung unersüch sah, traf ihn die gerechte Strafe, er hatte nicht nur sein game* Vermögen zu Druckzweckeu verwendet, sondern er hatte sich noch in Schulden gestürzt. Wie Schndt — selbst ein großer Judenfeind — in seinen jüdischen Merkwürdigkeiten erzählt, starb cc vor Gram an gebrochenem Herzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.