Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1882)
- Date
- 1882-06-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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652 In dem Augenblick, wo der Wagen des Fremden bei dem Gotteshause anhielt, war der Primator, Jsak Saul-Taussig, langsam und gravitätisch aus dem Thore des jüdischen Rathhauses getreten und beabsichtigte, sich, von seinem Privat- und dem Gemeindemeschores begleitet, nach seinem Hause zu begeben. Der erste Mann der Prager Judengemeinde sah imponirend genug aus. Er war zwar nur mittelgroß; aber da er muskulös und breiffchulterig, war er doch eine stattliche Erscheinung. Er mochte ein Mann in dem Beginn der Vierzig sein. Am Kopfe saß ein „geschnittener Hut," wie sie jetzt von den Custoden in den neuen Tempeln getragen werden, nur wurde er in jener Zeit quer aufgesetzt, so daß die beiden Spitzen, nicht wie jetzt vor- und rückwärts, sondern links und rechts kamen; was viel auffallender und feierlicher aussah. Reb Jizchak Taussig hatte ein gut gefärbtes, rundes Gesicht, dunkle Augen, zu denen ein gut gepflegter, brauner, stellenweise grau geäderter Bart über eine dicke Halskrause auf die Brust niederfallend und sich dort in wei Spitzen abzweigend, vortrefflich paßte. Da es ehr kalt war, trug er einen weiten, grünen Mantel, dessen Kragen, Besatz und Futter von feinstem Pelzwerke waren; unter diesen einen kurzen, seidenen Rock, eine weitherabreichende, tiefausgeschnittene Weste von Seidenbrokat, die ein feines Jabot mit einer kostbaren Busennadel sehen ließ, kurze, schwarze Seidenbeinkleider, seidene Strümpfe, Schuhe mit silbernen Schnallen. Er ging aufrecht mit hoch erhobenem Haupte, in der Hand trug er ein Bambusrohr mit einem Goldknopf, und schlug mit jenem, bei jedem Schritte, geräuschvoll auf das Pflaster auf. Das Primat der Prager Jndengemeinde war zu jener Zeit eine hohe Würde, aber auch eine schwere Bürde. Das Gemeindeamt war damals auch eine Polizei- und politische Behörde. Die Prager Judenstadt wurde zwar — mathematisch unrichtig genug — als das fünfte Viertel der königlichen Hauptstadt Prag bezeichnet; aber deren Thore wurden allabendlich geschlossen und sie bildete daher in einem gewissen Sinne eine eigene Stadt. Der Gemeindevorstand hatte die Aufgabe seine Glaubensgenossen, die in jenen finstern Zeiten der Unduldsamkeit und des Fanatismus nur mit einem spärlichen Ausmaße von Menschenrechten bedacht waren, zu schützen, die Existenzmöglichkeit der Allgemeinheit und des Individuums zu erhalten, und da gab es zuweilen heiße Kämpfe mit den Oberbehörden, welche dem Juden gegenüber, an und für sich in der Praxis völlig unausführbare Gesetze, noch durch drakonische Auslegung zu voller Unerträglichkeit zu verschärfen wußten. Reb Jizchak Taussig war, das sah man an seinen nachdenklichen Mienen, offenbar mit seinen Gedanken beschäftigt; vielleicht mochte das Aktenbündel unter dem Arme des Gaffenmeschores, das dieser seinem Chef nach Hause trug, ihm Veranlassung zum ernsten Nachsinnen gegeben haben; — und erst als er bei der Altneuschule anlangte, sah er den großen, dichten Menschenknäul, der den Reisenden und seinen Wagen umstand. Als der Primator Miene machte, dem Fremden näher zu treten, öffnete sich der weite Kreis und machte jenem ehrerbietig Platz. „Ah! —Scholom olecho mori werabbi!"H rief Taussig fast in lautem Jubel, „welches unverhoffte Glück Euch wieder hier in Eurer Vaterstadt zu sehen, Eurer Vaterstadt, der Ihr in weiter Ferne zur Ehre und zum Stolz gereicht!" „Siehe da, mein lieber Freund und Talmudmuwhok?) Reb Jizchak Taussig, der Primator von Prag!" Wenn etwas geeignet war, den Respekt vordem Fremden zu erhöhen, so war es die große Ehre, welche ihm das Haupt der Gemeinde erwies, allein jetzt, nachdem Taussigs Worte den Umstehenden einen Leitfaden gegeben, erkannten ihn Viele und der Ruf „Das ist ja der Frankfurter Row, Reb Jakow Cohen b) unser berühmter Landsmann!" ward im ganzen Kreise laut und nun drängten sich Alle an den hochgeehrten Mann, der es trotz Widerstrebens lächelnd geschehen lassen mußte, daß ihm die Männer die Hände küßten, die Weiber und Kinder als Zeichen höchster Ehrerbietung nach dem Zipfel seines Kaftans haschten und diesen inbrünstig an die Lippen führten. „Rabbi!" sprach der Primator, „ich halte es für selbstverständlich, daß Ihr, so lange Ihr in Prag verweilt, mein Haus durch Eure Gegenwart beglückt, es hat Raum genug für Euch und Eure Begleiter. Wenn's dem Rabbi gefällig ist, lenken wir auch sofort dorthin unsere Schritte." „Ich nehme Eure Gastfreundschaft gerne und mit Dank an: Ato rozeh wejefch loch!^) — allein ich möchte zuvor noch Zweifaches thun .... Ich sehne mich darnach wieder einmal das Innere des altehrwürdigen Gotteshauses, der Altneusynagoge, zu sehen, — dieses soll der erste geschlossene Raum sein, den ich in meiner Heimath betreten möchte. 4) Friede mit Dir mein Lehrer und Rabbi! 5) Hochgeliebter, hervorragender Schaler, Lieblingsschüler. 6) Gewöhnlich unter dem Namen Reb Jakow Cohen -Katz (s- Abbreviatur von jni pz) genannt, ein geborener Prager, war Rabbiner in Koblenz, Halberstadt, von 1718—1740 Rabbiner in Frankfurt am Main. * *) 7) Du bist gewillt und aucb tn der Lage Gastfreundschaft zu üben «Chulin 7 b.) Die Worte, welche Rabbi Pinchas ben Jair auf Rabbas Einladung erwiderte. *) Anm. d. Red.: Bekannter noch unter dem Namen 7">"irv; in Halberstadt war er nie; im Begriffe, sich dorthin zu begeben, wurde er veranlaßt, das Rabbinat in Frankfurt anzutreten. Vergl. das Titelblatt zu seinen Responsen?">ivv vnirv.