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Der Israelit · 1882-06-14 · Heft 24 (14.6.1882) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 24 (14.6.1882)
Date
1882-06-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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586 Sie waren, wie gesagt, kurz bei Aufzählung dieser Thatsachen, vielleicht zu kurz; es wird Ihnen also recht sein, wenn wir ein wenig bei denselben verweilen. Ich habe großen Respect vor Thatsachen, und ich lasse mir gern eine Beweisführung gefallen, die darauf gebaut ist. Aber vor diesen Thatsachen? Ich glaube wirklich, es ist besser, dieselben auf ihren Gehalt zu untersuchen, ehe wir uns auf eine Discussion einlassen. Denn wenn Ihre Angabe der Wirklichkeit entspricht, so lohnt es sich freilich noch, die in Ihren neun Paragraphen enthaltene Begründung zu prüfen; sollte dies aber nicht ganz der Fall sein, so scheint mir Ihre Theorie nicht auf festen Füßen zu stehen. Der erste, neuerdings in diesem Lande geniachte Colonisationsversuch geschah, wie Sie anführen, vor fünfzehn Jahren durch Amerikaner, und ehe noch achtzehn Monate verflossen, habe sich der Consul der Bereinigten Staaten genöthigt gesehen, den Rest seiner Landsleute in ihre Heimath zurück zu befördern. Ich habe bei Herrn Floyd, dem einzigen Amerikaner, der von jenen Kolonisten im Lande geblieben ist, Erkundigungen eingezogen, und er hat diese Thatsache vollkommen bestätigt. Nach den Ursachen befragt, erzählte er, der Leiter ihres Unternehmens sei ein gewisser Mr. Ad am ^gewesen, der zuerst ganz unpassendes Land in der Nähe von Mikveb Israel billig für seine eigene Rechnung angekauft habe, um es zu exorbitantem Preise an seine Freunde zu verkaufen. — Als man das Grundstück aufgab, um ein anderes zu erwerben, auf dem heutzutage die blühende deutsche Colonie bei Jaffa cxistirt, habe er die Geschäfte auf dieselbe niederträchtige Weise fortgeführt. — Dabei sei dieser wackere Chef selten nüchtern gewesen, da er täglich wenigstens eine Flasche Cognac consumirte. — Und ein Unternehmen, das in solchen Händen ruht, sollte gedeihen? Das wäre ja ein wahres Wunder gewesen l Merkwürdig ist nur, daß sich die Sache ein und ein halbes Jahr gehalten hat. Die Actiengesellschaft möchte ich sehen, die ihr Wohl und Wehe einem Gauner und Säufer anvertraute, ohne sich in kürzester Frist banguerotte erklären zu müssen! Ich sehe, Sie sind mit mir einverstanden. Jene Einzelnheiten waren Ihnen entfallen. Natürlich, Sie schrieben ja Ihren Brief von Paris aus, wo es unmöglich war, Ihr Gedächtniß über Dinge auszufrischen, die sich vor vielen Jahren in Jaffa ereignet haben. Also dieser Fall beweist Nichts, gar Nichts, gegen die Colonisation Palästina's; gehen wir demnach zu Ihrer zweiten Thatsache über. „Die zweite Colonie," sagen Sie, „wurde vor zwölf Jahren, theils bei Jaffa, theils bei Caiffa, von Württenbergern angelegt. Nachdem die Mitglieder dieser beiden Gemeinden die Mittel erschöpft hatten, führten sie, vermittels in Deutschland und Amerika gesammelter Almosen, eine zweifelhafte Existenz." Ich habe auch über diese Thatsache Erkundigungen eingezogen, und ich fand sie vollkommen bestätigt, genau so wie die erste. Die Leute erklären, daß sie anfangs, unbekannt mit der Sprache und Sitte des Landes, ein saures Leben geführt hätten, daß sie leider in Folge des ungesunden, in der Nähe von Sümpfen gelegenen Terrains in ihren beiden Jaffaer Kolonien — denn dort exiftiren zwei deutsche Ansiedlungen, wie Sie sich erinnern — zuerst eine hohe Mortalitätsz'ffer gehabt hätten, die nach und nach durch die Cultur des Landes und besonders durch Anpflanzungen von Eucalyptus - Bäumen auf das normale Maaß herabgegangen sei; sie geben auch zu, Unterstützungen von ihren Glaubensbrüdern erhalten zu haben, wollen dieselben aber nur für ihre Schulen verwendet haben, die allerdings für den Orient Außerordentliches leisten. Die Thatsache ist also nicht wegzuleugnen, die Leute führten früher eine unsichere Existenz. Mehr sagen Sie ja nicht. Ihr Geist ist noch immer zu befangen von den trüben Eindrücken, die Sie ohne Zweifel vor zehn oder zwölf Jahren in Jaffa erhielten, daß Sie gänzlich an die Gegenwart vergessend, alsbald zu Ihrem dritten Beispiel übergehen. Uns Andere interessirt aber auch die Gegenwart ein wenig, und wir fragen: Ja, aber wie geht es denn jetzt diesen Deutschen? Jetzt, da ist es freilich etwas Anderes. Da sind die Leute über den Berg, wie man zu sagen pflegt. Wenn man die beiden freundlichen, deutschen Dörfer bei Jaffa und das dritte bei Caiffa durchwandert, die sich dreist jedem Städtchen in der Heimath an die Seite stellen dürfen, wenn man die sauberen, mit Ziegeln bedeckten Steinhäuser, die wohlgepflegten Gärtchen mustert, die stattlichen Gemeindehäuser, die Schul- und Betsäle und die comfortablen Hotels besucht, wenn man die Landwirthschaft und Viehzucht im Gedeihen und einen immer zunehmenden Wein- Export organisirt findet, dann sucht unser fragendes Auge verwundert — das Ihrige, Herr Netter. — Warum verweilen Sie bei einer längst überwundenen Vergangenheit, ohne der glücklichen Gegenwart mit einem Wörtchen zu gedenken? Ich weiß es nicht. Vielleicht hatten Sie während Ihres Aufenthalts in Jaffa keine Zeit, Ihre deutschen Nachbarn zu besuchen. In diesem Fall fragen Sie doch bei dem früheren deutschen Consul, Herrn v. Münchhausen, der gegenwärtig in Kiew weilt, an, der jetzige hat wohl noch nicht Muße gehabt, sich durch den Augenschein zu überzeugen, und Sie werden meine Angaben durchgehends bestätigt finden. Es ging aver den deutschen Ansiedlern in Palästina nicht anders als den Engländern vor zweihundert Jahren in Amerika und den Franzosen in Algier in diesem Jahrhundert. Die ersten Erfahrungen müssen theuer erkauft werden,

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