Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1882)
- Date
- 1882-06-07
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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577 Und wenn Du grausam auch sie hast vertrieben, Sie, die man Juden, vaterlandlos nennt, Sie müssen doch das Land der Väter lieben. Wo man ihr Gut geraubt, ihr Haus verbrennt. Und wenn der Geist auch glaubensunterthan. Im „Lande der Verheißung" sich verloren, Ihr Herz, es hastet, glaubet nur daran. Am Mutterschooße, der sie hat geboren. Und wenn schon Todesschatten niedersinken, Einst auf die Armen in der weiten Ferne, Dann wird aus Himmelshöhen ihnen winken, Das Vaterland gleich einem gold'nen Sterne. O scheltet nicht den Dichter phrasenreich. Der dieser Armen Herz an's Herz Euch leget, Wohl lies't er in den Mienen kummerbleich. Was ihnen sich in tiefster Seele reget. Ihr Loos ist hart, jedoch ihr Herz ist weich. Sie denken todter Mütter, todter Väter, Die glücklich schlummern in dem Erdenreich, Ihr Grab entweiht vielleicht ein Missethäter! Sonst scheint Erinnerung in ihnen stumpf, Sie blicken leer und trostlos in die Weite, Nur manchmal mag's, gleich Glocken tief und dumpf, Im Herzen dröhnen wie ein Grabgeläute: Nur manchmal mag in ihres Unglücks Nacht Ein Strahl des einstigen Kindheitsglückes leuchten, Dann kann, wenn so Erinnerung erwacht. Die Thräne erst das starre Auge feuchten. Ich sprach die Armen theilnahmsherzlich an. Sie aber schienen mich nicht zu verstehen. In ihnen lebt, soscheint's, kein „Wo", kein „Wann". Wie sie so ängstlich scheu zu Boden sehen. Auch hier noch sieht den Feind ihr kranker Sinn, Der anschleicht, um ihr Letztes zu erhaschen. Sie halten, ach! als wär' noch was darin, «sich ängstlich zu die ausgeraubten Taschen. O, geht nur hin und mischt Euch unter sie, Da könnt Ihr Scenen, unvergeßlich, schauen, Bei tiefster Noth, die höchste Apathie, Bald fühlt Ihr brennend Eure Augen thauen. Sind das die Menschen, die aus Mark und Bein Dem „gold'nen" Rußland Kraft und Saft gesogen? Kann ein Geripp wohl ein Schwelger sein? Ist also rasch des „Landes Fett" verflogen? „So viel sind Wuch'rer, so viel Wirthe sind, D'rum hatten wir ein Recht, sie zu berauben." O Diebeslogik! selbst ein blödes Kind Vermag an die Beweiskraft nicht zu glauben, Und wüßten wir's auch von den Armen nicht, Wie ihrer Tausende Gewerbe treiben, Wie sich fast alle nährten schlecht und schlicht. Der Dieb müßt' den Beweis doch schuldig bleiben. Wozu der Worte? laßt die Thaten sprechen. Ich sag' Euch jetzt, was ich geseh'n und weiß. Ich sah, mir wollte schier das Herz zerbrechen, Bei den vertriebnen Juden einen Greis, Umflossen von ehrwürdig weißen Locken Sah er wohl einem Patriarchen gleich. Als ich ihn ansprach, fuhr er auf erschrocken Und wandt mir zu sein Antlitz todesbleich. Er sprach kein Wort und senkte dann die Lieder, Ein Buch der Andacht hielt er in der Hand, Daraus er unablässig, immer wieder, Des Sterbenden Gebet emporgesandt. Und so erzähten mir, die ihn umgaben: „Seitdem zu Haus er Sohn und Enkelkind, Die man erschlug, nach Vorschrift hat begraben. Scheint er für alles Aeußre taub und blind." Und weiter schritt ich, einen Jüngling schauend, Der hielt den Kops gestützt, in seine Hand, Um seine Stirne schlang sich, blutig thauend, Die tiefe Wunde deckend, ein Verband. Nicht wollt ich ihn, den Gramversunk'nen, fragen, Drum fragt' ich Einen, der daneben stand: „Sie haben, Herr, die Eltern ihm erschlagen, Ihn, der sie schützte, schlug dieselbe Hand." Und doch kein Wort des Grimmes und der Rache Und keine That, die seinen Feind verletzt? So arm und hülflos-elend ist der Schwache, Daß er nicht einmal flucht Dem, der ihn hetzt? Nicht einen Fluch für so viel bitt're Thränen? Doch hat auch er im Unglück keinen Fluch, So kommt Eu'r Tag doch einst, ihr Bluthyänen, Denn Eure Thaten steh'n im ew'gen Buch. Und Er, der dieses Buch in Weisheit führet, Der Herr, der waltet über'm Weltgericht, Hat jetzt auch edler Christen Herz gerühret, Äuch sie verlassen diese Juden nicht. Sind jene Christen wohl, die fortgetrieben Die armen Juden, Mann und Weib und Kind? Nein, die sind Christen, die da eingeschrieben Jn's Buch der Hilfe neben Juden sind. D'rum gebt, o gebt, denn Noth und tiefes Elend, Sie klopfen Hilfe heischend an die Thüren, Mög' himmlisch Mitleid Euch, zur That beseelend, Das Herz erschüttern und die Seele rühren. O spendet nur, ob Juden oder Christen, O gebt, da Ihr vom Himmel auch empfangt, Füllt rasch und reich der edlen Gaben Listen, Es ist die Menschheit, die dafür Euch dankt! Arnold Weisse.