Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1882)
- Date
- 1882-06-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447920--18776-2474828- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXIII. Jahrgang. Zweite Beilage)« Ar. 23 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 26. Mai. Eine hohnvolle Ironie der Schicksalsverkettung ist es, wenn täglich, ja stündlich immer neue Schaaren und Trupps russischer Flüchtlinge hier eintreffen, hier, wo Treitschke und Stöcker geeifert und gegeifert haben gegen den vom Osten sich herandrängenden Strom jüdischer Elemente. Doch soll, wie man sich erzählt, bereits verfügt sein, es dürfe keiner der Flüchtigen mehr über die preußische Grenze, der nicht ein direktes Billet bis mindestens Hamburg habe, und die eben nicht so glücklich sind, sie kommen nicht vorwärts, nicht rückwärts, zerquetscht und zermalmt werden sie von der Inhumanität der Menschen. So kommen denn in den letzten Tagen Züge und Extrazüge hier durch (einer mit sechshundert Flüchtlingen), die von Brody ihren traurigen Inhalt geradeaus nach Hamburg liefern. Die so Beförderten sind noch gut d'ran, üe schickt das Central-Comitö direkt nach ihrem Besrimmungsort. Am elendsten erging es bis vor Kurzem den Flüchtlingen, die auf eigene Faust hierherkommen, auf die Unterstützung des Berliner Comitös hoffend. Dieses Berliner Central -ComitL nun meint seine Pflicht erfüllt zu haben, wenn es Gelder sammelt und sie nach Brody schickt, was ja vollständig richtig und löblich ist; die armen Menschen aber, denen es nicht zum Ziele helfen kann, läßt es verkommen und verderben, es ignorirt sie geradezu. So wurden denn diese Leute bei ihrer - Ankunft von gewissen- und herzlosen Logisbesitzern der niedrigsten Sorte gleißnerisch ausgenommen, unrergebracht und um den letzten Nothpfennig gebracht, den sie sich aus dem Ruin gerettet. Nunmehr hat sich vor bald 14 Tagen, um diesem schändlichen Treiben Einhalt zu thun, ein energisches sogenanntes Verpflegungs-Comittz gebildet, unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. .Hildesheimer und noch einiger anderen hervorragender Persönlichkeiten, ferner ans thatkräftigen jungen Leuten bestehend. Das Comitö bezieht die Geldmittel aus einem von ihm gegründeten Frauenverein. Die Vorsitzenden Frauen dieses Vereins sollen nach Stadtvierteln, Bezirken und Straßen eingetheilt, von den jüdischen Hausfrauen Beiträge von mindestens 10 Pfennigen per Woche beschaffen. Die Zeichnungen haben bereits begonnen und werde ich Ihnen nächstens Resultate mittheilen. Zweifelsohne werden sie sehr lucrativ sein, und es wäre ein höchst verdienstvolles Werk edler jüdischer Frauen, an ihren Orten gleicherweise so eine ständige Geldquelle für unsere armen russischen Glaubensbrüder zu eröffnen; die Ausgaben für die einzelne ist eine geringe, die Aermste kann sich daran betbeiligen, der Erfolg ein großartiger. Wenn an den betreffenden Orten selbst das Geld nicht benöthigt wird, so schickt man es dem einen oder andern Berpflegungs-Comit6. Ich habe noch nicht von den Aufgaben gesprochen, das sich letzteres hier gestellt. Das Comittz beherbergt und verpflegt die Russen, die hierher verschlagen werden, so lange, bis, was gewöhnlich in zwei — drei Tagen geschieht, sie, je nachdem sie noch einige Mittel besitzen, oder davon entblößt sind, weiter befördert, oder zurückgeschickt werden. Der Edelmuth eines Herrn Adolph Ehrlich dahier hat umfangreiche Räumlichkeiten zur Unterbringung der Flüchtlinge heut am Bahnhof, wo sie ankamen, unentgeltlich-, gestellt. Da ist ein großer Lchlafsaal für die Männer, ein ebensolcher für die Frauen und Kinder, ein mächtiger Raum zur Abhaltung vou Mahlzeiten und der täglich mit Miujan vollzogenen Gebete und ein Magazin für Kleider, ein Keller für Gepäck, Büreau für das Comitü und endlich eine Küche, wo unter Aufsicht vollständig nnB03 für die Leute gekocht wird, die Morgens Cafö, Mittags Fleisch, Reis und Kartoffeln, dann noch Abeudbrod erhalten. Die Fleischer der Adaß-Jsroel haben schon viele Pfunde Fleisch umsonst geliefert. Dutzende von Handtüchern, viele Stücke Sackleinwand zu Strohsäcken wurden gespendet. Der christliche Besitzer der „Rothen Apotheke" hat bis zu 150 M. Medicamente umsonst zugesagt, was darübergeht, zum Selbstkostenpreis. Der bedeutendste Droguist Berlins (Christ) hat unentgeltlich Desinfectionsmittel zur Verfügung gestellt, ebenso ein Bandagist alles, was man in dieser Branche brauche. Die Verwaltung des „Asyl für Obdachlose" überläßt eine Anzahl Betten, Badeanstalt und Desinfectionseinrichtung. Vier Aerzte haben sich zu abwechselndem Dienste angeboten. Noch von vielen andern Seiten sind derartige thätige Hilfsleistungen vorhanden, die zu viel sind zum Aufzählen. Ueber die mpwn-Tage waren zwischen 150—200 Menschen da untergebracht. Wir haben dem Gottes-