Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1882)
- Date
- 1882-06-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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559 Flüchtlinge, die zumeist aller Mittel entblößt sind, beträgt 375 Erwachsene und 154 Kinder, darunter 58 Säuglinge. Die Erwachsenen sind meist Handwerker, Ackerbauer; unter den Frauen befinden sich Näherinnen, Schneiderinnen, Blumenmacherinnen. Die Flüchtlinge sind aus Odessa, Kiew, Kischenew, Mohilew, Elisabethgrad, Kamieniec-Prodolski, Zytomierz und Libau. Frankfurt a. M. Dem achten Jahresbericht der israelitischen Waisenanstalt entnehmen wir, daß im abgelaufenen Jahre fünf Zöglinge aus der Anstalt entlassen worden sind, um in den bürgerlichen Beruf einzutreten. Dieselben haben durch Verwendung der Verwaltung in hiesigen Waarengeschäften Lehrlingsstellen erhalten, und vier von ihnen sind für die Dauer ihrer Lehrzeit auf den zu solchem Zweck errichteten Moses und Clara Schiff'schen Fond angewiesen, aus dem nunmehr der Unterhalt von sechs der Anstalt entwachsenen Zöglingen zu bestreiten ist. Im Laus des Jahres wurden acht Waisenknaben, im Alter von 7 bis 11 Jahren stehend und theils in Frankfurt, theils in dessen nächster Umgebung heimathberechtigt, in die Anstalt ausgenommen. Dieselbe zählt nunmehr 26 Zöglinge. Die der Anstalt zugekommenen Gaben beliefen sich auf 15,715 Mk., darunter sind 5000 Mk. Legat des sel. Herrn Max Jeidels, je 500 Mk. von den Hinterbliebenen des sel. Herrn M. Löwensteiu, von den Herren Selig Goldschmidt und I. Schwarzschild bei der Heirath ihrer Kinder und von der Freifrau Mathilde von Rothschild, 400 Mk. von Herrn Sigmund Jeidels zum Gedächtniß seines Vaters Max Jeidels. Der Moses- und Clara Schiff'sche Unterstützungsfonds erhielt ca. 1600 Mk. an Geschenken, darunter 1000 Mk. von Herrn Dreyfuß-Jeidels. Die Jahresbeiträge für die Waisen-Anstalt beliefen sich auf 6030 Mk. Für specielle Zöglinge wurden Mk. 2925 gespendet. Außerdem wurde eine Anzahl Kleider und andere Gegenstände geschenkt. Die Ausgaben der Anstalt beliefen auf circa Mk. 20,500, der Moses und Clara Schiff'sche Unterftützungsfonds verausgabte 1110 Mk. Bad Nauheim. Mit dem 1. Juni ac. beginnt die Thätigkeit des Unterstützungs-Vereins für arme jüdische Kurbedürftige, welche in Folge ihrer, religiösen Anschauung keinen Gebrauch von den hiesigen Hospitälern machen können. — Wie in den früheren Jahren, werden auch an diesem die Kranken bei den hiesigen jüd. Familien untergebracht und die Kosten für Kost, Logis, Bäder, Krankenwagen sowie nöthige ärztliche Hilfe von Seiten des Vereins bestritten. — Bis heute ist die Zahl der für diese Saison in Aussicht genommenen armen Kranken noch nicht vollständig und werden Anmeldungen bis zum 15. Juni ac. noch entgegengenommen. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 23. Mai. Heute fand eine Sitzung der Israelitischen Allianz unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn v. Wertheimer statt. Derselbe erstattete zunächst Bericht über eine Audienz, welche er gestern bei dem hier weilenden galizischen Statthalter Grafen Potocki genommen hatte. Herr v. Wertheimer schilderte die kritische Lage der in Brody zusammengeströmten 12,000 jüdischen Flüchtlinge und bat den Statthalter, seinen Einfluß aufzubieten, damit eine regelmäßig fortschreitende Evacuirung der Stadt Brody möglichst gefördert werde. Der Statthalter sicherte seinen tatkräftigsten Schutz zu und fügte bei, daß er Alles, was in der Macht der Behörde liegt, aufbieten lassen werde, um das Loos der Unglücklichen zu mildern und ihre Auswanderung nach Amerika zu erleichtern. Zugleich legte es der Statthalter dem Präsidenten der hiesigen Israelitischen Allianz nahe, daß diese, als die dem Hauptsammelplatz der Exilirten am nächsten stehende Central-Anstalt, auch die Pflicht habe, die Leitung der Auswanderungs-Angelegenheit energisch in die Hand zu nehmen. Die hiesige Israelitische Allianz versprach, das Begehren des Statthalters sofort zu erfüllen, und wird zunächst zwei Delegirte nach Brody entsetzen, welche die mitunter stockende Auswanderung in das richtige Geleise bringen sollen. Allerdings ist dies ohne einträchtiges Zusammengehen mit dem Berliner und Londoner Hilfscomiw nicht möglich, da sich im Besitze dieser Körperschaften, welche Hervorragendes leisten, bedeutende Geldmittel befinden und besonders das Londoner Comitö von entscheidendem Einflüsse auf die Dirigirung der Flüchtigen nach Newyork ist, woselbst die Leute wieder von Zweigcomitös in Empfang genommen werden. Man zweifelt jedoch nicht, das die betreffenden ausländischen Comitös im Interesse der Sache und um eine für alle Theile wünschenswerte Beschleunigung der Auswanderung zu erzielen, die Führung dieser Angelegenheit den Wiener Deligirten willig überlassen und dieselben mit Rath und That dabei unterstützen werden. Die in diese Woche fallenden jüdischen Pfingsttage (24. und 25. Mai) haben eine Unterbrechung der Auswanderung herbeigeführt. Doch wird dieselbe dann in raschester Weise betrieben werden. Leider ist auch früher durch verschiedene Eifersüchteleien einzelner galizischer Comitss das Werk der Auswanderung erschwert worden. Es wäre jedoch im Interesse der Humanität, wie speciell des Landes Galizien lebhaft zu wünschen, daß alle persönlichen Wünsche in den Hintergrund gedrängt und