Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Zodok Opotschna! sagt Eurem Vater, er sei mit diesem Schmucke betrogen worden; — jeder Juwelier, jeder Kenner, der ihn genauer untersucht, wird meinem Ausspruche beipflichten; der Verkäufer muß das Geld zurückerstatten." Alle waren ob dieser sonderbaren Rede höchst erstaunt, Zodok aber gerieth in die höchste Wuth; er glaubte, Munitz wolle ihn als einen Großsprecher, als einen Prahlhans darstellen, vielleicht mehr noch als Betrüger brandmarken; — bei allem dem mußte der in normalem Zustande, kluge besonnene Mensch doch einsehen, daß Munitz' Behauptungen möglicherweise nicht aus der Luft gegriffen seien, auf 'Wahrheit beruhten. Zodok war gerade kein Geizhals, aber daß das erste Geschäft, das für ihn gemacht wurde, ein so unglückliches sein sollte, war ihm im höchsten Grade unangenehm; endlich durchzuckte noch ein peinigender Gedanke sein Gehirn; sollte sein Vater nicht ein Betrogener, sollte er selbst ein Betrüger sein? Sollte er gegen den Sohn erster Ehe so wenig Vaterliebe empfinden, daß er ihn etwa zu Gunsten der andern weniger gut situirten Kinder in schmählicher Weise betrügen wollte, das wäre ihm, seinem Vater nämlich — leicht ausführbar gewesen; wenn Zodok Opotschna einen für seine zukünftige Braut gekauften Schmuck als einen sehr kostbaren bezeichnete, wer würde daran zweifeln? und Munitz hatte es ja gesagt, es gäbe kaum einen Kenner, der bei dem bloßen Anblicke eine solche Fälschung vermuthen würde. In Momenten großer Aufregung denkt und folgert der Mensch mit einer Raschheit, die ihn bei ruhigem Bedenken selbst in Erstaunen setzt. In Zodoks Seele war seit seiner letzten Unterredung mit seinem Vater ein eigentümliches Mißtrauen gekeimt; — Mißtrauen in dessen angeblichen Reichthum! — Wenn sein Vater — es hatte ja zu allen Zeiten solche Beispiele gegeben, und erhalte sich ja nie um dessen Geschäfte gekümmert — an mißlungenen Spekulationen zu Grunde gegangen, so viel verloren, daß er das Vermögen seines Sohnes erster Ehe hatte angreifen müssen, wenn er — Zodok selbst nämlich — nicht so reich war, als er erwartete oder noch mehr, wenn er gar nicht reich war — was wäre er dann? nichts — viel weniger als nichts, — ein lächerlicher, unnützer Mensch! Diese Gedanken — welche ein Menschengemüth schon verdüstern können, stürmten in Zodoks fieberndem Hirne und er schrie: „Du nichtswürdiger Schäkerer'), Du elender Kelew"), der Du bist! . . . Einen Augenblick färbte sich Munitz Gesicht purpurn, die Zornesader an seiner Stirn schwoll an,! er streckte beide Arme aus, als wolle er Zodok zu! Boden schleudern; — aber plötzlich schüttelte er sich, als wolle er einen Gedanken abwerfen und mit einem eigenthümlichen, unerklärlichen Lächeln sprach er ruhig, fast apathisch: „Ich will nicht mit Euch zanken, aber das könnt Ihr mir glauben — der schöne, scheinbar kostbare Schmuck ist falsch!" Munitz' Ruhe, die Zodok als höchste Frechheit erschien, erhöhte seine Wuth, wie eine wilde Tigerkatze stürzte er auf den alten Mann zu und stieß ihn heftig in die Brust, Munitz auf diesen Angriff unvorbereitet, fiel um und schlug beim Sturze mit voller Wucht an die Tischkante. Ein starker Blutstrom entquoll der breiten klaffenden Wunde .... leichenblaß lag Munitz da! Ein entsetzlicher Schrecken ergriff alle Anwesenden, einen Augenblick waren alle rath- und thatlos, nur Ester hatte sich rasch zu dem Leblosen niedergekauert. „Lebt Er?" frug Zodok endlich, und vor Schrecken klebte ihm die Zunge an dem Gaumen. — Ester wußte diese Frage nicht zu beantworten — „Ich .... ich bin ja ganz unschuldig," jammerte Zodok händeringend, „er ist nur unglücklich gefallen!" Reb Mendel Landshut fand zuerst Fassung und Besonnenheit, er eilte auf die Straße, sandte in das nahegelegene Hospital um einen Wärter, zwei Träger mit einer Sänfte zu holen; — als diese eintrafen, berichtete er ihnen, Munitz wäre zu ihrer Aller Ueberraschung unerwartet bei seinem Schwiegersöhne eingetreten, wahrscheinlich müsse der, sonst die Gesellschaft seiner Glaubensgenossen meidende Mann, plötzlich von einem Unwohlsein ergriffen worden sein, und auf seinem Wege, in der nächsten ebenerdigen Wohnung für einen Moment Unterkunft gesucht haben; hier sei er, bevor er noch zu Wort gekommen, offenbar von Schwindel erfaßt worden, und sei dabei so ungliicklich gefallen, daß er sich an der Stirne verletzt und bewußtlos liegen geblieben. „Reb Karpel, Ihr seid dach ein Mumche^) — die Maiße wird doch nix zu bedeuten haben?" frug Landshut weiter, mit dem Bestreben seiner Stimme Festigkeit zu verleihen. „Ah! .... Löb Hund!" meinte der Krankenwärter, ein im Spitaldienste ergrauter Mann, sich zu diesem niederbeugend. „Das ist eine sehr schwere und gefährliche Wunde .... der CholeZ athmet sehr leise, das ist, wie die Rofim5) zu sagen pflegen, ein schwerer Fall! ..... Wenn es schlecht geht, is er in einer Stunde todt. Ich werde ihn in seine Diro^) tragen und den Rofe holen lassen!" 3) sachverständiger. 4) der Kranke, st« Aerzte. v) Wohnung. I) rügner. 2) Hund.