Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1882)
- Date
- 1882-04-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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385 häuften sie täglich mit Vorwürfen, die sich fast zu Mißhandlungen steigerten, und Elke, das schlaue alle Hebel in Bewegung setzende Weib hatte auch den kl.'inen kränklichen Mosche, an dem Ester mit fast thörichter Liebe hing, veranlaßt, sie mit Bitten zu bestürmen, Zodok Opotschna's Frau zu werden; — und als sie selbstredend dem albernen Wunsche des unselbstständigen, kindischen Knaben nicht nachkam, sch.llt er sie, wollte weder Speist und Trank noch Arznei aus ihren Händen nehmen, und verkümmerte ihr dadurch noch die letzte Lebensfreude, die ihr geblieben; die Gntthaten, die sie mit endloser Milde und unermüdlichem Eifer an ihm verübte durch Dankbarkeit und Freundlichkeit belohnt zu sehen.Es war eine eben so begreifliche als entsetzliche Lebensmüdigkeit über sie gekommen, es schien ihr als sei sie hier auf Erden nur für Leid und Qual bestimmt, und dem vereinsamten, verlassenen Mädchen schien es, als gäb' es kein Wiederfinden ihres verlorenen Lebensglückes! Sie wollte jede Begegnung mit Benjamin vermeiden; trotzdem sie jeden Moment wachend, schlafendträumend an ihn dachte, schien es ihr doch als wenn sein Anblick ihr Weh noch verstärken müßte, — es erschien ihr nicht minder schwer, schweigend, wortlos, grußlos an dem Manne, an dem ihr armes Herz mit tausend unlösbaren Banden hing, vorüberzugehen, als Worte mit ihm zu wechseln; was sollte sie ihm, was hätte er ihr noch sagen können? — Ester vermied es, so weit sie es vermochte, auf die Straßen des Ghetto zu kommen, und das arme Mädchen mit dem zerquälten Herzen hatte es fast als Glück betrachtet, daß sie ihm seit ihrem letzten Zusammentreffen nicht begegnet war, und nun nahte er ihr plötzlich, unerwartet .... sie wußte nicht, was sie beginnen sollte, sie schwankte einen Augenblick, ob sie nachträglich der Einladung des Portiers folgen, in dessen Wohnung treten oder ob sie dem Sturm Trotz bieten und weiter gehen sollte; aber bevor sie noch einen Entschluß zu fassen vermochte, hatte auch Benjamin sie erkannt und war raschen Schrittes an sie herangetrcten. Er sah bleich und leidend aus, aber bei ihrem Anblicke überfluthete Helle Purpurröthe sein Antlitz. „Ester!" rief er und streckte ihr beide Hände entgegen, „wie überglücklich bin ich, Dich wieder einmal zu scben, — ich habe mich nach Dir gesehnt, ich kann Dir's nicht schildern, wie!" Ester hatte schüchtern den vergeblichen Versuch gemacht, das Gesicht abzuwenden; aber die Macht der Gefühle war stärker als ihr Wille, sie ergriff hastig Benjamins beide Hände und sprach im Tone tiefster Wehmuth: „Ich hatte gehofft, Du würdest zu mir zurückkehren, würdest mein billiges Begehren erfüllen! Wenn Du mich wahrhaft liebtest, so wie ich Dich, hättest Du nicht einen Moment schwanken können. Ich hatte gehofft, Du würdest bei reiferem Bedenken meine Bitte erfüllen, von jenem finstern, unheimlichen Manne, den jeder verachtet und haßt, lassen, mich nicht ihm, mich, unsere Liebe nicht einer tollen Laune, einem trotzigen Eigensinn opfern — und daß Du's nicht gethan, thut mir weh, unsagbar weh!. Du kannst es gar nicht fühlen, wie unglücklich ich bin, — ich bin ja noch jnng und schon so einsam und verlassen; Großvater und Ohm haben sich von mir gewendet, weil ich nicht von dem Mann lassen kann, dem ich das Leben danke," — ein bitteres Lächeln umzuckte ihre schöne Lippen, der Gedanke, der ihr in's Bewußtsein trat, war leicht zu errathen, sie hatte wohl keinen Grund ihrem Vater dafür dankbar zu sein — „mein Vater würde mich gewiß lieben, ich erkenne das, wenn zuweilen sein guter Kern zum Vorschein kommt; aber meine Stiefmutter hält ihn fest in ihren Banden, sie lenkt sein Herz von mir ab und ich bin eine Fremde in meines Vaters Hause; — und selbst meinen kleinen Bruder Mosche" — Ester preßte im Seelenschmerze ihre Lippen fest aneinander — „hat die böse Frau mir entfremdet.Ich hatte nur Dich, den Gespielen meiner Jugend, an dem ich mit Liebe hing, so lange ich Dich kenne, so lange mein Erinnern zurückreicht, — und nun hast auch Du mich verlassen; und ich stehe ganz allein, ungeliebt und umgeben von Menschen, die mich zu etwas drängen wollen, was meine Seele verabscheut!" Ester schauerte leicht zusammen. Jedes Wort, welches das Mädchen sprach, fraß wie ätzend Gift an Benjamins Hetzen, er hätte sie schon früher gerne unterbrochen, allein er iand kein richtig Wort, um ihren Redestrom zu hemmen; allein jetzt erschrak er von Neuem und rief: „Zu was will man Dich drängen, Ester?" Das Mädchen mußte sich erröthend abwenden. „Zodok Opotschna hat durch Reb Gerschom Wilmarschitz bei meinem Vater um mich geworben, ich habe nein gesagt, und werde nie sein Weib werden; — zuerst hat mein Vater eingesehen, daß meine Weigerung berechtigt ist; aber der reiche Mann hat meinem Vater ein großes Kapital zugesagt, und meine habsüchtige Stiefmutter hat ihren Sinn gegen mich gewendet, Tag und Nacht quälen sie mich, ich mög' mein Jawort geben." „Nein! nein!" schrie Benjamin in Heller Verzweiflung auf, „das darfst Du nicht thun, Dein Vater hat nicht das Recht, Dich zu zwingen, einem verhaßten Manne die Hand zu reichen! .... Und sag' nicht, daß ich Dich verlassen, das Wort zerpreßt mir die Seele, — ich, ich will Dich schützen — werde mein Weib, Ester!"