Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1882)
- Date
- 1882-04-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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374 Diese Bewegung hat G. f. D bei uns keine größere Ausdehnung gewonnen, weil die unteren Schichten, der Arbeiter- und Handwerkerstand, unter der jüdischen Concurrenz nicht zu leiden hat, es gibt im Verhältnisse wenige jüdische Arbeiter und Handwerker. Bürde jedoch eine solche Concurrenz durch einwandernde russische Flüchtlinge hervorgerufen, so würde sich der entstehende Haß nicht allein gegen diese, sondern gegen alle Juden wenden. Der fremde Arbeiter wird' ohnedies mit scheelen Augen angesehen, wir erinnern nur an die italienischen Arbeiter, die schon so häufig die Ursache zu blutigen Conflicten gegeben haben, selbst in dem freien Frankreich, das noch dazu so innig mit Italien liirt ist; wie würden erst russische Arbeiter als freche Eindringlinge betrachtet und allerorts angefeindet werden. Wir sind es der deutschen Judenheit schuldig keine Veranlassung zu Streit und Hader zu geben, wir dürfen die Gefahr nicht Hervorrufen mit den russischen Flüchtlingen auch die russischen Verfolgungen ihren Einzug in Deutschland halten zu sehen. Unsere Befürchtungen werden vielleicht als übertrieben betrachtet; allein kann deren Ungrund bewiesen, kann eine Garantie dafür beigebracht werden, daß solche sich nicht verwirklichen? Sicherlich ist Niemand hierzu im Stande, es darf daher auch Niemand die Gefahr heraufbeschwören, es wäre das mit dem Feuer gespielt. Man wird zwar einwenden, daß eine geringe Zahl nichts ausmache, man vergißt aber, daß dann auch damit den Russen nicht geholfen wird, daß sich auch ohnedies genügende, außerdeutsche, jüdische Elemente in Deutschland befinden, daß solche auch ohne unser Zuthun,' ja gegen unseren Willen sich vermehren werden und daß uns gerade diese Elemente zum Vorwurf gemacht werden. Wollen wir nicht uns selbst gefährden, so kann von einer Ansiedlung der Vertriebenen in Deutschland keine Rede sein. Wohin denn? Es ist in diesen Blättern der Vorschlag zu einer Eolonisation in Palästina und den angrenzenden Ländern gemacht und die Ausführbarkeit mit vielem Scharfsinn dargelegt worden. Thatsache ist, daß bis jetzt noch keine Ackerbaucolonie in diesen Gegenden reüssirte mit Ausnahme einer einzigen der Württemberger Templer; aber auch diese hat große Opfer an Menschenleben gekostet, obgleich die Württemberger Bauern wetterharte, an die Arbeit gewöhnte Männer waren. Selbst wenn wir die Möglichkeit der Prosperität für solche Colonien zugeben, so müßte der Versuch nicht mit auswärtigen , des Clima's ungewohnten Einwanderern, sondern mit acclamatifirten Inländern gemacht werden. In Jerusalem ist eine große Menge arbeitsfähiger und arbeitswilliger, jüdischer Männer vorhanden, die im wahren Sinne des Wortes brotlos sind, die von Europa aus ernährt werden müssen,^ für diese wären Ackerbauansiedlungen ein wahres Glück; es sind Versuche von Franzosen, Engländern, Amerikanern und von Russen gemacht worden, jedoch immer ohne Erfolg. Zwar ist jedesmal eine besondere Ursache des Mißerfolges angegeben worden, möglich, ja wahrscheinlich, daß, nur einzelne ungünstige Umstände den Mißerfolg veranlaßt haben, wir haben jedoch die Ursachen nicht zu untersuchen; wir fragen nur und können nur nach dem Erfolge fragen, und dieser hat stets gefehlt. Sollen weitere Versuche gemacht werden, so möge man solche mir Eingeborenen machen, nicht aber Einwanderer auf das Ungewisse in Länder schicken, die selbst der Hilfe bedürfen und daher ihren einwandernden Brüdern keine Hilfe zu gewähren im Stande sind; wir kommen hiermit auf den Kernpunkt der L-ache. Es ist unumgänglich nöthig, daß der Einwanderer bei seinem Eintreffen eine helfende Hand findet und zwar eine solche, die genügende Kraft und praktische Tüchtigkeit besitzt, um seine Schritte zu leiten, um ihn einzuführen in seinen neuen Wirkungskreis und ihn mit Rath und That zu unterstützen. In Palästina haben unsere dortigen Brüder wohl den besten Willen, aber weder die Kraft noch die Befähigung und Tüchtigkeit, wirksamen Beistand zu leisten, wir selbst können nicht dorthin reisen, um für die Einwanderer Land anzukaufen und sie zu installiren und selbst wenn wir wollten und könnten, würden wir nicht im Stande sein, wirksame Hilfe zu leisten, da Land und Leute, Beruf und Lebensweise uns fremd sind. Wir können Niemanden ansiedeln, wir können nur die Vermittler machen, wenn an der Endstation Männer vorhanden sind, welche die Ansiedlung ins Werk setzen und leiten und diese fehlen eben im Orient, und darum kann von einer Auswanderung dahin keine Rede sein. Ebensowenig kann eine Einwanderung in ein Land, wo die Juden nicht festen Fuß gefaßt und den Willen haben, die Ankömmlinge aufzunehmeu und zu versorgen, geplant werden. Wir würden dem großen Elende gegenüber rathlos dastehen, wir würden nicht wissen was beginnen, wenn nicht die Amerikaner gezeigt hätten, daß sie noch warm für ihre Brüder fühlen, wenn sie sich nicht zur Aufnahme der Vertriebenen bereit erklärt hätten. Das ist der Lichtstrahl, der das Dunkel erhellt, das ist das einzige Mögliche, alles Andere ist Theorie, ist unausführbar und nur geeignet, Verwirrung anzustiften und das Nebel zu vergrößern. Amerika also will helfen; dort ist noch jungfräulicher Boden vorhanden, der die Mühe des Landmanns lohnt; Amerika kann auch helfen, aber cs stellt seine Bedingungen. Amerika dankt dafür, von