Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1882)
- Date
- 1882-03-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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V 322 träger todesmuthig den Gothen entgegenwarfen; sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr retten. Belisar, der nur betäubt war, erholte sich schnell und sprang wieder auf sein Roß; aber umsonst schwang er den Feldherrnstab, ließ er den Feldherrnruf ertönen. Seine Schaaren hörten nicht mehr auf ihn; er selbst wurde mitfortgerissen von den Wogen der Flüchtigen. „Die Ehre ist hin," sagte er unwillig, „laßt uns das Leben wahren. Salomo, Du bist der schnellste Reiter in meinem Heere; nimm hundert Reiter aus meiner Leibgarde und jage eiligst nach dem Engpässe. Uebereitet alle Flüchtigen. Ihr müßt ihn vor den Gothen erreichen, er ist unsre letzte Rettung." Salomo sprengte an der Spitze der hundert Reiter blitzschnell davon. * Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte, und zog langsam dem Engpässe zu. Da sprengte Salomo zurück. „Herr," rief er, „Alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpaß, er ist schon besetzt von den Gothen." Belisar zuckte zusammen. „„Wenn der Engpaß verloren ist,"" sagte er, „„so entkommt kein Mann von dem Heere des Kaisers. Fahret hin Ruhm und Leben. Komm Salomo, ziehe Dein Schwert, und laß mich nicht lebend fallen in die Hand der Barbaren. Ich will vom Pferde steigen und sterben."" Schon hob er den rechten Fuß aus dem Steigbügel, da sprengte ein Reiter heran und rief: „Der Engpaß ist unser! Römer sind es, die ihn besetzt halten!" „„Ha,"" rief Belisar, „„LuciusLicinius, ich habe Dich verhöhnt, und Du rettest nun mich und mein Heer!"" Eine Schaar gothischer Reiter, von König Wittigis gesendet, war den Reitern Belisars zuvorgekommen und hatte vor ihnen den Engpaß erreicht. Da brach Lucius Licinius an der Spitze seiner Römer aus dem Verstecke hervor und warf die überraschten Gothen nach kurzem Gefecht in die Flucht. Nun konnte Belisar ungehindert mit dem Ueberreste seines Heeres Rom erreichen. Durch das Pincianische Thor zog er ein; man nannte es seitdem Porta Belisaria. Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer ZKaeruna begann. Während dieser Vorgänge hatte Joseph kerne Gefahr gescheut und war nach Benevent gewandert, um Miriam zu befreien, oder doch wenigstens zu sehen oder zu sprechen; allein alle seine Bemühungen waren vergebens. Bolivius bewachte das ihm anvertraute Mädchen mit der größten Sorgfalt. Miriam fehlte es an nichts; Bolivius ließ sie ganz ungestört; nur das Schloß durfte sie nicht verlassen. Es war nicht des Bolivius Schuld, daß Miriam von den kostbaren Speisen und edlen Weinen, die er ihr vorsetzen ließ, nichts genießen wollte und sich nur von Brod, Milch und Eiern nährte. ' Joseph versuchte unter allerlei Verkleidungen in das Schloß cinzutreten; allein Bolivius hatte befohlen, keinen Fremden einzulassen, und sein Befehl wurde aus das Pünktlichste befolgt. Da kam eines Tages ein Grieche an die Pforten des Schlosses und verlangte Einlaß; er bringe, sagte er, Briefe dem Bolivius von seinem Herrn. Er sei im Aufträge Belisars in Neapel gewesen und habe es zugleich übernommen, die Briefe für Lucius Licinius abzugeben. Bolivius empfing den Fremden, der ihm eine wohlverschnürte und versiegelte Wachstafel überreichte. Der Inhalt derselben lautete: „Freundlichen Gruß meinem treuen Diener Bolivius! „Der Ueberbringer dieses Schreibens heißt Achilleus und ist ein Diener des Belisar. Uebergib ihm die Deiner Obhut anvertraute Jungfrau Parthenope, daß er sie zu mir nach Rom geleite. — Dein wohlgesinnter Herr Lucius Licinius." „Wie lange ist es;" fragte Bolivius, „daß Du Rom verlassen hast?" „„Es sind heute gerade drei Wochen,"" antwortete der Fremde. „So weißt Du noch nicht", sagte Bolivius, „daß Belisar sich vor den Gothen hat zurückziehen müssen und in Rom belagert wird. Mein Herr ist bei ihm in der eingeschlossenen Stadt. Unter diesen Umständen halte ich es nicht für angemessen, Dir die mir anvertraute Jungfrau zu übergeben. Du kannst sie ja doch meinem Herrn nicht zuführen." „„Mag dem sein, wie ihm wolle,"" sagte der Fremde, „„Du mußt dem Befehle Deines Herrn Folge leisten."" „Umstände verändern die Sache," entgegnete Bolivius. „Als mein Herr diesen Brief schrieb, dachte er nicht daran, daß der Siegeslauf des großen Feldherrn Belisar aufgehalten werden könne und daß er selbst bald von aller Welt abgeschlossen sein würde." Vergebens bot der Fremde alle seine Ueber- . redungskunft auf. Bolivius blieb bei seinem Worte. Er gestattete nicht einmal, daß der Fremde im Schlosse übernachte, sich auf die strikten Befehle seines Herrn beziehend. Unverrichteter Sache mußte der Fremde das