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Der Israelit · 1882-03-15 · Heft 11 (15.3.1882) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 11 (15.3.1882)
Date
1882-03-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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258 er Getränke befassen.*) Es ist bekannt, daß alle Wirthsäuser und Schänken von Juden gehalten werden. Die Wahl dieses Berufes ist den Juden durch die Verhältnisse aufgedrängt worden. Bekanntlich gab es in Rußland und Polen früher fast nur Edelleute und Leibeigene. Der Bürgerstand fehlte fast gänzlich. Die Edelleute hielten sich natürlich für zu gut, um Schankwirthschaft zu betreiben; die Leibeigenen durften es nicht. So kam es, daß überall in den genannten Ländern die Juden Gasthäuser hielten und Schankwirthschaft betrieben. Diese Million Menschen will man mit einem Schlage brodlos machen. Die Wirthe, Schankwirthe, ihre Diener und Dienerinnen sind fast ausnahmslos arme Leute, die sich kümmerlich ernähren; sie alle sollen zu Bettleru gemacht werden, gezwungen sein, ihr Brod an den Thüren zu suchen! Welches Elend der zweite Punkt über die Unglücklichen bringen würde, ist gar nicht zu beschreiben. Es gibt eine Menge kleiner Städte und Dörfer, in denen die Bevölkerung meistentheils aus Juden besteht. Aus diesen sollen Tausende von Familien vertrieben werden! Ihre Häuser, ihre Felder, ihr schwertransportabelcs Mobiliar würde werthlos werden. Man bedenke doch nur, wenn in einem Städtchen, in welchem 1000 Familien wohnen, plötzlich 600 Häuser und eine entsprechende Anzahl Aecker verkauft werden müßten; woher sollten Käufer dafür kommen? Und die Synagogen, die Lehrhäuser, die Gemeindebäder - das Herz blutet — wenn man das Alles bedenkt. Der dritte Punkt raubt den Juden jede Aussicht, sich vom Ertrage des Bodens zu ernähren und in dem Lande heimisch zu werden oder zu bleiben, in welchem der Grundbesitz ihnen nicht gestattet ist. Der vierte Punkt macht die Juden rechtlos und drückt sie zu Parias nieder. Sie dürfen nicht mitwählen, wenn ihre Mitbürger durch eigene Wahl ihre Häupter ernennen; sie' werden machtlos und wehrlos ihren etwaigen Feinden in die Hände geliefert. Der fünfte Punkt, welcher den Anschein hat, wie wenn er den Juden eine Wohlthat erweisen wollte, enthält in der That nichts als Hohn; denn wie könnten in Rußland ohne Beihilfe der Negierung sich die Juden in einem fernen Landestheile ansiedeln! Man kann sich leicht vorstellen, wie tief niedergedrückt der Muth unsrer Brüder in Rußland ist. Sie erwarten wenig Gutes; aber beim Bekanntwerden dieser entsetzlichen Vorschläge w rden ihre schlimmsten Befürchtungen weit überschritten sein. * » Wir folgen hier unsrer Quelle; halten jedoch diese Angabe für sehr übertrieben. Red. Noch wissen die Unglücklichen nichts von dem, was sie bedroht. Welcher Jammer wird sich erheben, wenn all dies Schreckliche zu ihren Ohren dringt! - In England, Frankreich, Deutschland und Amerika ist man gegenwärtig bemüht, für die jüdischen Auswanderer aus Rußland Sorge zu tragen. Sollten aber, was der allgütige Gott gnädig verhüten wolle, jene fünf Punkte die Bestätigung des Kaisers erlangen, so müßten vielleicht zwei Millionen Menschen auswandern, für die L>orge zu tragen alle menschliche Kräfte übersteigen würde. Es muß daher Alles aufgeboten werden, um die Genehmigung und Ausführung jener entsetzlichen Vorschläge hintenanzuhalten. Wenden wir uns zuerst an unfern Vater im Himmel Mögen doch alle unsere Brüder und Schwestern all allen Orten, wohin unser Wort gelangt, einen allgemeinen Fast- und Bettag einsetzen. Wir schlagen vor, den Rüsttag des Neumondes Nisan, Montag, den 20. März, hierfür zu bestimmen. Wir bitten ferner alle unsere einflußreichen Glaubensgenossen auf Mittel imd Wege zu denken, wie es möglich feilt möchte, das grenzenlose Elend, welches die russischen Juden bedroht, zu Gehör Sr. Majestät des Kaisers von Rußland su bringen und Allerhöchstdenselben flehentlichst zu bitten, zu verhüten, daß Millionen unschuldiger Menschen vernichtet werden, vorzustellen, daß es dein ganzenReiche nur zum Unsegen gereichen muß, wenn Millionen fleißiger und intelligenter Bewohner desselben unglücklich gemacht werden. Deputationen müßten aus Paris, aus London, aus Berlin, aus Wien, aus Frankfurt am Main, aus Copcnhagen 2c. nach Petersburg entsendet werden; die Vermittelung allerhöchster Persönlichkeiten, welche dem russischen Kaiserhofe verwandt und befreundet sind, müßte angerufen werden. Welcher Jude wollte, wenn ein solches Unglück droht, zurückstehen, wer wäre nicht bereit, Vermögen und Leben einzusetzen, um das drohende Verderben abzuwenden! Unser Ruf wird nicht vergeblich verhallen, unsre Gebete werden Erhörung finden: Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels! Literarischer Wericht. Palästina, heransgegeben von Ebers und Guthe. Deutsche Verlagsanstalt vorckals Eduard Hallberger. Leipzig und Stuttgart. Von diesen Prachtausgaben, welche wir schon mehrfach unfern geehrten Lesern vorgeführt haben, sind wiederum sechs Lieferungen erschienen, die sich ebenso wie ihre Vorgängerinnen durch vorzügliche

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