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Der Israelit · 1882-03-08 · Heft 10 (8.3.1882) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 10 (8.3.1882)
Date
1882-03-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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233 In mehreren dieser Städte wurde das Eigenthum der Juden geplündert und wurden die Juden selbst vertrieben; aber Mr. Wooidridge glaubt nicht, daß. Menschenleben zu beklagen seien. Die von den Behörden getroffenen Repressiv-Maßregeln seien sehr strenge gewesen. Die Aufstände tn Odessa und Kiew bilden den Gegenstand eines Memorandums des Vizekonsuls Law am 14. Juni von Petersburg aus erstattet, nachdem er die Districte, in welchen die Unruhen stattgehabt hatten, besucht hatte. In Odessa währten die Unruhen fast eine Woche und viele Läden, welche Juden gehörten, wurden geplündert. Von persönlichen Vergewaltigungen der Juden hatte er indeß nichts gehört. Der direkte Schaden, welchen die jüdische Bevölkerung erlitten hat, wurde auf 10,000 Pfund Sterling berechnet. In Kiew begannen die Unruhen am Sonntag den 1. Mai und dauerten ungestört bis Montag Nachmittag. Da erst schritt der General Drentelen ein und ließ auf die Plünderer feuern. Die Geschäfts¬ und Privathäuser der Juden wurden nach jeder Richtung hin geplündert; aber die Juden wurden im Allgemeinen nicht mißhandelt. In der Umgegend der Stadt sollen 20 Juden getödtet worden sein. Der Generalkonsul Stanley, der über die Unruhen in Borispol und Nischni berichtet, theilt einen Bericht des Vizekonsuls Wagstaff mit, welcher sich über die Ursachen der Excesse gegen die Juden in Südrußland ausläßt. Wagstäff führt ans, daß den Juden in Rußland außer dem ärztlichen Berufe nur der Handel erlaubt sei, dem sich alle Inden widmen, was zu großen Unzuträglichkeiten für sie selbst und für die übrigen Bewohner führe. Im vorigen Jahre war nun die Lage des Landes und die Stimmung im Volke eine durchaus abnorme. Mehrere auf einauderfolgende schlechte Ernten hatten in einzelnen Distrikten eine wahre Hungersnoth hervorgerufen, die Ermordung des Kaisers hatte eine große Aufregung verursacht. Es bedurfte nur eines geringen Anlasses, um die Bevölkernng gegen die Juden aufzureizen, deren größte Wohlhabenheit den Neid derselben schon lange erregt hatte. Der englische Vicekonsul sieht die Heilung dieser Zustände in einer vollständigen Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung, um dadurch die unzweifelhafte Intelligenz dieser Klasse der Bevölkerung, welche in Folge des Druckes, welcher auf ihr lastet, oft auf Umwege gelenkt wird, dem Staate dienstbar zu machen. Die erste Maßregel in dieser Beziehung müßte sein: einen Theil der Juden aus den westlichen und südlichen Theilen Rußlands, in welchen sie zusammengedrängt wohnen, in die anderen Gegenden des großen Reiches zu verpflanzen. Am 5. October theilt Mr. Wyndham an den Lord Granville ein Circular des Grafen Jgnatiew vom 6. September mit, in welchem es heißt: Die russische Regierung habe schon seit langer Zeit die Beziehungen zwischen der zahlreichen jüdischen und der übrigen Bevölkerung in's Auge gefaßt. Die Regierung habe, um die Unzuträglichkeiten, welche aus der ökonomischen Thätigkeit der jüdischen Bevölkerung, aus ihrer Jsolirung hervorgingen, zu heben, seit 20 Jahren denselben mehr Rechte gewährt, wodurch sie eine Fusion der Juden mit der übrigen Bevölkerung herbeizuführen suchte. Die jüngst ausgebrochenen Unruhen hätten aber gezeigt, daß die Beziehungen der Juden zu der übrigen Bevölkerung nicht bessere geworden seien. Nachdem die Unruhen niedergeschlagen seien, müsse man den Ursachen derselben nachforschen. Es werden nun eine Reihe von Fragen vorgelegt, welche sich auf die Beschäftigungen der Juden, ihr Zahlenverhältniß zu der christlichen Bevölkerung, auf ihre Antheilnahme am Landsitz 2c. beziehen. Einer der letzten Berichte des Generalkonsuls Stanley in Odeffa beschäftigt sich mit der bekannten Darstellung der Judenverfolgungen in der „Times" und nennt diese in Bezug auf die Vorgänge in Odessa inkorrekt und übertrieben. Von Vergewaltigungen von Jüdinnen, noch von Tödtungen von Juden habe er hier gehört. Die Unruhen in Warschau bilden den Gegenstand von Berichten des Colonel Maude und des Mr. Law. Colonel Maude gibt den Schaden, den die Juden erlitten, und zwar vorzugsweise diejenigen der ärmsten Klassen auf 100,000 Pfd. Sterling an Ungefähr 100 Juden seien mißhandelt worden, von denen 10—12 gestorben seien. Die Zahl der in Warschau ruinirten jüdischen Familien habe die „Nowoje Wremja" auf über 6000, der „Golos" auf 2000 angegeben. Von der Haltung der respectablen Bürger gegenüber dem Aufstande berichtend, ist Mr. Law betrübt, konstatiren zu müssen, „daß ein Geist religiösen Fanatismus die große Mehrzahl derselben blind gemacht habe, gegen die Verbrechen, welche unter ihrem Auge mit ihrer zweifellosen Billigung begangen worden seien." Ich hatte heute mit dem Grafen Jgnatiew eine Unterredung über die Judenfrage; — telegraphirt der St. Petersburger Korrespondent der „Daily News" unterm 21. v. Mts. — Der erste Punkt, der berührt wurde, betraf die Mangelhaftigkeit der in dem „Regierungsboten" veröffentlichten Mittheilung, welche nnr zwei Seiten der Frage hervorhob — den Protest gegen auswärtige Interventionen, und die Beweise, daß die Negierung energisch gegen die Aufrührer gebandelt, resp. handle, — dagegen über den Punkt der Beseitigung der Ursachen der Ruhestörungen mit Stillschweigen hinwegging. Der Graf erwiederte, daß die Frage bezüglich aus-

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