Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-03-01 · Heft 9 (1.3.1882) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 9 (1.3.1882)
Date
1882-03-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447907--18532-2474578
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXIH. Jahrgang. Dritte Anlage;u Ur. S -es Zsraelit. Aus den Verhandlungen des preuß. Abgeordneten-Kaufes vom 25. Iebruar. Die Berathrmg des Etats des Ministeriums des Innern (Polizeipräsidium in Berlin) wird fortgesetzt. Abg. Stöcker: Ich habe es vor wenigen Tagen versucht, die Hand zum Frieden zu bieten; man hat mir den Fehdehandschith wieder hingeworfen und ich nehme ihn aus. Herr Richter hat daraus hingewiesen, daß man in Berlin der sozialdemokratischen Bewegung im Gegensatz zu anderen, d. h. der christlichsozialen und antijüdischen, sehr scharf entgegen getreten sei. Nun, der Theil der Bewegung, dem ich Vorstand, hat sicherlich der Regierung keinen Grund zum Einschreiten gegeben. jSie mußte sich vielmehr über eine Bewegung freuen, die die Sozialdemokratie von innen heraus zu überwinden trachtete. Wie kann Herr Richter irgend einem Menschen den Vorwurf machen, daß er hetze, er, der mit Ausnahme der Juden so ziemlich Alles hetzt, was zu den Fundamenten unseres deutsch - christlichen Volkslebens gehört. (Sehr richtig! rechts.) Allein Herr Richter hat uns diesen Kamps ausgezwungen; Tendenzen in unserem Berliner öffentlichen Leben nöthigen uns dazu. Ein Artikel des „Berliner Tagblattes" aus dem Jahre 1877 sprach bezüglich der damals tagenden Kreissynode von „Raubgesindel", „Gewürm", „Ecrasez Tinfame“. Ich fordere Herrn Richter auf, mir aus der ganzen antijüdischen Bewegung irgend ein Wort ju nennen, das an Gehässigkeit und Aufforderung zur Gewaltthat jenem Artikel einigermaßen an die Seite zu setzen wäre. Ich will aus den verhängnißvollen Ausspruch des Herrn Straßmann hier nicht noch einmal zurückkommen, sondern nur konstatiren, daß meines Wissens kein Israelit denselben vertheidigt hat. Nur Herr Richter hat den Muth gehabt, ihn nicht nur zu vertheidigen, sondern sogar noch zu übertrumpfen. Der Ausspruch, es möge jeder nach seiner Fayon selig werden, wird von Ihnen drüben stets falsch citirt. Gerichtet war er gegen die Sinrultanschulen; in Ihrem Munde wird er beständig zum Ausdruck einer völlig sinnlosen Toleranz. Erst in den letzten Tagen ist es Herrn Richter wieder passirt, daß er im Interesse der Vertheidigung eines Juden, jede Rücksicht, die er den Thatsachen und Personen schuldig ist, versäumt hat. (Hört! rechts.) Er behauptete, in den Gründen eines gerichtlichen Urtheils sei die Handlungsweise meines Freundes Dietze als eine unglaublich gemeine charakterisier worden. Das ist absolut unwahr (Hört! hört! rechts), und ich möchte demgegenüber fragen, ob es nicht die allergrößte Verurcheilung verdient, wenn ein Abgeordneter, dem vollste Redefreiheit zu Gebote steht, gegen den Niemand klagen kann, in dieser unwahren und verletzenden Weise einen Fremden angreift, der sich nicht vertheidigen kann. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Die betresiende Aeußerung ist in dem Urtheil lediglich hypothetisch. Sie sind ja sonst so genau, so kritisch gegenüber allen Maßnahmen der Regierung, daß ich es mit der Stellung eines Politikers nicht vereinbar finden kann, daß Sie gegen die Fehler des Judenthums in solcher Weise blind sein können. Es wird Ihnen nicht gelingen, durch Inschutznahme der Interessen des Volkes gegen die Regierung an Punkten, wo es nicht nöthig ist, in den Ruf zn kommen, daß Sie ein Freund des Volkes feien, wenn Sie in dieser Werse jede jüdische Anmaßung vertheidigen und in diesem Punkte zum Schutze der bedrängten Interessen des Volkes keine Worte haben. (Sehr richtig! rechts.) Nun könnten Sie sagen, die Judenhetze sei Thatsache geworden. Hier in Berlin nicht! Hier haben wir durch besonnene Führung der Bewegung alle Ausschreitungen verhindert. Was an Gewaltthätigkeiten vorgekommen ist, hat vielmehr auf Seiten des Judenthums begonnen, als aus unserer Seite. Uns ist die Bewegung kein leichtes Spiel gewesen, sondern ein ernster Kamps, bei dem es sich um die besten und höchsten Güter unseres Volkes handelte. Ich glaube niHt, daß der Moment eintreten kann, wo dieser Kampf aushört, es sei denn, daß der Theil des modernen Judenthums, den wir bekämpfen, seine Position aufgegeben und seine Anmaßungen verloren hat. In unsere höheren Bildungsverhältnisse ist das Judenthum in einer Weise eingedrungen, daß es schwer sein wird, unser Schulleben auf der Höhe christlich-nationaler Kultur zu erhalten. Ebenso erschreckend ist das Hineindringen des Judenthums in die Justiz, l Alles dies drängt uns dazu, aus der Hut zu sein und sowohl unserem Volksgeiste znzurusen: „Sei auf dem Posten!" als der Regierung die Bitte nahe zu legen: „Vicksant cc>U3uls8!" Das; Judenthum mit seinem zügellosen Geltendmachen jüdischer An- ' schauungen, will nicht blos ruhig seines Lebens genießen, es will; herrschen. Es will den christlichen öffentlichen Geist verdrängen; und seine Anschauungen, seinen abstrakten Monotheismus, seine i bis in den Himmel erhobene jüdische Kultur, die übrigens gar! nicht vorhanden ist, an die Stelle setzen. Sie, die Sie soviel über Reaction klagen, sollten sich doch klar machen, was es bedeutet, wenn man die ganze geistige Entwickelung der Welt um zwei Jahrtausende znrückdrängen will. Die Unruhen in der Provinz sind gerade durch Ihre Uebertreibnngen epidemisch geworden, wie denn überhaupt diese Inschutznahme der jüdischen Ausschreitungen seitens der Fortschrittspresse das Uebelste ist, was bei dieser ganzen Angelegenheit zum Unheil unseres Volkes geschehen ist. Sie (links) wollen Alles unter Ihr Secirmesser nehmen, was im Himmel und aus Erden ist; nur die lieben Juden sollen lunangesochten bleiben. (Große Heiterkeit.) Mit welchem Rechte verlangen Sie das im 19. Jahrhundert? Jahrzehnte lang haben sie an uns herumgeschnitten, Jahrzehnte lang haben wir still gehalten; nun jagen wir: Wir wollen uns doch auch einmal um Euch bekiimmern!" und sofort schreit die ganze Gegenseite, als ob das der äußerste Akt der Intoleranz und Inhumanität wäre. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Hat nicht fast die ganze liberale Presse den Brand der Neustettiner Synagoge, Henrici, mir, ja sogar Treischke in die schuhe geschoben? Hat man uns nicht vorgeworsen, wir warteten nur auf den Moment, wo das Militär aus den pommerischen Städten herausgezogen sein würde? Das sind die Feuerbrände, welche in die Provinz hinausgeschleudert wurden und hier die Funken zu Flammen ansachten, und an Zündstoff hat es in der Provinz nicht gefehlt. Sogar für die russischen Krawalle hat man uns verantwortlich gemacht. (Sehr richtig! links.) Wir waren ja nicht in Rußland, nur Herr Virchow war da. (Große Heiterkeit) Demgegenüber lesen Sie doch das s. Z. in der „Köln. Zeitung" abgedruckte Geständniß eines russischen Judenblattes, welches uns selbst von jeder Schuld freispricht. Sie sind wirklich jüdischer als die Juden. (Heiterkeit.) Man hat uns Unklarheit der Ziele vorgeworsen. Die Emanzipation wollen auch wir sortbestehen lassen, obgleich wir sie nicht für etwas Gutes halten. Auch habe ich mich der Parole: „Kauft bei keinem Juden!" stets widersetzt. Dagegen meine ich, daß das Judenthum aus unserer christlichen Volksschule heraus muß; Juden können christliche Kinder nicht erziehen. (Sehr richtig! rechts und im Centrum.) Die gleiche Vorsicht ist beim höheren Schulwesen und im Universitätsleben geboten. Besonders auch ist die Verwaltung vor dem jüdischen Einflüsse zu wahren. Sollten Sie das für eine Umgehung der Verfassung halten, so bieten wir Ihnen gern die Haud zu einer gesetzlichen Regelung. (Heiterkeit links.) Mit Freude vernehme ich, daß man auch den Ausschreitungen der Börse zu Leibe gehen will. Hüten Sie sich, daß nicht Haß an die Stelle der Liebe und nicht Fanatismus an die Stelle der Besonnenheit trete. Sorgen Sie dafür durch Ihre Presse und Ihre Mitwirkung, daß der Kamps friedlich verlaufe und nicht ähnliche Ausschreitungen, wie wir sie gebabt haben, wiederkehren. (Lebhafter Beifall rrchtß, Zischen links.) Abg. Virchow: Es ist eine sonderbare Aufforderung des Herrn Stöcker, wir sollen dafür sorgen, daß unsere Presse in dem Sinne wirke, wie er es will. Denn wir haben im engeren Sinne eigentlich keine Presse. Es eristirt nicht ein einziges großes, täglich erscheinendes Preßorgan, das einfach nach unserem Diktat geschrieben wäre. Ein erheblicher Theil der Bemerkungen des Herrn Stöcker richtet sich nicht an den Minister des Innern, sondern an die leider heute abwesenden Minister des Kulms und der Justiz, deren Stellung in dieser Frage zu kennen interessant wäre und viellelcht bei Berathung ihrer Etats durch Anregung des Herrn Stöcker bekannt werden.wird. Der Charakter der Judenhetze, der durch die „Funken" entzündete Brand, ist zu nicht geringem Theil dem Umstand zuzufchreiben, daß die Re-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.