Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-02-08 · Heft 6 (8.2.1882) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 6 (8.2.1882)
Date
1882-02-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447904--18476-2474519
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

140 nagogen, einäscherte, und bei welchem viele Hundert Juden in schrecklichster Weise ihr Leben einbüßten. Das Feuer hatte sich zu gleicher Zeit auch in der Alt- und Neustadt ausgebreitet, in jener 260, in dieser 162 Bürgerhäuser, zwei Kirchen und mehrere Paläste in Asche gelegt. Wie die böhmischen Geschichtsschreiber behaupten, waren diese Feuersbrünste angelegt, und wäre Ludwig XIV. von Frankreich, welcher sich im Kriege mit dem deutschen Kaiser und dessen Verbündeten England und Holland befand, der Urheber derselben gewesen. Der französische Kommandant von Philippsburg hätte 150 Bösewichter gedungen und sie in die Erblande des Kaisers mit Befehlen geschickt, die besten Städte in Brand zu setzen, und seine Sendlinge hätten ihren Anftrag mit bedauernswerther Pünktlichkeit erfüllt. Noch bevor Prag an die Reihe gekommen war, hatten sie mehrere Städte Böhmens, darunter Braunau, Klattau und Trautenau eingeäschert. Aller dieser Feuerschäden ungeachtet, mußte das Königreich Böhmen dem Kaiser nebst Kriegsvölkern auch große Summen Geldes und Lebensmittel zur Fortsetzung des Krieges mit den Türken und Franzosen geben. Im Jahre 1696 allein betrugen die Kriegssteuern an Naturalien hunderttausend Centner Mehl und hunderttausend Metzen Hafer; an baarem Gelde nicht weniger als zwei Millionen dreimalhunderttausend Gulden. Die Friedensschlüsse von Ryswyck (mit Frankreich am 20. September 1697) und jener von Karlowitz (1698 und 1699) mit den Türken machten diesen unerträglichen Lasten wohl ein Ende, aber kaum hatte sich das unglückliche Land von diesen Schlägen erholt, als es wieder von einer schrecklichen Pest heimgesucht wurde. Diese trat am 22. August 1714 auf und wüthete bis Ende März des folgenden Jahres unaufhörlich fort. Ueber 20,000 Menschen wurden hinweggerafft und eine Million neunmalhunderttausendsiebenhundertfünfundzwanzig Stück Hornvieh von der Seuche aufgerieben, wodurch das Land einen eben so großen Schaden erlitt, als wenn es ein Paar Jahre lang vom Feinde verwüstet worden wäre. Die Juden hatten nicht nur ihre Häuser, ihre Wohnsitze, ihr Vermögen eingebüßt, sondern sie lebten auch inmitten einer verarmten Bevölkerung, und die Prager Judenschaft, zu jener Zeit zumeist auf den Handel angewiesen, befand sich in einer trostlosen, verzweiflungsvollen Lage. Allein der allwaltende Gott, der das Jahrtausende lang bedrückt gewesene Volk Israel in unbegreiflicher, wahrhaft wunderbarer Weise erhielt, sah auch erbarmungsvoll auf die böhmischen Juden jener Zeit herab. Einzelnen durch besondere Begabung hervorragende, oder auch durch Gottes Huld — oder wie man sich irrthümlich auszudrücken pflegt, vom Glücke begünstigten — Männern war es doch gelungen, auch unter MD sen außerordentlich schwierigen Verhältnissen, Ver^ mögen zu erwerben, und das große Elend der Armen in der Prager Judengemeinde forderte gebieterisch und machtvoll den leichtgeweckten Wohlthätigkeitssinn der Reichen und Bemittelten heraus, und ein ansehnlicher Theil der jüdischen Bevölkerung Prags lebte nur von der Großmuth seiner besser situirten Glaubensgenossen. Es läßt sich hierdurch der Haß der Reichen sowohl, als der Armen, gegen Löb Munitz erklären, von dem behauptet wurde, daß er — einer der Vermögendsten in der Gemeinde — nie einen Kreuzer einem Dürftigen oder freiwillig einem wohlthätigen oder gemeinnützigen Zwecke zugewendet hatte. Die Armen beneideten, haßten, verwünschten ihn, weil sie nichts von ihm erhielten, die Reichen, weil er die schwere Last, welche die Erhaltung der armen Glaubensbrüder verursachte, nicht mittragen half. Wir sind keine Lobredner der vergangenen Jahrhunderte, die Generationen jener Zeiten können von dem wahrheitsgetreuen Erzähler von großen schweren Fehlern — und es ist das noch ein zarter epheumistischer Ausdruck — nicht freigesprochen werden. In der Prager Gemeinde knüpfen sich an die Namen Lippmann Heller*) und Mordechai Meises) Erin- 1) Nach seinem berühmten Mischnakommentar unter dem Namen Toßefos Jomtow bekannt, war zuerst Rabbinatsassessor, später Oberrabbiner in Prag gewesen. Derselbe wurde von einigen seiner Glaubensgenossen bei der Regierung verläumdet und hatte außerordentlich großes Leid und Ungemach erfahren. 2) Einer der größten Gemeindewohlthäter, der je gelebt hat. Die Prager Judengemeinde dankt ihm das herrliche Gotteshaus, welches noch heute seinen Namen trägt, das schöne Rathhaus mit dem Thurme (dem einzigen auf dem ganzen Erdbälle, der eine Uhr mit einem Zisferblatte hat, welches hebräische Buchstaben als Zifferbezeichnung trägt und sich daher die Zeiger in einer der gewöhnlichen, entgegengesetzten Richtung bewegen), die am Gemeindehause angebaute, prächtige Hochsynagoge, das Hospital, das noch heute eristirt, und während seines dritthalbjahrhunderjährigen Bestandes unzähligen Kranken, Heilung und Linderung brachte, das Armenkinderlehrhaus (seit einigen Decennien in ein Gemeindeknabenwaisenhaus umgewandelt), in welchem unzählige Knaben Unterricht genossen, und au8 welchem Heroen der jüdischen Wissenschaft hervorgingen, endlich die erste Pflasterung der ganzen Judenstadt. Man erzählt — und diese Ueberlieferung trägt leider die Signatur jener Zeit, das volle Gepräge unverfälschter Wahrheit — Meisel hätte, nachdem er die von ihm erbaute und nach ihm genannte Synagoge ihrer Bestimmung und der Gemeinde übergeben, jene an den hohen Feiertagen besucht, dort aber alle Platze schon besetzt gefunden. Aus Meisels Aufforderung, ihm doch einen solchen anzuweisen, wurde dem überraschten Manne die verblüffende Antwort: Wenn er eine Stod (Sitzplatz von Stätte) hätte miethen wollen, hätte er sich rechtzeitig darum kümmern müssen, jetzt seien schon alle vergeben. Der erbitterte Mann hatte bei dem Rabbinate Klage geführt, dieses mußte, — sich streng an die rabbinisch-talmudischen EodiceS haltend — allerdings die Entscheidung fällen, daß nachdem der großmüthige Spender das Gotteshaus der Gemeinde ohne jeglichen Vorbehalt übergeben, er sich auch eine Stelle in der Synagoge erkaufen oder miethen müsse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.