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Der Israelit · 1882-01-18 · Heft 3 (18.1.1882) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 3 (18.1.1882)
Date
1882-01-18
Page
– (sequence 12)
Language
German
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60 meines Vaters Kind.Mein Herz ist ganz eigenthümlich beschaffen, vielleicht ganz anders als es bei einem armen Mädchen beschaffen sein sollte, es ist stolz und liebebedürftig; und weil ich eben meinen Vater nicht zwingen kann, mich so zu lieben, wie ich es wünsche, so wend' ich meine Liebe dem kleinen kranken Kinde zn; — und Mosche ist auch dankbar gegen mich, Du solltest nur sehen, wie er seine mageren Aermchcn um meinen Nacken schlingt und mit seinen großen, blauen Augen, die manchmal wie geisterhaft aus seinen bleichen, hageren Zügen starren, mir liebevoll ins Gesicht blickt, und mir die süßesten Namen gibt, die seine Kindcrseele nur erfinden kann; auch jetzt, als er in Schlaf versank, mußt' ich mich sanft aus feiner Umschlingung loslösen!" „Ester!" rief Benjamin, „wenn wir, wie ich hoffe, Mann und Weib werden, nehmeil wir das Kind zu uns!" Das Mädchen wurde purpurroth, Benjamin konnte das bei dem Hellen Mondlicht, das in den Flur fiel, erkennen. „Du wolltest ja Deine Lebensgeschichte, die ich nur zum Theil kannte, zu Ende erzählen", sprach Ester rasch, „Du sprachst zuletzt davon, wie Du in Reb Bär Hellstadt's Hause lebtest, — willst Du nicht fortfahren?" „Ich lebte dort bis zu meinem neunten Jahre, als das furchtbare, grauenhafte Ereigniß eintrat, dessen Erinnerung nie in mir erlöschen wird. Es war in einer Winternacht — vor wenigen Tagen sind es sechszehn Jahre geworden; da brach in der engen Straße, in der wir wohnten, plötzlich Feuer aus. Reb Bär hatte eine Dachwohliung inne; ich lag allein in einem Stübchen, plötzlich erwachte ich; — es war ein grauenvolles Schauspiel, das sich mir darbot. Die Flammen hatten das Schindeldach erfaßt und leckten gierig an den Fenstern, deren Scheiben prasselnd zersplitterten, das Zimmer war von Rauch und Qualm erfüllt; — im ersten Momente des Erwachens war mir's, als lag' ich in einem entsetzlich furchtbaren Traume; — aber schon im zweiten ward mir die unschilderbare Grauenhastigkeit meiner Lage klar. Ich konnte nicht rufen, nicht sprechen, fast nicht denken, ich konnte nichts thun als lautlos die Hände zum stummen Gebete falten .... ich hörte Jammerrufe, gräßlich, schaurig, daß sie das heiße Herzblut in starres Eis zu umwaudeln vermögen! — Reb Bär Hellstadt und seine Frau waren gewiß rettungslos verloren, sonst hätten sie es wenigstens versucht, mich zu retten .... ich hörte nur ihr entsetzliches, unartikulirtes Schreien, das später leiser, röchelnder wurde .... ich durchlebte einige Minuten so unbeschreibliche Qual, daß Menschenwort, und wär' es das beredteste, es nicht auszudrücken vermag. Es gibt, Gewissensbisse ausgenommen, kein Gefühl, das schrecklicher wäre, als totale Hilflosigkeit in so gräßlicher Gefahr! — Ich sah den nächsten Momenten mit dem größten Entsetzen entgegen; ich war geistig entwickelt genug, zn erkennen, daß mir ein qnalenreicher, grauenvoller Tod bevorstände, daß - wenn Gott der Allherr nicht ein Wunder thäte — ich rettungslos verloren sei. Schon schlugen die Flaininen in das Zimmer hinein, cö ward erstickend heiß, ich schloß die Augen, ich wollte, wenn ich schon so elend verkommen, solch' martervollen Tod erleiden mußte — wenigstens mich nicht sterben sehen — mir ward so bitter, so elend zn Muthe, wie wohl noch nie einem Menschen auf dieser Welt; ich konnte nicht sprechen, ich dachte nur: Gott! Hilf Deinem verlassenen, verlorenen Kinde, schick' ihm einen rettenden Engel! — Plötzlich hört' ich ein eigenthümliches Geräusch, unwillkürlich; mehr als das, gegen meinen Willen öffnete ich die Angen. — da ..... ." Benjamin hielt von der bewältigenden Macht der Erinnerung einen Moment inne, und Ester, hingerissen von der .Kraft, mit welcher er die wundersamsten Scenen seines Lebens schilderte, wiederholte ohne es zn wissen, tief Athem holend, „da." „Da ß setzte Benjamin fort, „ward der .vohlraum des Fensters, durch welrhes Ranch hereindrang, durch eine Menschengestalt noch mehr verdunkelt, — durch Qualm und Dunst und einem Sprühregen von Funken drang ein Mensch zu mir: „Wo bist Du, Kind? Wo bist Du, Benjamin!" rief er und in dem Tone seiner Stinune, die meinem Ohre, wie der Ruf eines Cherubs klang, zitterte eine Welt voll Mitleid und Erbarmen! „Hier, hier bin ich", schrie ich mit erstickter Stimme, mich vom Boden, ans dem ich znsammengesunken gekauert, erhebend; — und ein Mann — nein ein Engel in Meuschengestalt nahm Utich in seine Arme und versuchte es, durch die Zimmerthüre die Treppe zu erreichen. Ah!" — noch jetzt nach 16 Jahren mußte Benjamin die Hand vor die Augen drücken, als könne er dadurch das entsetzliche Bild, das vor seiner Seele schwebte, wegrücken; — „es war ein Anblick, wie sich die lebendigste Phantasie das Ge-ihiuom2) vorstellt. Die Holzstiege stand in vollen Flammen und prasselte und brach zusammen; — und ans dem Feuermeere tönte das Wehgeschrci von Menschen; die sich zu retten versuchten, martervoll verbrannten, von der zusammenstürzenden, verkohlten Treppe erschlagen wurden! „Zurück, zurück!" rief mein kühner Retter sich selbst zu, und zn mir gewendet, fügte er, utich an seine Brust drückend, hinzu: „Verzage nicht, mein Kind, ich hoff' zn dem lebendigen Gotte! Er, der 2) Lchreckensthal, Eegcnsay von wan-Edm, Paradies.

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