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Der Israelit · 1882-01-11 · Heft 2 (11.1.1882) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 2 (11.1.1882)
Date
1882-01-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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bürg, die Tochter des reichen Neb Gumbrech Königftein, in Frankfurt gestorben, so daß diesem von sechs Kindern nur noch eine ledige schöne Tochter und sein Enkel in Prag geblieben. Reb Gumprech Königstein forderte seinen Schwiegersohn auf, mit seinem Enkel nach Frankfurt zu kommen und seine jüngste, schöne, wohlerzogene Tochter zu heirathen. Er wollte seinem geliebten Enkelkinde eine gute Stiefmutter, und konnte seiner nunmehr einzigen Tochter keinen bessern Gatten geben, als ihren Schwager, der seine erste Frau auf Händen getragen hatte. Die harte Kunde, ich wäre ein Fremder in diesem Hause gewesen und müßte mich jetzt von dem Manne, den ich wie einen Vater liebte, trennen, traf mich kleinen, ganz verlassenen Knaben wie Blitz aus heiterem Himmel. Ich gerieth außer mir, ich weinte, ich verzweifelte, ich nahm tagelang keine Nahrung zu mir; man glaubte, ich würde den schweren Schlag nicht verwinden können, ich würde wahnsinnig werden, würde sterben; aber das Menschenherz vermag Unglaubliches zu ertragen! ..... Straßburg gab mich bei seiner Abreise in das Haus eines braven, kinderlosen Mannes, des Stiftungsrabbiners Reb Bär Hillstadt, der mich erziehen, meinen Unterricht übernehmen sollte. Ich habe trotz meiner eigenthümlichen Schicksale und meiner Verlassenheit, doch auch viele Liebe und viel Wohlwollen erfahren, und auch Reb Bär Hillstadt und dessen Frau — gesegnet sei ihr Andenken — ersetzten mir von Neuem die Eltern, betrachteten mich wie ihr Kind; und ich vergalt ihre edle Treue und Anhänglichkeit durch echte, wahre Kindesliebe. — Als ich etwas älter geworden, sah ich, daß alle Kinder Eltern hatten, und wußte es auch, daß Reb Bär und seine Frau nicht meine wären, ich frug jenen, wer mein Vater, wer meine Mutter gewesen? Er antwortete mir, und ich glaube, daß der würdige Mann die Wahrheit gesprochen, es sei ihm nur etwas über meine Mutter bekannt; und erzählte mir, was ich Dir soeben über sie mitgetheilt. Dann führte er mich hier heraus auf das Bes hakworos5 6 7 8 9) und zeigte mir den Leichenstein meiner lieben Mutter, dort ruhen ihre irdischen Reste." — Benjamin deutete mit der Hand die Richtung an. „Ich war ein fleißiger Knabe und konnte die Inschrift, die der Grabstein trug, lesen, sie war so einfach Z, daß ich sie mit geringer Nachhilfe auch zu verdeutschen vermochte: Po tomuno ho-ischo joledes mores Ehaune measchkanas, zu deutsch: Hier ruht die wür- 3) Haus der Gräber, Friedhof. 4) Aus dem berühmten Friedhofe *it Prag finden sich auch Grabschriften von einer aller ge linde st gesagt geradezu vollkommen unbegreiflichen Einfachheit. Z. B.: Po tomuno habsmlo Mariem hi hoißo „Köchin^ ezel Reb Jone Hirsch Plohn. (Hier ruht die Jungfrau Mariem, ne war Köchin bei Reb Jone Hirsch Plohn.) dige, im Wochenbette gestorbene Frau Ehanne aus Aschkenas % Der Name ihres Garten, ihrer Eltern, ihrer Geburtsstadt, das Alles war, entgegen dem allgemeinen Gebrauche mit keinem Worte angegeben. —' Ich ward unendlich traurig und selbst die größte Zärtlichkeit, welche mir Neb Bär und seine Frau, jetzt in verdoppeltem Maße bewiesen, vermochten es nicht, die tiefe Schwermuth, die mich armen Knaben erfaßt hatte, zu bannen. Reb Bär versicherte mir, daß meine Eltern, nach Reb Henoch Straßburgers Mittheilungen, achtungswerthe, würdige Personen gewesen wären. Dadurch wurde bei mir, dem achtjährigen Knaben, ein naheliegender Gedanke geweckt. Ich schrieb Reb Henoch Straßburg nach Frankfurt in ben beweglichsten Ansdrücken, er möge mir über meine Eltern Auskunft ertheilen. Allein als im Jahre 1711 in Frankfurt bei der großen Feuersbrunst die ganze Judengasse niederbrannte, war die Familie Straßburg um ihr ganze Hab' und Gut gekommen und war von dort verschwunden. Es gelang mir auch später nicht, ihren Aufenthaltsort aüfzusinden, nicht unmöglich ist es, daß Reb Henoch Straßburg bei dem verheerenden Brande seinen Tod gefunden." Ester war der eigenthümlichen Erzählung Benjamins mit gespannntester Aufmerksamkeit gefolgt, das Meiste war ihr neu, eine kurze Zeit hatte sie daran vergessen, daß ihr kleiner Stiefbruder auf die Arznei warte, plötzlich erinnerte sie sich daran und rief: „Benjamin, der Trank für Mosche wird schon längst fertig sein, es wäre unrecht, wollte ich ihm die lindernde Medizin länger als nöthig vorenthalten; und doch möcht' ich, daß wir unser Gespräch zu Ende führen; es ist ja nothwendig für uns Beide, daß es klar wird zwischen uns ..... ich möchte Dir Folgendes Vorschlägen: ich hole die Medizin aus der Apotheke und eile heim, das Kind schläft in meinem Zimmer, der Vater und die Stiefmutter sind längst zur Ruhe gegangen, mein Vater ist, wie Du weißt, kränklich und darf des Nachts in solcher Kälte nicht zu Chazos gehen, in dem kleinen Hause, in dem wir wohnen, haben wir nur zwei Nachbarn, den neunzigjährigen Schuster Noßon und Reb Schimon, den Szofer ^), jener muß sich gleich nach Maariw bismanno') zu Bette legen und dieser reist im Lande umher, £eftlltns) und Mesussos9) zu verkaufen; wenn Du in einer Viertelstunde mich im Flure un- 5) Deutschland. 6) Schreiber, hier so viel als Thorarollenschreiber. 7) Abendgebet zur rechten Zeit, wird erst bei Anbruch der Nacht verrichtet. 8) Philakterien, Gebetriemen. 9) Pergamentroll-n mit biblischen Sprüchen, welche an den Thürpfosten befestigt werden.

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