Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1881)
- Date
- 1881-12-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1248 da er sich voraussichtlich nicht in den glänzendsten Verhältnissen befindet. Die Erfahrung lehrt;a, daß jüdische Lehrer keine Millionäre zu sein pflegen. Aber mir genügt es nicht; mir ist das Opfer nicht groß genug. Wenn ich meinem Bruder selbst mein halbes Vermögen schenke, so haben wir, Du und ich, noch so reichlich, daß wir die weggeschenkte Hälfte nicht entbehren würden. Du weißt ja, aufs Geld kömmt's mir nicht an. Meinen Bruder aber würde ein dargebotenes Geschenk beschweren, bedrücken, belästigen, vielleicht gar beleidigen. Anders ist es, wenn Du seinen Sohn heirathest. Da ist es natürlich, wenn der reichgewordene Sohn seinen Eltern und Geschwistern von seinem Neberflusse zukommen läßt. Dann hast Du Gelegenheit als Tochter die Wunde vollends zu schließen, die mein Leichtsinn einst geschlagen hat." ..„Aber, Papa, Du weißt ja noch gar nicht, ob der Sohn Deines Bruders, weun dieser überhaupt einen hat, mich wollen wird?"" Herr de Jonge sah seine Tochter mit unaussprechlichem Vaterstolzc an. „Ten jungen Mann möchte ich sehen", sagte er, „der Dich verschmähen würde!" „„Du bist sehr liebenswürdig, Papa, allein...."" „Nun, nun, vielleicht streiten wir uns um des Kaisers Bart. Warten wir erst ab, bis wir meinen Bruder gefunden und dessen Familienverhältnisse kennen gelernt haben." „„Nein, nein, dann ist cs zu spät! Denke Dir, Papa, ich solle einen jungen Mann heirathen, der in niederen, kleinlichen Verhältnissen ausgewachsen, vielleicht roh und ungebildet, ein Dorfjuuge ohne Schliff und Manieren ist, von dessen Charakter, Religiosität und Sittlichkeit wir nichts wissen!"" „Fern sei cs von mir. Dir einen Mann aufdrängen zu wollen, der Deiner nicht würdig wäre. Was Du aber über die kleinen, dürftigen Verhältnisse sagst, so hast Tu ja das beste Beispiel -an Deinem bisherigen Lehrer, der ja auch der Sohn eines Dorfschnlmeisters ist und dennoch Dein ganzes Wohlgefallen erlangt hat. Vielleicht ist der Sohn meines Bruders geradeso wie Nathan Herzberg. Aber wie gesagt, warten wir ab; vielleicht hat mein Bruder keine Kinder oder nur Töchter, und wenn er Söhne hat, so können sie ja schon verheirathet sein; also kein Wort mehr darüber, bis wir meinen Bruder aufgefundcn haben." Marianne schwieg; sie wußte, daß jedes weitere Wort vergeblich sei. Abends 7 Uhr waren alle israelitischen Bewohner von M., sowie die als Kurgäste anwesenden fremden Israeliten in der Synagoge versammelt. Alle waren begierig, den indischen Nabob — so nannte man Herrn de Jonge — vorbeten zu hören Dieser entledigte sich seiner Aufgabe aufs Beste. Nach Schluß des Gottesdienstes stellte ihm Nathan Herzberg seinen Vater vor. „Herr de Jonge", sagte er, „gestatten Sie mir. Sie mit meinem Vater bekannt zu machen!" Der reiche Mann ergriff die Hand des alten Lehrers und drückte sie freundschaftlich. „Es freut mich", sagte er, „den Vater eines so braven, tüchtigen, jungen Mannes kennen zu lernen." „„Ich danke Ihnen"", sagte der alte Herzberg. „„daß Sie mir Ihre Zufriedenheit mit meinem Sohne aussprcchen. Es gibt kein größeres Glück für einen Later, als das. wohlgerathene Kinder zu besitzen." " Der Ton der Stimme des Redenden berührte daS Ohr des Herrn de Jonge ganz eigenthümlich. Wo hatte er diese Stimme schon vernommen? Erschaute dem alten Herzberg prüfend in's Gesicht; aber kein Zug irr demselben kam seinem Gedächtnisse zu Hilfe. In der darauffolgenden Nacht floh der Schlaf die Angen des reichen Mannes. Die wenigen Worte, welche der alte Herzberg zu ihm gesprochen, tönten ihm fortwährend in die Ohren. Er marterte sein Gedächtnis;, um zu erforschen, wo und wann er diese Stimme schon vorher vernommen. Umsonst, die Gestalt, die zu dieser Stimme gehörte, wollte vor seinem geistigen Auge nicht auftauchen. „Süß ist der Schlaf des Arbeiters", sprach er mit den Worten des weisen Königs, „mag er viel oder wenig gegessen haben; aber die Sättigung läßt den Neichen nicht schlafen. — Sollte ick gestern Abend meinen Magen überladen haben? Aber ich wüßte nicht, daß ich mehr gegessen hätte als gewöhnlich, und die Speisen waren durchaus kurgcmäß bereitet. Es ist nicht anders, es ist der Ton dieser Stimme, der mir den Schlaf verscheucht. Wo habe ich ihn nur schon gehört? Er muß einer Persönlichkeit angehören. die'mir einst nahe gestandensonst könnte er unmöglich einen solchen Eindruck am mich machen. Vielleicht ist es auch die Erzählung meiner Erlebnisse, die mich in eine ganz ungewöhnliche Aufregung versetzt hat." Erst spät entschlummerte Herr de Jonge; aber auch jetzt war seine Seele noch nicht beruhigt; böse Träume verfolgten ihn im Schlafe. Der Traum führte ihn in seine Kinderjahre zurück, er verübte tolle Streiche an der Spitze der Dorfjugend; er Zückte das Messer gegen den zürnenden Bruder; da trat eine milde Frauengestalt zwischen die streitenden Brüder, entwand ihm das Messer und führte ihr in die ausgebreiteten Arme des eben noch heftig Zür-