Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1881)
- Date
- 1881-11-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1200 Abraham de Jorige lag bequem auf dem Sopha hingestreckt, als der junge Mann bei ihm eingeführt wurde. Er erhob sich nicht, sondern nahm nur die Thonpfeise aus dem Munde und nickte mit dem Kopfe dem Ankommenden herablassend zu. „Sie haben befohlen!" sagte Nathan, sich vor ihn hinstellend. »„Ich setze voraus,"" sprach Herr de Jonge, „„daß Sie der jüdische Lehrer sind. Ich bin Jude und will hier während meiner Kur meine eigne Küche führen; ich möchte Sie ersuchen, Mynheer, meiner Köchin mit Rath und That zur Seite zu stehen, zu beaufsichtigen, daß der Herd ordentlich geglüht wird; zu sagen, woher das Fleisch bezogen werden soll, das Geflügel zu schachten, und was sonst noch nothwendig ist, anzugeben. Ich werde Sie reichlich dafür belohnen. Sind Sie damit einverstanden?"" „Ich werde mich gern," antwortete Nathan, „bemühen, dazu beizutragen daß Sie hier dem jüdischen Religionsgesetze gemäß leben. Eine Belohnung beanspruche ich nicht dafür." „„So stolz, junger Mann? Lassen Sie sich einen guten Rath geben. Man braucht sich nie des Lohnes zu schämen, den geleistete Dienste eiubringeu. Ich war auch einmal ein armer Schlucker wie Sie, ich wäre niemals ein reicher Mann geworden, wenn ich nicht stets bemüht gewesen wäre, meine Arbeit ut zu verwerthen. Uebrigeus können Sie das alten wie Sie wollen. Ich hätte noch eine andere Bitte an Sie gehabt, die ich aber an einen so stolzen Herrn nicht zu richten wage."" „Ich bin gern bereit. Ihnen zu dienen." „„Mein Töchterchen ist im Hebräischen ein wenig zurückgeblieben. Ich konnte auf meinem Landsitze in Ostindien, selbst für schweres Geld, ihr keinen ordentlichen hebräischen Unterricht verschaffen. Während sie holländisch, deutsch, französisch und englisch spricht, liest und schreibt, kann sie nur nothdürstig das Hebräische lesen. Da möchte ich Sie bitten, ihr während unseres hiesigen Aufenthalts täglich eine Stunde Ihrer kostbaren Zeit zu widmen. Ich zahle Ihnen süilf Gulden für die Stunde. Sind Sie einverstanden?"" Nathan fühlte, wie sein Herz vor Freude erzitterte. Seinem alten Vater war vom Arzte eine mehrwöchentliche Kur in M. angerathen worden. Allein die mehr als bescheidenen Verhältnisse der Familie gestatteten nicht die geringste außergewöhnliche Ausgabe; jetzt bot sich ihm die Aussicht zu einer ^unverhofften, großen Einnahme. Das Geld konnte er dazu verwenden, seinen Vater nach M. kommen zu lassen und die Kurkosten zu bestreiten. Mit Freuden willigte er in den Vorschlag des Herrn de Jonge. „Ist hier eine Synagoge?" fragte Herr de Jonge. „„Wir haben ein kleines Gotteshaus,"" antwortete Nathan; „aber wir haben nicht täglich Gottesdienst. Es wohnen nur sechs jüdische Fanmien hier. Freitag Abends und Samstag dreimal haben wir Minjan."" „Heute über vierzehn Tage habe ich Jahrzeit. Da möchte ich in der Synagoge vorbeten und Kadisch sagen. Sorgen Sie dafür, daß dann Minjan in der Synagoge ist. Was es kostet, will ich gern bezahlen. Aus Geld kömmt es mir nicht an; aber in meinen Gewohnheiten lasse ich mich nicht gerne stören." Nathan lächelte und versprach, dafür Sorge zu tragen, daß Herr de Jonge nicht gehindert sei, dieser seiner löblichen Gewohnheit obzuliegen. Als der junge Mann nach Hanse kam, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als seinen Eltern von der großen Einnahme, die ihm bevorstand, Kunde zu geben und seinen Vater zu bitten, sobald als möglich nach M. zu kommen. Am andern Tage, nachdem die Küche des Herrn de Jonge auf's Beste besorgt war, begann der Unterricht. „„Mein Herr,"" sagte Marianne de Jonge zu ihrem Lehrer, „„mein Herz sehnt sich danach, die Psalmen in der Ursprache zu lesen. Wollen wir nicht gleich mit den Psalmen beginnen?"" „Mein Fräulein," antwortete Nathan, „ich halte es für nothwendig, daß Sie zuerst verstehen lernen, was Sie beten. Ich möchte oaher bitten, daß Sie zunächst das Schema und die achtzehn Bencdictionen übersetzen lernen. Nachher könnet! wir die Psalmen durchnehmen, die in unser Gebetbuch sind ausgenommen worden. Ob wir während der kurzen Zeit ihres hiesigen Aufenthalts dann noch an andere Psalmen gelangen werden, das hängt von den Fortschritten ab, die Sie in der hebräischen Sprache machen." Marianne war eine gelehrige Schülerin. Ihr Lehrer machte sie mit den Elernenten der hebräischen Grammatik bekannt, und nach wenigen Stunden hatte sie es dahin gebracht, daß sie mit Hilfe eines Lexicons sich ans ein großes Pensum vorbereiten konnte. Sie warf sich mit wahrem Feuereifer auf? das neue Studium, und da sie nichts anderes zu thun hatten und init einer leichten Auffassung und mit einem guten Gedächtniß begabt war, so machte sie glänzende Fortschritte. Bald konnte sie die wichtigsten Gebetstücke geläufig übersetzen. „„Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Herzberg,"" sagte sie, „„daß Sie mich gelehrt haben, die täglichen Gebete zu verstehen. Ich bin in Folge dessen eine ganz Andere geworden. Ich fühle mich meinem