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Der Israelit · 1881-11-23 · Heft 47 (23.11.1881) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 47 (23.11.1881)
Date
1881-11-23
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1180 Eindrucks entbehren. Die alten Darschanim und Maggidim entsprachen den früheren Anschauungen und Gewohnheiten und trugen denselben in ausgiebigem Maße Rechnung; — warum sollte man nicht auf die Gegenwart, auf welche man zu wirken beabsichtigt, in dieser Hinsicht gebührende Rücksicht nehmen? Es läßt sich doch in keiner Weise behaupten, daß eine Ermahnungsrede, eine Belehrung in reiner deutscher Sprache religionsgesetzlich nicht erlaubt sei und der früher üblichen verdorbenen Umgangssprache wohnt doch keinerlei Heiligkeit inne. Uno was der Gottesdienst anbelangt, so mußte man zugestehen, daß leider sich manche Ungehörigkeiten bei uns eingebürgert hatten. Unsere Vorsänger ermüdeten die Gemeinde durch endlosen, häufig geschmacklosen Zwischengesang, und die Gemeinde selbst hatte sich vielfach daran gewöhnt in der Synagoge nicht diejenigen Vorschriften zu beachten, welche der Weihe des Orts und der Würde des Gottesdienstes angemessen waren. Wenn man die entsprechenden Anordnungen im Schulchan Aruch einsieht, so wird man gewahren, daß jedes Gespräch, jedes ungehörige Gebühren ausdrücklich verpönt ist. Im Geiste des Schulchan Aruch die äußere Würde und Weihe des Gottesdienstes wiederherzustellen, kann deshalb nur als ein sehr wohlgefälliges Vorhaben betrachtet werden. Dennoch wurde das Verlangen jener Männer, die für Anstellung eines in den allgemeinen Wissenschaften bewanderten Oberrabbiners ans dem Grunde plaidirten, um die Abhaltung einer Predigt in zeitgemäßer Form und die Abstellung der in der Synagoge vorhandenen Mängel zu erreichen, von einflußreichsten frommen Männern bekämpft. Run läßt es sich aber nicht leugnen, daß jene Männer, welche zu den Gebildeten zähltet:, sich bereits von der genaueren Beachtung der Religionsgesetze losgesagt hatten«. daß deshalb ihnen selbst in Betreff ihres angestrebten Einflusses auf die Gemeindeverwaltung mit vollem Rechte entgegengetreten werden mußte. Alan konnte auch vermuthen, daß sie mit der Anstellung eines „ftudirten" Oberrabbiners den Abfall vom Gesetze in unserer Gemeinde zu fördern beabsichtigten. Dasjenige aber, was dieselben als Ziel ihres Strebens Vorgaben, war nach meiner Ansicht wohlberechtigt und es wäre recht und weise gewesen, wenn die Frommen in unsrer Gemeinde gesprochen hätten: wir sehen ein, daß euer Verlangen gerecht ist und deshalb wollen wir einen Mann wählen, welcher durch aufrichtige Gottesfurcht und strenge Gewissenhaftigkeit ausgezeichnet, umfassendes Wissen in den heiligen Discipliiken mit gründlicher Kenntnis; der allgemeinen Bildung vereinigt, unserer Geineinde voranleuchtet in allem Guten und Edlen, in der gewissenhaften Erfüllung .der Gesetze, in der innigen Hingebung an den väterlichen Glauben und zu ihr das Wort der Lehre und Mahnung spricht, auf daß sie in allen ihren Gliedern, den Jungen, wie den Alten, den Pfad der Thora wandle als ernst fromme Juden, als gebildete Staatsangehörige und so in Wahrheit den Ramm Gottes heiligen angesichts ihrer nichtjüdischen Brüder. Hätten sie also gesprochen und darnach gehandelt, hätten sie einen solchen Oberrabbiner gewählt — so würde es besser um uns stehen. — Einige Wenige riethen dazu, aber ihre Worte fanden keine Beachtung. Die angesehenen Frommen aber erhoben ihre Stimme und sprachen: wir wollen nichts wissen von einer deutschen Predigt, wir wollen keinen Rabbiner, welcher „studirt" hat; — es soll Alles so bleiben wie es war. Sie bedachten nicht, daß sie, die Alten, schon nicht so waren, wie ihre Eltern. Sie hatten doch ihre Kinder bereits in gute Schulen entsendet und konnten doch ihre Söhne und Töchter nicht zurückhalten vor der Berührung mit der modernen Lebensanschauung. Ihre Kleinen schauten doch schon mit einen: gewissen Stolze auf die Lehrer herab, welche ihnen die Bibel und sonstige Religionswissenschaften lehrten, weil sie', die Schüler, ein besseres Deutsch sprachen, als die Lehrer. Und da könnte es nicht gefahrbringend werden, wenn der erste Lehrer der Gemeinde, der Oberrabbiner, den Kaufleuten und Aerzten, den Handwerkern und Bankiers seiner Gemeinde im allgemeinen Wissen nachstände und eine Sprache redete, welche als ungebildet bezeichnet werden müßte? Sie bedachten dieses nicht, sie wählten den sehr gelehrten, hochehrwürdigen ersten Dajon zum Oberrabbiner, einen Mann, bei dessen Andenken ich mich in Ehrfurcht erhebe, der von seiner Jugend an nicht aus den „vier Ellen der Halachah" gewichen war — der aber leider die Welt außerhalb des Lehrhanses wenig kannte, mit der Sprache nicht vertraut war und denmach auf den sogenannten gebildeten Theil der Gemeinde gar keinen Einfluß äusznüben vermochte. Er wurde von Allen verehrt — aber unter der Oberleitung dieses großen Mannes nahm der Abfall immer größere Dimensionen an. Die Fugend wuchs immer mehr in llnkenntniß des Gesetzes heran, die Kluft zwischen Judenthum und Bildung erschien immer weiter und der Gegensatz zwischen den „Orthodoxen" und „Aufgeklärten" wurde immer schärfer. Alle folgenden Erscheinungen und Umgestaltungen in unserer Gemeinde, die ich erlebt habe, und von welchen ich in diesen Aufzeichnungen meinen Kindern einiges mittheilen werde, sind nichts anderes als die Frucht der Saat, welche in früheren Tagen ausgeftrent worden ist. (Fortsetzung folgt.)

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