Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-09-21 · Heft 38 (21.9.1881) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 38 (21.9.1881)
Date
1881-09-21
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447885--18015-2474041
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XXn. Jahrgang. Zweite Seilage M tlr. 38 -es Israelit. Leitender Artikel. Me „Zudenfrage" vor der Uugust- Eonferenz. i. 8. Alljährlich im August tritt zu Berlin eine freie Konferenz lutherischer Seelsorger zusammen, deren Verhandlungen dieses Jahr ganz besonders die Aufmerksamkeit ganz Deutschlands auf sich zogen. Sie glaubte ihr Votum in der „Judenfrage" aussprechen zu müssen, und sie hat die Erwartungen, die man von Seiten dieser Männer hegte, nicht getäuscht. Stöcker war anwesend, hat aber, wieder Bericht bemerkt, nicht mitgesprocheu; er hatte es auch nicht nöthig — waren ja Referent Lic. theol. Plath und Korreferent Freiherr v. Hammerstein seine beredtesten Interpreten, und brauchte er nicht erst die Versammlung für seine Idee zu gewinnen, da diese ja die von Herrn Kleist-Retzow empfohlene Resolution, die den Stöcker'schen Geist athmet, annahm. Es war eine Versammlung von Stöckern, die am 24. und 25. August in Berlin tagte und im Judenhaß ihrem gepreßten Herzen Luft machte. Wenden wir uns zuerst dem Referate des Herrn Plath zu. Es handle sich jetzt um einen Jahrtausende langen Kampf des Christenthums gegen das Nicht- Christenthum, während Heidenthum und Islam immer mehr besiegt werde, bewahre das Judenthum noch immer seine alte Stellung zum Christenthum, sein Haß gegen die Christen sei derselbe geblieben. Das ist aber eine grandiose Lüge. Weder gegen das Christenthnm noch gegen die Christen hegt das Judenthum Haß. Wer verlangen nicht, daß Herr Plath den Maimonides kennt, der schon vor 800 Jahren gesagt, daß das Christenthum Achtung verdiene, da es so viel zur Beseitigung des Hewenthums beigetragen, wenigstens sollte sich dieser Herr aber doch um die Gegenwart bekümmern und wenn man da noch angesichts der vielen von Juden gestifteten Wohlihätigkeitsanstalten, deren Thätigkeit sich auch auf Christen erstreckt, von einem Haß des Judenthums gegen die Christen sprechen kann, so ist das doch zum wenigsten gelogen — ob absichtlich? das wollen wir nicht untersuchen — vielleicht lieft Herr Plath keine Zeitungen? Wären alle die Herren, die diese Lüge ruhig passiren ließen, durch und durch Geistes- und Gesinnungsgenossen des Herrn Stöcker, so würden wir an dem Vorkommen einer Unwahrheit keinen Anstand nehmen, denn daß dieser Herr es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, hat ja die bekannte Hänel'sche Interpellation im Abgeordnetenhause hinlänglich erwiesen. Daß es sich nur „um das moderne Judenthum, den linken Flügel desselben, der sich nicht mehr an die Lehren der Schrift anlehnt", handle, ist eine Phrase, die, wenn sie wirklich ernst gemeint wäre, dennoch bei den gesetzestreuen Juden nicht verfangen würde, weil sie in den internen Angelegenheiten des Judenthums sich jedes Schiedsrichteramtes seitens der Herren der August-Conferenz verbitten. Daß es aber mit dieser Phrase gar nicht ernst gemeint sei, geht ja aus der ganzen Rede des Referenten hervor. Es wird ihm nicht gelingen uns zu beweisen, daß sein ausgesprochener Wunsch „die Emanzipation der Juden, die sich als unbrauchbar erwiesen habe, müsse zurückgenommen werden, sich nur auf die „modernen Juden" beziehe, daß er nicht die ganze Judenheit und das Judenthum in allen seinen Nüancirungen im Auge habe. Was aber in der Neuzeit an Gehässigkeit gegen die Juden gesagt wurde, ist nichts gegen folgenden Gedanken: „Die Ideen von 1789 haben in den Inden die Idee der Gleichberechtigung mit denen, unter welchen sie lebten, entstehen lassen, und sie wurden in ihren Bestrebungen unterstützt von denen, die sich durch falschverstandene Menschenliebe und durch das Trugbild einer Humanität ohne Christenthum von dem Gedanken leiten ließen, es gelte ein den Juden zugefügtes Unrecht gut zu machen." Muß man erst die Kunst besitzen, zwischen den Zeilen lesen zu können, um herauszustudiren, daß Herr Plath einer ihm Beifall spendenden Versammlung von Dienern der „Religion der Liebe" und Männern, die sich gerne als die „Frommen" bezeichnen hören, die mittelalterlichen und nachmittclalterlichen Verfolgungen der Juden gutgeheißen hat? „Falschverstandene Menschenliebe", eine trügerische Humanität spricht davon, daß man ein den Juden zugefügtes Unrecht gut zu machen habe! Ist überhaupt an Juden ein Unrecht gut zu machen? Schließt der Referent nicht von vornherein einen solchen Gedanken aus, wenn er von dem Hasse spricht, den das Juden-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.