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Der Israelit · 1881-09-21 · Heft 38 (21.9.1881) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 38 (21.9.1881)
Date
1881-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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950 wir brauchen nicht um ein Jahrhundert zurückzugehen; auch heute noch macht sich die Rohheit und Verfolgungssucht in ähnlicher Weise geltend. Fortgesetzte Unterdrückung, Verfolgung und Erniedrigung pflegen, so lehrt die Weltgeschichte, einen demoralisireuden Einfluß auf die Unterdrückten zu üben und sie zu verkommenen und unfähigen Menschen zu machen. Daß dies bei den Juden nicht eingetreten, ist eins der größten Wunder. Man ersieht augenscheinlich das wunderbare Walten der göttlichen Vorsehung in den Geschicken des jüdischen Volkes. Die Revolution von 1789 proclamirte die allgemeinen Menschenrechte und nahm auch den Juden der linksrheinischen Provinzen die drückenden Fesseln ab. Die Napoleonischen Kriege trugen die neuen Ideen der Humanität durch ganz Europa. DieReaction von 18l5 vermochte die Juden nicht ganz wieder in die alte Unterdrückung hineinzudrängen. Allmählich wurde ein Menschenrecht nach dem andern errungen. Es ging langsam, langsam vorwärts. Die völlige Gleichstellung ist ja sactisch heute noch nicht eingetreten. Es findet sich kein jüdischer Linienoffizier in der deutschen Armee. Außer im Großherzogthum Baden hat in ganz Deutschland kein Jude ein höheres Staatsamt inne. Aber wie groß war der Aufschwung, den die Juden nahmen, als ihnen die drückendsten Fesseln abgenommen wurden! Die Juden zeigten auf das Glänzendste, daß auch die erniedrigendste Behandlung und Knechtung ihre großen und vielseitigen Geistesanlagen nicht zu unterdrücken vermocht hatten. Sobald der Zunftzwang aufhörte, ließen sie ihre Kinder Handwerke lernen. Sobald die^'größte Gehässigkeit sich nur etwas milderte, ließen sie" ihre Kinder die öffentlichen Schulen besuchen. Und was hatten diese armen Kinder zu erdulden inmitten einer seindlichgesinnten Kinderwelt! Sie ertrugen es in Geduld und suchten die boshaften Mitschüler durch Fleiß und Aufmerksamkeit zu überflügeln, was denn auch in der Regel gelang. Dann wurde der bisher verachtete und verhaßte Judenknabe umworben; man suchte seine Freundschaft, um sich von ihm die schweren Stellen in den römischen und griechischen Schriftstellern vorübersetzen zu lassen oder um die Exercitien und Reinaufgaben von ihm abzuschreiben. Das hinderte jedoch nicht, ihn bei nächster Gelegenheit zu beschimpfen, zu verhöhnen, zurückzusetzen. In den höheren Klassen des Gymnasiums und auf der Universität wurden diese Verhältnisse, wenn auch etwas weniger roh und schroff, noch unangenehmer, drückender. — Aehnlich erging es in andern Lebeuskreisen. Ueberall hatte der Jude gegen tausend Schwierigkeiten, die sich ihm entgegenstellten, anzukämpfen. Trotzdem haben unsere Glaubensgenossen im Laufe weniger Jahrzehnte ganz Erstaunliches zu leisten vermocht. Sie haben sich aus dem Staube ohnmächtiger und zertretener Parias auf die Höhe der Künste und Wissenschaft gehoben, in Handel und Industrie sich bedeutende und einflußreiche Stellungen errungen. Die Weltgeschichte kennt nichts Aehnliches. Aber all diese hohen Güter sind gefährdet, sobald Israel sich von seinem Gotte abwendet. Nur bei Ihm finden wir Hilfe und Schutz. Das beweisen die neusten Ereignisse aus das Deutlichste. Wir können mit dem Psalmisten fragen: „Warum toben die Völker und die Nationen wähnen Eiteles?" — Was haben die Juden, was haben die Semiten verbrochen, daß sich in Rußland und in Pommern die Volkshaufen zusammenschaaren, ihr Eigenthum zerstören, ihr Leben bedrohen? — Aber auch in der Residenz, in der Hauptstadt des deutschen Reiches, in der Centrale der Intelligenz, pflegen der hohe Adel und die vornehmen Geistlichen zusammen Rath wider Gott und gegen das von ihm erkorene Volk. Sie sprechen: Wir wollen uns frei machen von der Herrschaft der Juden, wollen zerreißen ihre Fesseln, wollen uns auflehnen gegen die drohende Verjudung." Die Geschichte der jüngst verflossenen Monate hat zur Genüge bewiesen, wie leicht der gegen uns gerichtete Haß und das überall noch vorhandene Vorurtheil entfesselt werden können. Davor gibt es keine Flucht, dagegen helfen keine Vorsichtsmaßregeln. Es gibt für uns nur eine Hilfe und eine Rettung, und das ist unser Vater im Himmel, der nie schläft, nie schlummert, der Hüter Israels. (Fortsetzung folgt.) Literarischer Bericht. p"£p tt"Din miiDjns p*?n 0"si p i:n ’ü-p’b isd Mit ungewöhnlicher Raschheit schreitet das vorliegende Werk seiner Vollendung zu. Vor kaum drei Jahren erschien der erste Theil, und vor uns liegt nun der vierte, welchem nur noch einer folgen soll, mit dem das Werk abgeschlossen sein wird. Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde eine solche rasche Aufeinanderfolge der Theile ein Beweis für den materiellen Erfolg des Verfassers sein; bei einem Werke wie dieses, das nur auf den ganz kleinen Kreis der talmudisch Gebildeten angewiesen ist, ist dieses schwerlich anzunehmen. Es scheint vielmehr, daß der Verfasser keine Mühe und Kosten scheut, um nur das Werk zum Abschluß zu bringen. Bei Werken der talmudischen Literatur ist überhaupt der materielle Erfolg ein sehr seltener, das Höchste was erreicht zu werden pflegt, ist, die Deckung der Druck-

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