Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1881)
- Date
- 1881-08-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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880 Die Frage der Sophisten war eine Anspielung! aus das Verhältniß Israels zu seinem Gotte. Es heißt in der heiligen Schrift: Der Ewige kam von Sinai und strahlte von Seir ihnen, erschien vom Berge Paran. — Gott batte, ehe Er sich Israel offenbarte, die Thora andern Völkern angeboten, und sie hatten die Annahme derselben verweigert. Ist es da nicht erwiesen, so fragten die Weisen von Athen, daß Israel geringer und unbedeutender ist, als die übrigen Nationen? Wer die vornehme Gattin nicht erlangen kann, muß eine solche aus geringem Stande nehmen. — Rabbi Josua aber verglich die Thora einem Nagel, der Allem zum Haltepunkte dient. Man kann ihn nicht an niederer Stätte in die Mauer schlagen; nur an hohem Platze entspricht er seiner Bestimmung. — „Ein Mann/' frugen die Weisen wieder, „der einem Andern Geld geliehen und es nur mit Mühe mittels gerichtlicher Verfolgung wieder erhalten kann, was soll ihn bewegen, noch einmal zu leihen?" „„Ein Mann,"" antwortete Rabbi Josua, „„ging nach dem Sumpfe und schnitt eine Last Rohrstäbe, fand aber Keinen, der ihm die schwere Last auflud. Da schnitt er, weil er weder seine Last vermindern, noch müssig dastehen wollte, noch mehr Stäbe ab, und fügte sie zu der Last, bis endlich Jemand kam und ihm dieselbe auf die Schulter legte." " Es ist dies die alte Frage, die an uns wieder und wieder gerichtet wird. Gott hatte Israel das gelobte Land gegeben und Israel hatte es nicht zu erhalten verstanden; Gott hatte Israel die Thora gegeben, und Israel hat ihre heiligen Gebote nicht zu erfüllen vermocht. Ist es anzunehmen, daß Gott noch einmal dies Volk erwähle, welches den gerechten Anforderungen zu entsprechen nicht verstanden hat? — Rabbi Josua aber entgegnete, daß einst die Zeit kommen wird, in welcher der gottgesandte Erlöser die schweren Lasten auf unsere Schulter hebt, und wir sie mit Leichtigkeit tragen. Bis dahin leben wir unsrer Aufgabe, die Thora zu erforschen und in ihren Sinn immer tiefer einzudringen. „Sage uns," fuhren die Weisen fort, „ein Wort des Scherzes." „„Wir hatten,"" antwortete Rabbi Josua, „„ein Maulthier, das bekam ein Junges. Dem hängte die Alte ein Schreiben an den Hals, daß es für das väterliche Haus hunderttausend Gulden aufzubringen habe."" „Bekommt denn das Maulthier Junge?" frugen! die Weisen. „„Es ist eben ein'Wort des Scherzes,"" evwiederte Rabbi Josua. Die weisen Erklärer des Talmuds finden in dieser Frage und in dieser Antwort eine Anspielung auf jene neue Lehre, welche damals ganz ungemein an Ausbreitung gewann. Den griechischen Philosophen erschien sie nur gering und unbedeutend und deßhalb verlangten sie auch Auskunft darüber unter dem Gewände des Scherzes. Rabbi Josua verglich sie einem aus der Mischung verschiedener Arten entstandenem Wesen, weil jene Lehre sich der heidnischen anzuschmiegen wußte. „Salz, das in Fäulniß überzugehen droht," fragten die Weisen, „womit soll man es salzen?" „„Mit der Nachgeburt eines Manlthieres;"" erwiderte Rabbi Josua. „Hat denn das Maulthier etru Nachgeburt?" „„Kann das Salz in Fönlniü übergehen?"" fragte Rabbi Josua entgegen. Israel ist das Salz der Wr und Gott hat mit ihm einen „Berith MelachOlam", einen ewigen Bund des Salzes, geschlossen. Dieser Bund ist ewig unauflöslich. „Der alte Bund" bleibt ewig neu und wird niemals durch „ejnen neutvt 23un6" ersetzt werden. Das Salz kann -Acht in Fäulniß übergehen, und es bedarf daher keiner andern Substanz, um es zu conserviren. Noch viele Fragen richteten die Weisen von Athen an den weisen Judäer, die er alle genügend beantwortete oder siegreich zurückwies. — Sie mußten sich endlich für besiegt erklären. — Kaiser Hadrian war entzückt von der Weisheit des großen Lehrers der Juden. Cr beschloß, das Judenthum näher kennen zu lernen und sich über das Wesen desselben zu unterrichten. Die Lehre von dem einzigen, allmächtigen, unsichtbaren Gotte schien ihm unbegreiflich. Er verlangte Gott zu sehen. Da hieß ihn Rabbi Josua in die Sonne zu blicken und sprach: „Wenn Du einem seiner vielen Diener nicht in das Antlitz zu blicken vermagst, ohne das Auge geblendet abzuwenden, wie willst Du da den Allherrn schauen?" Diese Antwort gefiel dem Kaiser und er äußerte» den Wunsch, ebenfalls ein Diener und Bekenner des einzigen, allmächtigen Gottes zu werden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).