Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1881)
- Date
- 1881-07-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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764 Herzens und nach dem Maße seines Vermögens monatlich ein Gewisses zu dieser großen und außerordentlichen Wohlthat beitragen möge, nämlich unsere Armen zu ernähren und zu erhalten und zu unterstützen." „Schon von morgen an wird solches geschehen, und ein Jeder wolle sich eintragen in die Rolle, welche diese Männer allen wohlhabenden Gemeinde- Mitgliedern vorlegen werden, — ein Jeder wolle die Spende verzeichnen, die er Monat für Monat geben wolle zum Heile der Armen zur Ehre Gottes, — der Eine viel, der Andere weniger, — Jeder nach seinem Vermögen." „Die würdigen, bewährten und wackeren Männer aber, welche sich diesem heiligen Werke der Einsammluitg unterziehen, sie werden auch die Verwaltung und Verwendung der Gaben übernehmen, und sie werden jeden Monat von Neuem dasjenige einfordern, welches ein Jeder mit der Eintragung in die Rolle angelobt hat, so lange er es zu leisten vermag. Sie werden dieses Geld unter die Armen vertheilen nach der Größe ihrer Familien und nach dem Maße ihres Bedürfnisses." „Für die fremden Armen aber, welche von ihren Wohnstätten durch den Hunger und die Roth, oder aus was für Gründen^ sonst, vertrieben, in dem Lande herumirrcn und nicht in die Thore unserer Stadt eingehen dürfen, wollen wir bei der Obrigkeit unserer Stadt bitten, daß es uns erlaubt sein möge, zwei Männer von uns alltäglich in den Thoren der Stadt aufzustellen, um den in Noth und Elend herannahenden Brüdern unseres Volks draußen vor den Thoren eine Gabe zu reichen für ihren Hunger und zur Linderung ihrer Noth." „Ihr aber, wohlthätige Männer, Nachkommen des durch Barmherzigkeit ausgezeichneten Erzvaters Abraham, die ihr gewohnt seid, Liebe und Wohlthat zu üben, ihr Menschenfreunde, die ihr die Söhne von barmherzigen Eltern seid — thut, wie ihr von jeher gethan habt, seid milde und barmherzig, öffnet eure Hand dem bedürftigen Bruder, erbarmt euch seiner Noth, auf daß Gott, der Allgütige, euch gnädig nnd barmherzig fei, und euch segne aus der Fülle seiner Gnade, euch beschirme und schütze vor Noth und Elend, vor Armuth und Krankheit immerdar." Und nach diesen Worten wurde gehandelt. Reichlich flössen die Gaben, man vergaß der eigenen Sorge um den noch Aermeren beizustehen. Die Ansprüche, welche man befriedigen mußte, waren groß; doch größer noch die Wohlthätigkeü unserer Gemeinde. In jeder Sitzung des Vorstandes erschienen um diese Zeit Mitglieder der Gemeinde, welche die Anzeige machten, daß sie nach reiflicher Prüfung ihrer Verhältnisse sich überzeugt hätten, daß sie zu der Gemeindelast noch ein Mehres beizutragen vermöchten, als wozu die „Schätzer" sie eingeschätzt hatten. So erhöhten sie selbst ihren Beitrag zu den Lasten der Gemeinde, trotzdem daß die Geschäfte ruhten und der Verdienst geringer war als ehedem. Und auch die Stadtbehörde zeigte sich den Bitten der Vorsteher und Rabbiner willfährig. Um was diese gebeten hatten, das wurde ihnen bewilligt. — An den Thorwachen saßen zwei Deputirte und reichten den jüdischen Armen die Gabe ihrer Brüder in die Stadt. Ja nicht nur dieses, sondern den Vorstellungen der Juden gelang es endlich eine Erlaubniß dahin zu erwirken, daß die besonders Würz digen unter den Fremden mit einem Scheine der Vorsteher in den Thoren versehen, auf 24 Stunden! in die Stadt gehen durften, um ihre Brüder, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde, zu besuchen. Und ferner auch — daß an jedem Freitage alle jüdischen armen Fremden vor den Thoren unter Aufsicht der Gemeindeaufseher in die Stadt ziehen durften, um hier in einem besondern Hause über Sabbat zu bleiben und auf Kosten der Gemeinde mit Speise und Trank für drei Mahlzeiten versehen zu werden. Also steht Gott seinem Volke bei und gewährt ihm Gnade in den Augen der Mächtigen der Erde. Diese trüben Zeiten der Noth und der Kriegsunruhe wurden mit Gottes Hilfe überstanden.? Gesegnet sei der, der die Zeiten ändert! Nach siebenjährigem Kampfe drang die Botschaft des Friedens in die Länder. Die Aecker brachten ihren Ertrag; die Scheuern füllten sich wieder; der Verkehr des Handels belebte sich aufs Neue; die Bewohner der Dörfer und Städte konnten wiederum in Sicherheit ihren Beschäftigungen nachgehen. Das Gute aber ist geblieben. Was in der Zeit der Bedrängniß geschaffen worden, hat sich erhalten. Der große Armenverein, welcher noch heute zum Segen in unserer Mitte schafft, ist nur die Fortsetzung jener vorhin erzählten Veranstaltung. Der Väter gutes Wirken, vererbt sich aus die Söhne — das ist der Segen der Frommen, — ihr Angedenken bleibt zum ewigen Segen! (Fortsetzung folgt.)