Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1881)
- Date
- 1881-07-27
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXII. Jahrgang. Zw ritt Beilage zu llr. 30 des Israelit. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 19. Juli, lieber die Tumulte in Neustettin wird der „Nationalzeitung" von dort unter dem 18. geschrieben: „Abends war unsere Stadt der Schauplatz tumultuarischer Vorgänge. Im Laufe des Nachmittags fand in den Anlagen ein Rencontre zwischen dem Ingenieur Luttosch — ausgesprochenem Antisemiten — und dem Personale der Adolf Eohn'- schen Buchdruckerei — jüdische junge Männer — statt, bei welchem dem Luttosch nicht unerhebliche Kopfwunden mit einem Hausschlüssel beigebracht wurden. Wer die Schuld an dieser Rauferei hat, muß einstweilen dahingestellt bleiben. Dieser Vorfall war sehr schnell in der ganzen Stadt bekannt geworden und hatte die Gemüther eines Theiles der Bevölkerung in sichtliche Erregung versetzt. Sehr zu Statten kam dieser erregten Stimmung der Umstand, daß es Sonntag war und somit Arbeiter und Gesellen schnell bei der Hand waren. Gegen 9 Uhr Abends war der ganze Marktplatz mit einer dicht gedrängten Menschenmenge angefüllt, die die Absicht, aus die jüdische Bevölkerung loszugehen, ganz unzweideutig kund gab. Die Volksmenge, Luttosch an der Spitze, bewegte sich um 9 Uhr vom Marktplatz nach Herzbergs Gasthaus. Hier kehrten die meisten ein, während die Polizei bemüht war, die Menge auf der Straße zu zerstreuen. Von Seiten der Polizei wurde zunächst der Ingenieur Luttosch in Sicherheit gebracht, weil man annehmen mochte, daß dann die Sache einen ruhigen Verlauf nehmen werde. Dies letztere trat jedoch nicht ein; die Menge zog nun wieder nach dem Marktplatz und verlangte laut schreiend und tobend die Freigabe des Luttosch. Es wurden viele Verhaftungen vorgenommen, man sagt von 30 bis 40 Personen, jedoch war es unmöglich, die Tumultuanten zu zerstreuen. Die wenigen Polizeimannschaften konnten, obwohl der Bürgermeister in seiner Eigenschaft als Polizeiverwalter thätig eingriff, die Menge nicht bewältigen, und von den hier stationirten Gensdarmen war keiner zu sehen. Gegen zwölf Uhr bewegte sich die Menge, laut schreiend: „Die Juden müssen heraus! Schlagt die Juden!" :c. durch die preußische Straße, hier zuerst an dem Laden des jüdischen Tabakhändlers Wolfram anhaltend. „Hier wohnt ein Jude!" schrie es aus der Menge, und sofort war das Schaufenster eingeworfen und fast der ganze Laden demolirt. Dann ging es weiter der Bahnhofstraße zu. Vorher wurde noch dem jüdischen Drechsler Behrend das Schaufenster eingeworfen, und als die Menge das Haus erreicht hatte, in welchein die Redaktion und die Druckerei der „Neustettiner Zeitung," Adolf Eohn, sich befindet, war die Menge so erregt, daß sofort ein Angriff auf das Haus unternommen wurde. Die Fenster wurden zertrümmert, Ziegelsteine vom nächsten Bau herbeigetragen und fortwährend das Haus und die Fenster beivorfen. Die Presse und überhaupt die Druckereigeräthe müssen arg beschädigt sein, denn es verlautet, daß die Zeitung nicht mehr erscheinen werde. Das Personal der „Reustcttiner Zeitung" soll sich zuerst aus einen Kampf eingelassen haben, indem die Volksmenge aus dem Hause ebenfalls beworfen wurde. Schließlich haben die Leute sich abe/ auf das Dach des Hauses flüchten müssen. Sodann wurde noch das Schaufenster des Freundlich'schen Ladens und das des Topfwaarenhändlers G. Orbach arg beschädigt. Außerdem sind noch mehrere weniger erhebliche Fensterbcschädiguugen vorgekommen. Der Tumult dauerte fast die ganze Nacht und die Befürchtung ist hier stark verbreitet, daß der bedauerliche Vorgang noch weitere Fortsetzungen haben wird." Berlin, 19. Juli. Die „Grenzboten" veröffentlichen in ihrem neuesten Hefte einen Brief, den der frühere österreichische Justizminister Dr. Glaser im Jahre 1872 an seinen Vater geschrieben haben soll. Dieser Brief, in welchem Glaser und der Minister Unger als Juden und zwar als Emissäre der „Alliance Jsraölite" erscheinen, welche den alten österreichischen Adel beseitigen, sich selbst adeln lassen und endlich dem „wahrhaft neuen und regenerirten Adel aus dem jüdischen Volke die Nationen unterwerfen lassen" wollen, ist eine plumpe Fälschung. Dr. Glaser erklärt in einer Zuschrift an die „Wiener Presse," daß er niemals einen solchen Brief geschrieben habe. Ucberdies ist die Unechtheit desselben schon im Jahre 1872 vor Gericht dargethan worden. Was die „Grenzboten" veranlaßt, von Neuem wieder mit diesem erlogenen Machwerk hervorzutreten, läßt sich unschwer einsehen: man will in Glaser den Mann semitischer Abstammung und der Liberalen treffen. i